"Noch näher am Zuschauer"

Juliana Eiland-Jung

Von Juliana Eiland-Jung

Mi, 05. Juli 2017

Lahr

BZ-INTERVIEW mit Theaterleiter Christopher Kern über die Version 1943 von Brechts Stück.

LAHR. Einem Zufall und der Hartnäckigkeit von Theaterleiter Christopher Kern ist es zu verdanken, dass in Lahr am kommenden Wochenende eine bislang nur zweimal inszenierte und weitgehend unbekannte Fassung von Bertolt Brechts "Der gute Mensch von Sezuan" aufgeführt wird. BZ-Mitarbeiterin Juliana Eiland-Jung sprach mit Kern über die Besonderheiten dieser Inszenierung.

BZ: Herr Kern, wie kam es dazu, dass ausgerechnet in Lahr nun genau diese Fassung als Amateurtheater-Premiere zustande kam?

Christopher Kern: Ich bin durch Zufall bei der Suche nach einem neuen Stück für unsere Theatergruppe auf einen Hinweis zu einer zweiten Fassung des "guten Menschen von Sezuan" gestoßen und habe im Suhrkamp-Verlag nachgefragt, ohne zu wissen, dass das so rar ist. Dort hieß es: "Das haben wir nicht, da müssen wir die Brecht-Erben fragen", und ich dachte: "Das war’s". Aber von wegen: Acht Wochen später hatten die Erben zugestimmt und ich habe das Brecht-Archiv in Berlin kontaktiert, wo das einzige Manuskript und davon eine einzige, schlechte Kopie vorhanden ist. Der Leiter des Archivs hat sich anfangs schon gewundert, dass ein Amateurtheater aus der Provinz sich für einen Text interessiert, der noch nicht einmal wissenschaftlich aufgearbeitet ist. Aber auch er erwies sich als äußerst hilfsbereit und so haben wir am Schluss die Aufführungsrechte bekommen, wohl auch, weil die Brecht-Enkelin Johanna Schall dem Projekt sehr zugeneigt war.

BZ: Wie groß sind die Unterschiede zur bekannten Fassung?

Kern: Es gibt einen ganz neuen Schwerpunkt. Die im amerikanischen Exil in Santa Monica entstandene Fassung, die jetzt offiziell "Version 1943" heißt, legt vier mehr Wert auf das individuelle Verhalten und die Verantwortung des Einzelnen und nicht nur auf die politischen Verhältnisse. Die Szenen in einer Tabakfabrik, die ja ganz gut nach Lahr gepasst hätten, fehlen ganz.

BZ: Können Sie sich die Änderungen erklären?

Kern: Die politische Aussage wird deutlich erweitert. Statt um Tabak und die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen in einer Fabrik geht es jetzt um Opium und die wirtschaftlichen wie persönlichen, zerstörerischen Folgen des Geschäfts damit. Gleichzeitig ist das Stück durch die Betonung der eigenen Verantwortung noch näher herangerückt an den Zuschauer.

BZ: Wie fühlt es sich an, als erstes Amateurtheater ein solches Stück aufzuführen? Aufgeregt?

Kern: Die Freude überwiegt bei mir: Es ist ein Glücksfall, eine große Chance, der wir uns mit Demut vor dem literarischen Text und Brechts dramaturgischen Ideen widmen wollten. Deshalb sind wir möglichst werkgetreu geblieben und versuchen, mit unseren Mitteln das Beste herauszuholen. Es ist gut möglich, dass Brecht diese Fassung gar nicht abschließend bearbeitet hatte. Sie wurde ja erst nach seinem Tod aufgefunden, zu Lebzeiten nie aufgeführt und wirkt am Ende etwas fragmentarisch. Deshalb werden wir auch mit dem Epilog aus der bekannten Fassung enden: "Der Vorhang zu und alle Fragen offen."

Der gute Mensch von Sezuan. Version 1943. Mit Musik von Paul Dessau. Stiftsschaffneikeller. Aufführungen: 7. und 8. Juli, je 20 Uhr. Karten (Vorverkauf 10 / 8 Euro, Abendkasse 12 / 10 Euro): Kulturbüro Lahr, Buchhandlungen Schwab und Rombach, Musikhaus Eichler. Weitere Aufführungen: 29. und 30. September, 2. und 3. Dezember.