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19. Oktober 2016

Über die Ortenau hinaus geschätzt

Der erste Preis der Lahrer Murre für alemannisches Literaturschaffen in Prosa ging nach Straßburg, in der Kategorie Lyrik nach Buggingen.

  1. Preisverleihung (von links): Kathrin Ruesch, Willi Keller, Joseph Schmittbiehl, Bürgermeister Guido Schöneboom, Anita Vogel, Birgit König von der Mediathek und Anette Zirlewagen-Burzlaff Foto: Heidi Fössel

LAHR. Der Preis Lahrer Murre für zeitgenössisches alemannisches Literaturschaffen hat seinen Bekanntheitsgrad deutlich über den Ortenaukreis hinaus ausgeweitet. Die Jury des nunmehr im zweiten Jahr von der Mediathek ausgelobten Wettbewerbs hatte dieses Jahr nicht nur die Qual der Wahl zwischen 36 Beiträgen, darunter auch Einsendungen aus dem Raum Karlsruhe und Straßburg. Die Qualität der Beiträge in der Kategorie Prosa war so hoch, dass mehrere zweite Preise vergeben wurden, um das Engagement der Autoren zu würdigen.

Den ersten Preis in der Kategorie Prosa erhielt erstmals ein Autor aus Straßburg: Für die gesellschaftskritische Kurzgeschichte "Hans un Aysha" von Joseph Schmittbiehl hatten die Juroren nur Lob und Anerkennung. Schmittbiehl erzählt in einem knappen, schildernden Stil, mit dem erzähltechnischen Kniff eines Exposés und einer zeitlichen Rückblende, von der Freundschaft des echten, betagten Straßburgers Hans mit dem kleinen muslimischen Mädchen Aysha inmitten eines riesigen Sozialbaus am Rande der elsässischen Metropole. Hans widersteht dabei sämtlichen Anfeindungen und Denunziationsversuchen aus der Nachbarschaft, genauso wie dem brachialen Zugriff der staatlichen Ordnungsmacht, die auch Unschuldige in ihren Kampf gegen den islamistischen Terrorismus hineinzieht. Seiner Sprache, dem Straßburger Alemannisch, verleiht Schmittbiehl dabei die eigentlich vermittelnde und integrierende Kraft. Doch bezeichnete Schmittbiehl in seiner spontanen Dankesrede die alemannische Sprachkunst im Elsass als einen "Schwanengesang". Mutig fügte er dem auch ein politisches Statement hinzu: "Ich begrüße Sie hier als Europäer, als Elsässer, aber sicher nicht als Franzose." Scharfe Kritik war von ihm zu hören, angesichts der Fusionierung der beiden elsässischen Departements in die neu geschaffene Großregion "Grand Est".

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Subtile, verdichtende Töne schlug in der Kategorie Lyrik die junge, aus Buggingen im Markgräflerland stammende Autorin Kathrin Ruesch mit dem Gedicht "Johreslauf" an. Sie wählte eines der schwierigsten, weil auch in der hochdeutschen Literatur seit Jahrhunderten emblematischen Themen: den Jahreszeitenlauf. Ruesch sei nicht in Kitsch und metaphorische Plattitüden verfallen, das allein sei schon eine Kunst, begründete Laudator und Jurymitglied Stefan Pflaum die Entscheidung. Er wies Rueschs hohe sprachliche Schöpferkraft unter anderem auch an Adjektiven wie etwa "traumrägegroß" nach. Ihre Wortschöpfungen seien so einzigartig, dass jeder andere Autor, der sich ihrer bedienen wolle, sich praktisch dem Plagiatsvorwurf aussetze. Rueschs Metaphern und Sprachbilder überschritten ihre freien, reimlosen Verse und ließen die alemannische Sprache damit zwischen Himmel und Erde schweben. Dabei bezog Pflaum sich auf einen Teil der zweiten Strophe, die dem Sommer gewidmet ist: "…/rosagälgreenblaui träum entwerfe/us ludder wörter ohni grund/un bode/nit bode-/ständig himmel/bis es/bleedeblätter rägnet un/holundersternle schneit."

Die tiefe Wirkung beim Zuhörer erhielten diese Vers-Kaskaden allerdings erst durch Rueschs in Rhythmus und Betonung traumwandlerisch sicheren Vortrag.

Die Preisträger

Lyrik
Erster Preis: Kathrin Ruesch, "Johreslauf", (sprachliche Herkunft: Buggingen, Markgräflerland)
Zweiter Preis: Michael Köhler, "S chunnt", (sprachliche Herkunft: Ettlingen)
Prosa
Erster Preis: Joseph Schmittbiehl, "Hans und Aysha", (sprachliche Herkunft: Straßburg)
Zweite Preise: Anita Vogel, "D Hawaii-Susi", (sprachliche Herkunft: Kappelrodeck); Willi Keller, "Vom Buureschterbe" (sprachliche Herkunft: Renchtal);
Anette Zirlewagen-Burzlaff, "Nizza 14.7.16" (sprachliche Herkunft Bräunlingen, Schwarzwald-Baar)  

Autor: bets

Autor: Babette Staiger