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13. September 2017

Demokratie

Wo in Lahr auch Jugendliche und Migranten wählen können

Wer noch nicht 18 ist oder keinen deutschen Pass hat, darf nicht wählen – außer bei der U18-Wahl und der Migrantenwahl. Beim Jugendmigrationsdienst in Lahr finden beide parallel statt. Ein Besuch im lauten Wahllokal.

  1. Felix Neumann (links) erklärt Talal Kurdas den Begriff „Obergrenze“ – mit einem Artikel über Horst Seehofer als Beispiel. Foto: Konstantin Görlich

  2. Felix Neumann (hinten links) und Martin Hörner (rechts mit iPad) erklären Jugendlichen die U18/Migrantenwahl. Foto: Konstantin Görlich

LAHR. Wer noch nicht 18 ist oder keinen deutschen Pass hat, darf nicht wählen – außer bei der U18-Wahl und der Migrantenwahl. Beim Jugendmigrationsdienst in Lahr finden beide parallel statt. Ein Besuch im lauten Wahllokal.

Felix Neumann vom Lahrer Jugendmigrationsdienst der Diakonie hat viel zu tun. Direkt vor seinem Büro ist am Dienstag ein Wahllokal aufgebaut. Er flitzt zwischen den Jugendlichen hin und her, erklärt den Wahl-o-Mat und immer wieder auch dessen Themen – mit schnellen Worten, fast wie ein Rapper. Kein Wunder, denn Neumann ist einer, er ist die eine Hälfte des HipHop-Duos Zweierpasch. Später wird es noch einen kleinen Auftritt für die Jugendlichen geben.

Die meisten werden dann schon wieder weg sein. Viele kommen rein, wählen – und gehen wieder. Fast wie in einem richtigen Wahllokal. Aber die Wahl, die hier stattfindet, zählt für die echte Politik nicht, so will es das Gesetz. Wählen für Leute, die nicht wählen dürfen. Hier kann seine Stimme abgeben, wer noch nicht 18 ist, wie bei der U18-Wahl an den Schulen, und wer keinen deutschen Pass und damit kein Wahlrecht hat. Migrantenwahl heißt das dann. Beim Jugendmigrationsdienst ist beides kombiniert.

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Felix Neumann ist gar nicht so wichtig, warum die Jugendlichen kommen. "Unser Ziel ist, dass sie wählen, und dass sie wissen, wen sie warum wählen", sagt er, und wendet sich einem jungen Mann zu, der gerade hereingekommen ist. "Curse, mein Lieblingsrapper", sagt er zu ihm, und deutet auf den Ghettoblaster im Regal, auf dem HipHop läuft, mit sattem Bass. Auch das ist anders, als in echten Wahllokalen.

Talal Kurdas hat schon am Vormittag gewählt und erklärt jetzt selbst anderen jungen Migranten den Wahl-o-Mat, der auf einer Hand voll iPads läuft, die bereitliegen. Talal ist 20 und stammt ursprünglich aus Damaskus in Syrien. Er würde gerne auch bei der Bundestagswahl wählen. Ausreichend informiert dafür ist er, nur mit manch kompliziertem, langem Wort im Wahl-o-Mat hat er Probleme. "Obergrenze"? Als Neumann mit einem Artikel über den CSU-Politiker Horst Seehofer nachhilft, macht es klick. Andere Themen, die diskutiert werden, sind das Tempolimit auf Autobahnen oder der Bundeswehreinsatz im Inneren – und die Legalisierung von Marihuana.

Ein Jugend-Klischee? Na klar! Da muss Mamo Ali lachen. Der 19-Jährige sitzt in zweiter Amtszeit im Jugendgemeinderat von Lahr und hat sich spontan dazu entschieden, die U18-/Migrantenwahl mit zu betreuen. Die Frage nach dem legalen Gras komme oft, aber eher ironisch. Das einzige Thema, was die Jugendlichen interessiert? Quatsch! Martin Hörner zählt Bildungspolitik und Arbeitsmarkt als wichtige Themen für Jugendliche auf – und die Rentenpolitik. So weit muss man als 15-Jähriger erst mal in die Zukunft denken. Aber Martin Hörner ist natürlich politisch interessiert, sitzt ebenfalls im Jugendgemeinderat und gehört dessen Politikgruppe an. Auch wenn er den Jungwählern das iPad mit dem Wahl-o-Mat überreicht, geht es eher um Begriffe, als um Zusammenhänge.

Kein Wunder, viele waren schon bei mehreren Veranstaltungen des Projekts "Neuland-Wahl" dabei. Das läuft seit einem halben Jahr und hat die Wahl als Abschluss – eigentlich. "Viele wollen weitermachen", sagt Felix Neumann. An ihm und seinem Engagement soll es nicht scheitern.

Mamo Ali findet die Veranstaltung noch aus einem anderen Grund gut, der auf den ersten Blick nicht so viel mit politischer Bildung zu tun hat: "Es gibt sonst wenige Gelegenheiten, bei denen sich Migranten und deutsche Jugendliche begegnen", sagt er. Dass sie sich dabei gegenseitig Demokratie erklären – umso besser, zumal Migration ja derzeit ein großes Thema sei. Er selbst ist Erstwähler und weiß noch nicht, wen er wählen wird. In einer kurzen Pause schnappt er sich eines der iPads, googelt Fotos von Wahlplakaten – und schüttelt ab und zu mit dem Kopf.

Dann wird es hektisch. Martin und Felix haben an der Bushaltestelle vor der Tür einige Jugendliche erspäht, und spontan überzeugt, zur Wahl herein zu kommen. Wer von alleine den Weg durch eine Hofeinfahrt und ein Treppenhaus findet, weiß, wohin er oder sie will. 40 Stimmzettel waren vorbereitet, gegen 14 Uhr sind sie schon fast weg. "Wenn wir am Ende 100 Teilnehmer haben, ist das gut", sagt Neumann.

Wer noch wählen will: Am Freitag, 15. September, ist das Wahllokal beim Jugendmigrationsdienst, Bismarckstraße 19, noch mal von 10 bis 12.30 Uhr geöffnet.


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Autor: Konstantin Görlich