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04. Juli 2011
Zwischen klirrenden Höhen und grollenden Bässen
Weltklassik im Pflugsaal: Junge polnische Pianistin Aleksandra Mikulska mit einem intimen und persönlichen Chopin-Recital.
LAHR. Sie ist Polin, blond, mit natürlichem Charme und eine tolle Pianistin. Und sie plaudert in Konzerten gern über ihre Kindheit mit Frédéric Chopin. Aleksandra Mikulska, die am Samstag in der Reihe "Weltklassik" im stark besuchten Pflugsaal gastierte, schafft durch ihre Art zu erzählen im Nu eine familiäre Atmosphäre – etwas, das man bei einem Klassikabend ja nun gar nicht gewohnt ist.
Da erzählt die 30-Jährige von ihrer Oma in Warschau. Mit der hat sie damals, als sie noch klein war, also zu Kommunismuszeiten, immer Radio gehört, Klassik-Programme, mit viel Chopin. Denn Chopin, das war nationales Gut, etwas, das den Polen eine polnische Identität gab. Das empfinde sie auch heute noch so. Wenn sie unterwegs ist, im Ausland, dann ist Chopin für sie Heimat. Ihr Lieblingsstück beim Hören mit Oma war das berühmte Scherzo b-moll, das mit diesem dunklen, eigenartigen "brrrp – brrrp" beginnt, gefolgt von kraftvoll-düsteren Akkorden. Es ist ganz unscherzohaft verrätselt, dieses Werk. Die Akkorde sind wuchtig, eruptiv. Im Mittelteil weichen Düsterhriz und Geheimnis einer verschwärmten Melancholie, voller Erinnerungssüße. Bei Aleksandra Mikulska wirkt alles, was wie bei diesem Chopin-Recital zu Gehör bringt, intim und persönlich.
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So, wie sie erzählt, spielt sie auch. Vordergründig ist das schlicht, dahinter ist es komplex, verästelt, fein gestuft. Sie hat eine hohe Anschlagkultur. Das erlaubt ihr viele Schattierungen in der Dynamik. Gelegentlich schürzt sie die Lippen, wenn sie in die Vollen geht. Oder sie wiegt ihren Körper, wenn Dreivierteltaktschwung eine Passage durchzieht. Pianistisches Schaulaufen ist das nicht. Man spürt, sie würde genauso spielen, sich genauso geben, wenn sie völlig allein am Flügel säße. Es gibt Momente, da langt sie richtig hin. Etwa bei der "Polonaise héroique", opus 53, mit einem knalligen "Padam Padam"-Rhythmus, in dem sich kriegerisch Fanfaren, Pauken und Tschinellen spiegeln, während im Achtel-Gestanze der Basshand der Galopp vorübersprengender Reiter hörbar ist.
Und natürlich bei der Sonate h-moll, opus 58: Die grellen Akkordblitze im ersten Satz, die wilden, zerrenden, rauschaften Triolenketten, das Klangspektrum zwischen klirrender Höhe und grollenden Bässen, diese Zerrissenheit überall – das wirkt schon fast lustvoll bei Aleksandra Mikulska. Dabei haftet ihrer Interpretation nichts Titanisches an.
Durch ihre Natürlichkeit wirkt auch dieses gewaltige, zwischen drängender Sehnsucht und wuchtigem Aufbegehren, zwischen Grübeln und Fordern hin- und herschlagende Werk völlig organisch. Weil Mikulska jede Empfindung als unmittelbar nimmt, nicht hinterfragt, sondern akzeptiert und ausbreitet, als wollte sie sagen: "Wir Polen sind halt so." Bedauerlich war einzig, dass das Instrument im Pflugsaal von der Qualität her mit der Pianistin nicht mithalten konnte und auch die Akustik ein wenig überfordert war.
Autor: rob
