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11. August 2012

Erinnerung an Flut

Land unter in Sachsen

Vor zehn Jahren versanken große Teile Sachsens in der Jahrhundertflut – und der Schock steckt vielen Betroffenen bis heute in den Gliedern.

  1. Foto: dpa

  2. - Foto: Verwendung weltweit, usage worldwide

  3. - Foto: Verwendung weltweit, usage worldwide

  4. Glashütte, Hochwasser 2002 Foto: dpa

Eva Beckert kann sich noch sehr genau an alles erinnern, an die zwei Tage im Treppenhaus, an die Angst, das Haus könnte über ihr einstürzen. Aber sie will es nicht. Es ist vorbei, sie hat es überlebt. "Bloß nicht daran denken", sagt die 76-Jährige. "Es wühlt nur alles wieder hoch." Eva Beckert wohnt in Glashütte, der hübschen Uhrenstadt im Erzgebirge. Ihr Haus in der Hauptstraße ist renoviert, neue helle Farben, neue Fenster, eine neue Tür. "Es ist gut, dass es lange vorbei ist."

Vor zehn Jahren hatte sich über Sachsen, Tschechien, Polen und Österreich eine Schlechtwetterfront gigantischen Ausmaßes zusammengebraut. Es regnete drei Tage wie aus Kübeln. "Unwetterartige Regenfälle" hatten die Meteorologen angekündigt. Was folgte, war die größte Naturkatastrophe in Sachsen seit Menschengedenken. In Orten wie Zinnwald fielen mehr als 300 Liter Regen pro Tag und Quadratmeter. Oberhalb von Glashütte brach ein Rückhaltebecken. Die Priesnitz ist normalerweise ein Bächlein, in Stunden verhundertfachte sich die Wassermenge. Der Fluss raste als Schlammlawine durch Glashütte, schob Autos und Baucontainer vor sich her, sägte die kleine Stadt mittendurch. Das Wasser untergrub das Haus von Eva Beckert, legte die Grundmauern frei. Die Rentnerin rettete sich ins Obergeschoss, während sich unten alles in einen braunen stinkenden Whirlpool verwandelte. "Es rauschte wie auf hoher See", erinnert sie sich. Alles drohte einzustürzen.

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Anderen erging es noch schlimmer. Das Bild der Familie Jäpel aus Weesenstein ging um die Welt. Die Müglitz raste ins Tal, fraß sich durch das Städtchen, zerriss Häuser, spülte Straßen weg wie Strandburgen. Ihr Bild wurde zum Sinnbild der Jahrhundertflut: Vier Menschen, die auf einem Mauerrest hocken, umgeben vom tosenden Strom, es wird dunkel, ein Hubschrauber kann nicht helfen, sie harren in Todesangst eine ganze Nacht lang aus. Jäpels sind weggezogen, sieben andere Familien auch. Die Reste ihrer Häuser wurden aus Sicherheitsgründen abgerissen. Heute ist dort eine Wiese mit Bäumen. Die Müglitz ist in ein stabiles Bett aus Steinquadern gepackt, die Straße ist neu, die damals weggespülte Eisenbahnstrecke ebenfalls. Die Jäpels wohnen heute weit oberhalb des Flusses. "Hier oben fühlen wir uns wohl", sagt Mutter Andrea Jäpel vor ihrer neuen Bleibe. "Alles ist gut, die Kinder sind groß."

Es war eine Katastrophe in mehreren Akten: Ab Montag, 12. August, traten die Bäche aus dem Erzgebirge und der Sächsischen Schweiz über die Ufer. Auf dem Weg ins Tal zerstörten sie große Teile von Städten wie Wehlen und Königstein, Pirna oder Heidenau, Grimma oder Roßwein. Die Weißeritz verließ ihr Bett, floss plötzlich mitten durch den Dresdner Hauptbahnhof, durch die Einkaufsmeile Prager Straße, am Zwinger und Schauspielhaus vorbei, bis sie beim Landtag in die Elbe einmündete. Große Teile der Altstadt waren ein See geworden.

Die Elbe, normalerweise etwa zwei Meter tief, schwoll in den folgenden Tagen auf 9,40 Meter an und setzte große Gebiete Dresdens unter Wasser: die Altstadt mit Semperoper, Schloss und Zwinger. Wohngebiete entlang des Flusses bis hinauf zum Schloss Pillnitz, die Neustadt mit ihren Kneipen und Restaurants. Damals starben 21 Menschen. Aus Tschechien trieben Holzhäuser, Schuppen, Bäume und Brückenteile die Elbe flussabwärts, ganze Schrebergärtenkolonien machten sich auf die Reise. Bei dem Versuch, ein losgerissenes Frachtschiff per Sprengladung zu versenken und Schlimmeres zu verhindern, kam ein tschechischer Soldat ums Leben.

Dresden wurde teilweise für den Autoverkehr gesperrt, Krankenhäuser wurden evakuiert, Patienten mit Bundeswehrhubschraubern auf Hospitäler in Berlin und Leipzig verteilt. Tagelang hing Dieselgeruch über der Stadt, eine Folge losgebrochener Heizöltanks. Allein in Sachsen betrugen die Schäden 8,6 Milliarden Euro.

Eine unglaubliche Welle der Hilfsbereitschaft brach nach den Fernsehbildern vom Untergang der Elbresidenz los: Es gingen 350 Millionen Euro an Spenden ein, Urlauber in Dresden packten mit an und schaufelten Schlamm aus Kellern. Manche übertriebene Meldung führte aber auch zu kuriosen Aktionen: So schickte ein Großbäcker aus Norddeutschland einen Laster mit Brot nach Meißen, weil es fälschlicherweise hieß, dort drohe eine Hungersnot. Aus Russland kam ein gewaltiges Transportflugzeug mit zwei Schwimmpanzern nebst Besatzungen. Was die Soldaten dann in Sachsen machten, weiß heute keiner mehr. Schwimmpanzer wurden eigentlich nicht gebraucht. Die Soldaten hatten Beutel mit Zwiebeln an Bord, kannten sich nicht aus, fuhren einfach flussaufwärts davon und versuchten zu helfen.

Von den Schäden des Hochwassers ist heute so gut wie nichts mehr zu sehen. Alles wurde renoviert, Fassaden gestrichen, Fenster und Türen ersetzt, Heizungen erneuert, Gasthermen aus dem Keller ins Dachgeschoss verlegt. Nach der Flut kam der Aufschwung, ein Bau- und Reparaturboom sondergleichen. Entlang der Elbe finden sich heute an vielen Häusern Markierungen, die anzeigen, wie hoch das Wasser damals gestiegen war. Nur noch sie erinnern an den schlimmen August vor zehn Jahren.

In manchen Häusern wohnen heute andere Leute als damals. Im Bachweg in Dresden zum Beispiel, wo vor zehn Jahren der Malermeister Friedemann Rößler mit seiner Familie lebte. Auch er war abgesoffen, sein Farblager im Keller überflutet, sein Hund, der im Keller schwamm, wochenlang leuchtend blau. Rößler, heute 60 Jahre alt, wohnt nun mit seiner Frau Maria in Eschbach, außerhalb von Dresden. Seit dem Hochwasser ist die Ruhe dahin. "Ich träume vom Wasser", erzählt er. Vielen, die die Jahrhundertflut erlebten, geht es so. Sie werden unruhig, wenn es stark und lange regnet. Sie gehen nachts ans Fenster, wenn es rauscht und sehen vorsichtshalber mal nach.

Was geblieben ist, neben der Unruhe und den Hochwassermarkierungen, das ist der Streit darüber, wie man mit dem nächsten schlimmen Hochwasser fertigwerden soll. Unter Experten gilt als sicher, dass es kommen wird. Sachsen hat seit 2002 eine Menge unternommen. Ob es reicht?

Eine Wiese, eine Straße, sonst nichts. Vor zehn Jahren war das anders, da war Röderau-Süd bei Riesa eine Neubausiedlung, in der 380 Menschen lebten. Eine Idylle mit kleinen Häusern und Gärten, in der Ferne die Elbe und dazwischen der Damm. Am 16. August 2002 brach der Damm und flutete den Ort, der auf einem alten Nebenarm der Elbe errichtet worden war. Das Leipziger Regierungspräsidium hatte das Baugebiet nach der Wiedervereinigung genehmigt. Es herrschte Aufbruchstimmung, es wurde geklotzt und nicht gekleckert, man sah nicht so genau hin. Zu DDR-Zeiten war die Gegend als Überschwemmungsgebiet ausgewiesen. Danach wollte die Gemeinde das nicht mehr so genau wissen. "Man hätte niemals bauen dürfen", erkannte Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU), als alles 1,60 Meter hoch im Wasser stand. Ein kostspieliger Fehler. Die sächsische Landesregierung beschloss im November 2002 den 40 Millionen Euro teuren Abriss des Ortes und die Umsiedlung der Bewohner. 2003 verschwand Röderau-Süd von der Landkarte.

Es war der spektakulärste Beitrag zum Hochwasserschutz. Sachsen hat seit 2002 eine Menge unternommen, muss sich aber auch eine Menge Kritik gefallen lassen. Die Bilanz von Umweltminister Frank Kupfer (CDU) sieht so aus: 200 Kilometer Deiche sind saniert worden, 65 000 Hektar Land wurden als Überschwemmungsgebiete mit Bauverbot ausgewiesen. Sachsens Talsperren und Rückhaltebecken wurden vergrößert und fassen 50 Millionen Kubikmeter Wasser mehr als damals. Es gibt ein verbessertes Warnsystem. Gefährdete Gemeinden, Krankenhäuser und Unternehmen werden heute per SMS vom Landeshochwasserzentrum alarmiert. Bis 2020 will Sachsen alles zusammengerechnet eine Milliarde Euro für den Hochwasserschutz aufbringen.

Doch das Land gehe den falschen Weg, kritisieren Umweltschützer. "Höhere Deiche und schneller abfließendes Wasser verlagern die Probleme nur flussabwärts", meint die Landtagsabgeordnete Gisela Kallenbach (Grüne). Sie wollen den Flüssen mehr Raum verschaffen und deshalb Deiche abtragen lassen. Weniger Deiche, weniger Kosten.

"Ich möchte das nie
wieder erleben."

Eva Beckert, Flutopfer
Eine von ihnen beauftragte Untersuchung des WWF-Auen-Institutes in Rastatt kommt zu dem Ergebnis, dass bislang zu wenige Deiche rückverlegt wurden. Die Grünen halten die Renaturierung von Auen und die Öffnung von 23 Kilometer Deichstrecke entlang der Flüsse Elbe und Mulde für den besseren Weg als weitere Erhöhungen, Mauern und noch mehr Schutzwände. Der Bund für Umweltschutz und Naturschutz (BUND) beurteilt die Lage ähnlich skeptisch. "Sämtliche bisher umgesetzten Maßnahmen könnten die Wassermassen von 2002 bei weitem nicht aufnehmen", meint BUND-Vorsitzender Hubert Weiger. Ökologischer Umweltschutz und Auenrenaturierung seien versäumt worden.

Das sieht das Dresdner Umweltministerium anders: Oberhalb von Dresden im engen Elbtal Richtung Tschechien gebe es schlicht und einfach keine großen Flächen, in die sich der Fluss bei Hochwasser gefahrlos ausbreiten könne. Die Bewohner von Weesenstein oder Glashütte oder Grimma oder Pirna wissen das sowieso. Sie müssen hoffen, dass es beim nächsten Mal nicht so schlimm kommt wie 2002.

"Ich möchte das nie wieder erleben", sagt Rentnerin Eva Beckert. "Die Angst, das Wasser, der Gestank im Haus, nein, wirklich nicht."

Autor: Bernhard Honnigfort