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01. April 2017

Landschaften, Heilige, Bestien

Ausstellung "Shapes and Shades" im Georg-Scholz-Haus Waldkirch mit Werken von Andrea Hess und Alexander Schönfeld.

WALDKIRCH. Erstmals gemeinsam in einer Ausstellung präsentieren die Freiburger Künstler Andrea Hess und Alexander Schönfeld eine Auswahl ihrer Werke im Georg-Scholz-Haus in Waldkirch. "Shapes and Shades" haben sie als Titel dafür gewählt. "Umrisse", "Linien" und "Schichten", so ließe sich das Wortspiel übersetzen, erläutern die beiden Künstler.

Ein passendes Motto, denn vielschichtig und tiefsinnig sind die in unterschiedlichsten Techniken geschaffenen Kunstwerke, und als Umrisse ohne fertige Botschaft fordern sie den interpretierenden Betrachter, der dem Offenen Fülle gibt.

"Grau, grau, grau sind alle meine Farben" könnte der Besucher in Anlehnung an das bekannte Kinderlied leise vor sich hinsummen, wenn er den ersten Raum der Ausstellung mit den in selbiger Farbe gehaltenen größeren Ölgemälden von Alexander Schönfeld betritt. Sieht er dann genauer hin, bemerkt er ein kleineres Bild, auf dem – den romantischen Blick Caspar David Friedrichs zitierend – ein von hinten gesehener Mann in eine weite, graue Landschaft schaut. Schönfeld möchte dies als Einladung verstehen, sich auf sein Grau einzulassen. Die Bilder seien Landschaftsmalerei, allerdings Landschaft ohne Motiv, rein aus dem Malprozess entstanden, dabei diskret und fern jeder Aufdringlichkeit. Es handelt sich um "Wandelbilder", sagt der Künstler: Je nach Beleuchtung und Blickwinkel entfalten die Farbschichten und Grautöne ganz unterschiedliche Wirkungen. "Fifty shades of grey" eben, wie der Künstler schelmisch anmerkt. Jedenfalls wolle er den Besucher animieren, sich seine Landschaft selber zusammenzubauen.

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Im Raum schwebende Bazillen

Wesentlich farbenfreudiger, luftiger, kommen Schönfelds "Simultanbilder" daher. Einem meditativ in seine Arbeit versunkenen Fensterputzer ein bisschen ähnlich, zieht er mit einer Rakel in einem Ruck, eben "simultan", die am seitlichen Rand untereinander dick aufgetragenen Farben längs über eine Leinwand und wieder zurück. So entstehen wunderbare Farbenspiele, in denen er den Betrachter etwa die Eindrücke einer Indienreise sehen und spüren lässt. Ebenfalls mit der Rakel geschaffen sind seine "Schichtenbilder". Dabei wird zunächst nur eine Farbe aufgetragen, und nach dem sie getrocknet ist, daneben die nächste.

In einem abgedunkelten Raum sind Schönfelds, teils elektrisch beleuchtete, Plastiken aus Pappmaché zu sehen. Zunächst die Tiere: auf dem Boden eine riesige Fliege, entstanden aus der Erinnerung an den Besuch einer langweilige Kunstausstellung. Das durch ein Fenster herein fliegende Insekt als einzig bleibender Eindruck derselben. Eine ganze Gruppe Ratten, intelligente und sympathische Sozialwesen. Dann gibt es riesige, im Raum schwebende Bazillen.

Schließlich die Menschen: In einer Ecke des Raumes ist eine rotierende Walze angebracht, auf der kleine Spielzeugsoldaten befestigt sind. Dreht sich die angeleuchtete Walze im dunklem Raum, bilden die Schatten der Figuren ein fast lebendiges, bewegtes Schlachtengemälde. Die uralte Frage "Warum?" drängt sich auf und wer hier, Ratten oder Menschen, die Bestien sind.

Ebenfalls beleuchtet ist ein äußerst fragiles, durchsichtig schimmerndes, nur aus Kleister und Gras bestehendes und im Schutzraum eines Schaukastens hängendes Kleid, an ein Priesterkleid oder die Reliquie eines Heiligen erinnernd.

Heilige spielen auch in der Kunst von Andrea Hess eine wichtige Rolle. Ihre Gipsplastiken zeugen von der Faszination für diese Entrückten, die meist mit ihren Attributen dargestellt sind. Teils gehören sie einer "homeless" betitelten Serie an. Heimatlosigkeit meint hier aber mehr Offenheit, Freiheit, als depressive Verzweiflung. Ebenfalls ein wenig an Caspar David Friedrich erinnernd, sieht der Betrachter eine Maria, die New Yorker Freiheitsstatue oder zwei innig verbundene Freunde in der Rückansicht. Sie blicken in eine imaginäre Landschaft und Zukunft.

Es sei ihr wichtig, Silhouetten zu schaffen, die Raum zur Interpretation lassen, sagt die Künstlerin. Originell ist der Herstellungsprozess der Plastiken. Die Umrisse werden als Stoffsäckchen genäht und dann mit Gips gefüllt. Ist dieser getrocknet, wird die Plastik entnommen. Diese Technik erlaube auch einen "archäologischen" Blick auf das Kunstwerk, erläutert Andrea Hess, denn auf der fertigen Plastik sind noch die ursprünglichen Falten und Formen des Stoffes erkennbar. Neben die Plastiken treten Öl- und Acrylbilder. Eine Bildserie trägt den Titel "Himmel" oder "Himmelsgefäße". Verarbeitet werden hier Eindrücke des Flanierens in Stadtlandschaften. Der Blick richtet sich dabei von der Straße nach oben und die Häuser erscheinen wie Schluchten mit bizarren Mustern.

Info: Die Ausstellung "Shapes and Shades" wird am Sonntag, 2. April, um 11 Uhr eröffnet. Sie dauert bis zum 7. Mai und hat ein umfangreiches Begleitprogramm. Schon am Mittwoch, 5. April, um 20 Uhr, gibt es ein Kunstgespräch mit den Künstlern. Die Öffnungszeiten der Ausstellung sind Freitag und Samstag von 15 bis 18 Uhr sowie Sonntag und an Feiertagen von 11 bis 16 Uhr.


Autor: Helmut Rothermel