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22. Juni 2012

Lastwagenfahrer werden händeringend gesucht

BZ-INTERVIEW mit Bernd Klug vom Verkehrsgewerbe Südbaden über fehlende Fahrer, Konkurrenz aus Polen und Staus an der Grenze.

  1. B. Klug Foto: Rütschlin

FREIBURG. Jeder dritte Lastwagenfahrer geht bald in Rente, wenige junge Leute rücken nach. Davor warnt der Chef des Verbands des Verkehrsgewerbes Südbaden, Bernd Klug. Vor dem Tag des Straßenverkehrs am Samstag im Freiburger Konzerthaus sprach Klaus Rütschlin mit ihm.

BZ: Wie sieht es auf dem Arbeitsmarkt aus – finden Sie genügend Nachwuchs?
Klug: In den nächsten zehn Jahren geht rund ein Drittel unserer Fahrer in den Ruhestand. Diesem massiven Abgang stehen nur wenige junge Menschen gegenüber, die sich für den Beruf des Kraftfahrers oder andere Logistikberufe interessieren. Für uns folgt daraus, dass wir trotz aller Vorurteile konzentrierter über die attraktiven und interessanten Beschäftigungsmöglichkeiten im Transport- und Logistiksektor informieren müssen. Dabei stehen wir allerdings in Konkurrenz mit vielen anderen Branchen, die ebenfalls händeringend Nachwuchs und Fachpersonal suchen.

BZ: Gibt es noch Klagen über Sozialdumping und unfaire Praktiken in der EU?

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Klug: Das Lohn- und Personalkostengefälle und die unterschiedliche Kontrollintensität bei der Einhaltung der Lenk- und Ruhezeiten sowie der Arbeitszeiten bereiten noch große Probleme im Wettbewerb. Vor allem die hohen Unterschiede bei den Lohn- und Sozialkosten haben seit der EU-Erweiterung zu erheblichen Marktverschiebungen geführt.
BZ: Heißt das, dass aus Holland nur noch Wohnwagen, aber kaum mehr Lkw auf unseren Straßen unterwegs sind?
Klug: Westeuropäische Unternehmen sind kaum noch am grenzüberschreitenden Verkehr der Bundesrepublik Deutschland beteiligt. Dafür übernehmen Transportunternehmen aus den Beitrittsländern mehr als die Hälfte des Wachstums beim mautpflichtigen Verkehr. Mittlerweile ist der Marktanteil polnischer Unternehmen mehr als doppelt so groß wie der niederländischen Unternehmen, die bis vor kurzem noch als die Fuhrleute Europas galten.

BZ: Sie sind seit 35 Jahren beim Verband. Wie hat sich der Güterverkehr entwickelt?
Klug: Die Entwicklung des Güterverkehrs in dieser Zeit war besonders auf der Straße von rasantem Wachstum geprägt. 1977 wurden 90 Milliarden Tonnenkilometer erbracht. In diesem Jahr dürfte bei Fortdauer der guten Konjunktur die Beförderungsleistung der Straße auf bis zu 510 Milliarden Tonnenkilometer wachsen. Darin spiegelt sich vor allem die hohe Exportlastigkeit der deutschen Wirtschaft wider. Fast 45 Prozent unseres Inlandsprodukts gehen in den Export.
BZ: Und wie geht es weiter?
Klug: Die langfristigen Prognosen sehen für die Straße eine Verkehrsleistung von gut 700 Milliarden Tonnenkilometer bis 2025 vor. Zwar hat die Wirtschaftskrise das Verkehrswachstum ein wenig verlangsamt, dennoch ist diese Zahl realistisch geblieben. Etwas anderes als eine positive Entwicklung sollten wir uns nicht wünschen, weil viele Arbeitsplätze in Deutschland über die Exportmärkte gesichert werden. Das geht nur mit dem Transport und Handel von Gütern.
BZ: Aber da sind doch nicht nur deutsche Fahrzeuge unterwegs.
Klug: Ein Großteil des Verkehrswachstums, so die Mautstatistik, wird von gebietsfremden Transportunternehmen gefahren. Nur ein Drittel der zusätzlichen Mautkilometer entfallen noch auf das deutsche Gewerbe. In zehn Jahren dürfte deshalb mehr als die Hälfte der Verkehrsleistungen auf den grenzüberschreitenden Verkehr entfallen, in dem deutsche Unternehmen zunehmend auf Marktnischen zurückgedrängt werden.
BZ: Bewegt sich etwas beim Thema Autobahnstaus an der Schweizer Grenze – die es ja nicht nur bei Weil gibt, auch aus Rheinfelden hört man Klagen?
Klug: Bekanntlich wird die Gemeinschaftszollanlage Basel/Weil umgebaut, um die Aufenthaltszeiten der Lkw zu reduzieren und damit die Stausituation zu entschärfen. Für die Kosten sind rund 800 Millionen Euro veranschlagt. Vor etwa zwei Jahren haben die Baumaßnahmen begonnen, die gleichzeitig in beiden Fahrtrichtungen ausgeführt werden und auf drei Jahre angesetzt waren. Nach uns vorliegenden Informationen sollen die Bauarbeiten in Nord-Süd-Richtung zum Ende dieses Jahres abgeschlossen werden, in Süd-Nord-Richtung voraussichtlich Mitte nächsten Jahres. Wir haben die Hoffnung, dass die Vergrößerung des Stauraums, also der Parkplätze, und die Einführung des Transito-Verfahrens, einer zolltechnischen Abfertigung von Transit- und Leerfahrzeugen in Hochkabinen, wofür die Fahrer ihre Lkw nicht verlassen müssen, die Stausituation abmildern werden. Möglicherweise wird dies auch die Situation in Rheinfelden etwas entschärfen.
BZ: Bisher haben alle Verbesserungen wegen der Zunahme des Verkehrs nicht viel geholfen.
Klug: Allerdings. Die Erfahrungen der Vergangenheit haben immer wieder gezeigt, dass alle Verbesserungsvorschläge durch das Güterverkehrswachstum auf der Straße wieder aufgefressen wurden. Dies wird sich vermutlich nach Abschluss der Baumaßnahmen wieder bestätigen, obwohl dies natürlich nicht heißen kann, dass grundsätzlich auf solche Maßnahmen verzichtet werden könnte. Ohne sie wäre die Situation noch schlimmer.



BZ: Was könnte die Belastung und den Stress auf der Straße mindern, wenn man vom Ausbau des Straßennetzes einmal absieht?
Klug: Stress und Belastung auf der Straße entstehen im Wesentlichen durch die unzureichende Infrastruktur. Wenn man das Wachstum des Güterverkehrs und auch des Personenverkehrs dem Ausbau des Straßennetzes gegenüberstellt, dann stellt man ernüchternd eine im Durchschnitt drei bis fünfmal höhere Verkehrsbelastung als noch vor 35 Jahren fest. Es gibt heute Autobahnabschnitte mit 130 000 Fahrzeugen pro Tag. Belastungen und Stress lassen sich in diesem Umfeld nur schwer abbauen.

BZ: Und die Bahn?
Klug: Das sind Verlagerungsphantasien, weil gerade die Schiene in den hauptbelasteten Verkehrskorridoren ebenfalls keine zusätzlichen Kapazitäten mehr bietet.

BZ: Auf der Autobahn fällt mir immer wieder auf, dass viele Lkw viel zu dicht aufeinander auffahren. Wer kann dagegen etwas tun? Das ist ja nicht nur für die betreffenden Lkw-Fahrer gefährlich.
Klug: Das zu dichte Auffahren der Lkw ist in der Tat hochgefährlich und kostet jedes Jahr Menschenleben. Wir haben deshalb gemeinsam mit unseren Verkehrssicher-heitspartnern mit Aktionen für die Fahrer zur Einhaltung des Sicherheitsabstands nachdrücklich aufgerufen. Leider bewirken diese Maßnahmen noch keine grundlegende Änderung des Fahrverhaltens.

BZ: Gibt es technische Möglichkeiten?
Klug: In der Tat, die gibt es. Neuere technische Entwicklungen liefern erfolgversprechende Ansatzpunkte. So wird der Abstandhalter und Bremsassistent ab 2014/2015 obligatorisch in neue Fahrzeuge eingebaut. Wir kritisieren allerdings daran, dass die EU diese Systeme abschaltbar gemacht hat. Die Praxis wird zeigen müssen, ob Bremsassistent und Abstandhalter unter diesen Bedingungen an den bisherigen Praktiken im Lkw-Betrieb etwas ändern.

BZ: Ihr Verband ist ja auch für das Taxigewerbe zuständig. Vor kurzem haben Sie kritisiert, dass die Stadt Freiburg weitgehend die Kommunikation verweigert, wenn es um die Belange der Taxis geht. Hat sich da inzwischen etwas getan?
Klug: Eine unmittelbare Reaktion auf unsere öffentlich geäußerten Vorwürfe hat es noch nicht gegeben. Allerdings hat sich der Leiter Amtes für öffentliche Ordnung, Herr Rubsamen, für unseren Tag des Straßenverkehrs im Konzerthaus Freiburg angemeldet. Er wird insbesondere auch an der Fachversammlung Taxi/Mietwagen, die der Jahreshauptversammlung des Verbandes vorgeschaltet ist, teilnehmen. Wir sind deshalb guter Hoffnung, dass es Fortschritte in der Kommunikation geben wird, ohne zunächst unsere Skepsis aufzugeben, was die Beteiligung der Fachverbände bei zukünftigen Verwaltungsentscheidungen angeht. Diesbezüglich kann nur die weitere Entwicklung abgewartet werden.

Autor: rü