Freie Szene

Laura Heineckes Tanzstück "A Millimeter in Light Years" im E-Werk

Annette Hoffmann

Von Annette Hoffmann

Di, 22. Januar 2019 um 20:00 Uhr

Theater

Sie überwindet Distanzen, kostet sie aus und vermisst sie: Laura Heinecke zeigt im Freiburger E-Werk ihr Tanzstück "A Millimeter in Light Years".

Es war wohl für Laura Heinecke einfach an der Zeit, sich mit Entfernungen zu befassen. Seit einigen Jahren pendelt sie zwischen Freiburg und Potsdam, hier hat sie bei TIP, dem Zentrum für Neuen Tanz und Improvisation, ihre Ausbildung gemacht, in Potsdam ist sie 1984 geboren und aufgewachsen. Erschwerend kommt hinzu, dass sich Privates und Berufliches kreuzen. Ihre beiden Kinder gehen in Freiburg mittlerweile zur Schule, ihr Mann pendelt in die Schweiz, sie selbst arbeitet in Freiburg und Potsdam. Probt oder produziert die Tänzerin und Choreografin in Potsdam, müssen die Großeltern aushelfen.

Für ihre Produktion "A Millimeter in Light Years", die am Donnerstag erstmals im E-Werk zu sehen sein wird, veranstaltete sie Auditions sowohl in Freiburg als auch in Berlin. Distanz ist also ein Thema für die Choreografin und Tänzerin, doch Laura Heinecke definiert sie nicht als lästige Hürde, sondern als Strategie künstlerischer Freiheit. Für "A Millimeter in Light Years", die Produktion, die vergangenen November in der Fabrik Potsdam Premiere feierte, hatte die Entfernung den schönen Nebeneffekt, hier wie dort Fördergelder akquirieren zu können. Die Konsequenz ist, dass ihre Compagnie mit sechs Tänzerinnen und Tänzern für die freie Szene ungewöhnlich groß ist.

Wenn Laura Heinecke – wach, dunkle Augen, die helle Haut der Rothaarigen – über ihre Anfänge in Freiburg erzählt, hört man sie aufseufzen über die Freiheiten, die sich ihr bei TIP boten. "Ganz ohne Drill", rekapituliert sie die beiden Jahre. Disziplin kannte sie mit Anfang zwanzig zur Genüge, als Schülerin turnte sie und hatte erste kleine Rollen bei Filmen und Serien vom Studio Babelsberg. Und dann war da plötzlich die Möglichkeit, ohne sprechen zu müssen mit dem Körper etwas auszudrücken und zu erzählen. Von Freiburg aus, wo 2008 ihre Abschlussarbeit zu sehen war, ging sie nach Brüssel. Die Tanzszene dort, so erzählt sie, profitierte vom Konflikt zwischen Wallonen und Flamen, die sich gegenseitig in der Förderung überboten. Ein Stück anlässlich von zwanzig Jahren Mauerfall entstand dort. Danach kehrte sie 2011 nach Potsdam zurück. Präsent war sie in Freiburg dennoch, 2011 war sie in Juha Marsalos "The Last Dance of Martin Zsrckovic" beim Tanzfestival zu sehen, vor zwei Jahren in ihrem eigenen Stück "Flugmodus", zusammen mit Yannis Karalis und dem Pulsar Trio.

Dass sie den Spagat zwischen Potsdam und Freiburg lebt, hat auch damit zu tun, dass sie als Kind noch die DDR erlebte. Im Alter von 17 Jahren nutzte sie die neu gewonnene Freiheit, um nach Kanada zu gehen. Nun nimmt sie die Entfernung zwischen Freiburg und Potsdam sehr bewusst als einen Vergleich zwischen Nord und Süd und als Süd-Ost-Gefälle wahr. E-Werk – Fabrik Potsdam: Da klingt die Umwandlung verlassener Industriegebäude in Kulturzentren an.

Es fällt auf, dass Laura Heinecke in beiden Städten ähnliche Strukturen gesucht hat. In der Fabrik Potsdam hat sie vier Jahre Workshops gegeben und die dortigen Tanztage organisiert. Das Haus, das 1990 in einer alten Fabrik gegründet wurde, könnte in seiner Vernetzungsfunktion ein Vorbild für den Tanz am E-Werk sein, deutet sie an. Gerade kommt sie aus einer fünfstündigen Besprechung über das Tanzentwicklungskonzept Freiburg; und für das Labormanifest, das Anfang Februar stattfinden wird, hat sie die Produktionsleitung übernommen. Wie wichtig solche Formate sind, weiß sie: Erste Recherchen zu "A Millimeter in Light Years" entstanden bei dieser Plattform. Das Arbeiten in selbstorganisierten Strukturen liegt ihr. Es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen und zu teilen.

Der Titel ihres neuen Stücks "A Millimeter in Light Years" verbindet gleich in mehrfacher Hinsicht Paradoxien. Für Laura Heinecke, die nicht nur choreografiert, sondern auch tanzen wird, drückt sich darin ein grundsätzlicher Konflikt aus: dass ein Menschenleben kurz ist, doch dass jeder für andere und die Gesellschaft etwas bewirken kann. Nicht ohne Grund wird die Bühne zur Landschaft, auf die Naturgewalten einwirken. Eine Besonderheit hat "A Millimeter in Light Years" noch. Es wird keine Sprünge geben. Die Füße der Tanzenden haben Bodenhaftung und können so jeden Millimeter an Distanz auskosten und ermessen.

"A Millimeter in Light Years". Aufführungen: 24., 25., 26. Januar, jeweils 20 Uhr, E-Werk, Freiburg.