Aktion am Weltlehrertag

Lehrkräfte machen in Freiburg auf ihre Situation aufmerksam

Simone Höhl

Von Simone Höhl

Fr, 05. Oktober 2018 um 18:54 Uhr

Freiburg

Ein Beruf, vier Klassen: Lehrerinnen geben Passanten auf dem Kartoffelmarkt etwas Nachhilfe in eigener Sache und erklären, wie unterschiedlich die Einkommenssituation in ihrer Branche sein kann

Setzen, sechs: Nach dem Motto stehen am Freitagvormittag vier Stühle für Passanten bereit, darauf finden sie Infos zu den vier Lehrertypen: Beamte, Angestellte, Vertretung und Honorarkraft. Danach verdient ein verbeamteter Lehrer fast 3300 Euro netto im Monat für 26 Stunden Unterricht in der Woche, auch wenn er krank oder in Ferien ist – "unbefristet, bis zur Pension", sagt Lisa Backhaus. Die 64-Jährige gehört zu einer losen Gruppe nicht verbeamteter Lehrkräfte und Dozentinnen, die auf ihre Situation aufmerksam machen wollen. "Die Diskrepanz ist groß", sagt Backhaus.

Ein Mann mit Einkaufskorb bleibt stehen. "Meine Enkeltochter ist am Dienstag fertig mit der Lehrerausbildung", sagt Wolfgang Seiler. Er hofft, dass sie was kriegt – "ob beamtet oder nicht". Als Angestellte würde sie für die gleiche Arbeit knapp 2200 Euro verdienen, als Vertretungslehrerin auch, hätte dann aber nur einen befristeten Vertrag und wäre in den Sommerferien arbeitslos. Das lehren die Infos auf den Stühlen, die immer schäbiger werden. Der letzte aus vermoostem, brüchigem Plastik steht für Honorarlehrkräfte. "Das bin ich", sagt Lisa Backhaus. Sie unterrichtet bei verschiedenen Bildungsträgern DAF und DAZ, also Deutsch als Fremd- und Zweitsprache.

Ferien und Feiertage sind unbezahlt

Honorarlehrer sind selbständig und freiberuflich mit kurzfristigen Verträgen. Für Integrationskurse gibt es 35 Euro Honorar pro Stunde, wo von sie Steuern und Versicherungen bezahlen müssen. Manche Bildungsträger zahlen aber nur 20 Euro. Damit liegt das Nettogehalt für 26 Wochenstunden bei 1100 Euro, sagt Backhaus: "Davon kann keiner leben." Also schrubbt sie Stunden, in Spitzenzeiten waren es 40 in der Woche. Zumal Ferien und Feiertage unbezahlt sind, ebenso Krankheit, für die sie selbst eine Vertretung organisieren sollte. "Ich hatte jetzt zwei Monate nichts", sagt Stefanie Brambach (44) im Vorbeigehen. Sie hilft den Infostand aufzubauen und wollte im Sommer schon Ferien machen, aber so lange nicht. Arbeitslosenversichert sind viele Honorarkräfte nicht, sagen die Frauen.

Susanna Abendroth sitzt zwischen den Stühlen: Sie arbeitet zum Teil auch als befristet Angestellte. Ihr Vertrag endete mit dem letzten Tag vor den Sommerferien, am ersten Ferientag bekam sie den Anruf, dass es dann im Herbst als Vertretungslehrerin weitergehen kann. Vertretungskräfte sind über den Sommer arbeitslos.

Aktion auch in anderen Städten

"Ich war arbeitslos von heute auf morgen", erzählt eine 28-Jährige. Sie unterrichtet auch für Honorar DAF, ihr Kurs sollte bis Ende September dauern, doch in den Sommerferien blieben so viele Schüler weg, dass er einen Monat früher beendet wurde. Das war laut Vertrag auch möglich. "Man hat immer so ein Risiko", sagt sie und schüttelt den Kopf.

Die Aktion zum Weltlehrertag findet auch in anderen Städten statt. "Das ist kein Protest", stellt Susanna Abendroth klar. Sie wollen nur auf ihre Situation hinweisen, sagt Lisa Backhaus. "Wir machen inhaltlich die gleiche Arbeit, und wir sind alle qualifiziert."

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