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19. Mai 2017 18:30 Uhr

Lenzkirch

Die Mongolei zu Gast im Schwarzwald

Wenn der Bergnomade und Jäger Borchüü am Samstag auf dem Stuttgarter Flughafen deutschen Boden betritt, wird es das erste Mal sein, dass er die Mongolei verlässt. Er kommt nach Lenzkirch, um seine Heimat vorzustellen.

  1. Bei einer Berggeisterzeremonie. Foto: Privat

  2. Amélie Schenk im Winter in der Mongolei Foto: Privat

LENZKIRCH. Die Völkerkundlerin Amélie Schenk, die seit Jahren die eine Hälfte des Jahres in der Mongolei und die andere in Lenzkirch verbringt, holt von Christi Himmelfahrt, 25. Mai, bis Sonntag, 28. Mai, die Mongolei in den Schwarzwald. Der Wissenschaftlerin geht es vor allem darum, die Ursprünglichkeit der mongolischen Natur zu vermitteln – und das geht am besten zwischen dem Rauschen von Wind und Wasserfall. Zum Beispiel zwischen Wutachschlucht und Urseetal.
Wenn der Bergnomade und Jäger Borchüü am Samstag auf dem Stuttgarter Flughafen deutschen Boden betritt, wird es das erste Mal sein, dass er die Mongolei verlässt.

Auf 2500 Metern Höhe lebt er im Altai-Gebirge, das im Grenzgebiet von Kasachstan, Russland, der Mongolei und China verläuft, hat Schafe, Ziegen und Kamele – und rundherum leben Wölfe. In Kappel im Haus Sonnhalde, wo die Veranstaltung "Die Mongolei im Schwarzwald" vorwiegend stattfindet, trifft der Bergnomade Borchüü auf den Wolfsforscher und Wildbiologen Peter Sürth aus dem Nordschwarzwald, der lange im rumänischen Transsilvanien in einem Wolfsprojekt gearbeitet hat.

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"Ein Rudel Wölfe zu sehen, das ist magisch."

Amélie Schenk
Und so möchten Amélie Schenk und der gemeinnützige Verein "Freunde des Altai" eine Brücke schlagen zwischen der Mongolei und dem Schwarzwald: "Wenn man etwas über die Mongolei erzählen möchte, kann man das am besten in der Natur – zum Beispiel beim Rauschen des Windes oder eines Wasserfalls", sagt Amélie Schenk. Zu erzählen hat die Völkerkundlerin und Schamanenforscherin einiges: Seit mehr als 25 Jahren beschäftigt sie sich mit der Mongolei, hat etliche Bücher geschrieben. Seit ihrer Kindheit ist sie fasziniert von Kamelkarawanen, der unendlichen Weite der Wüste, der Nomaden. "Das einfache Leben hat mich schon immer fasziniert."

Als es nach der Wende plötzlich möglich wurde, in die Mongolei zu reisen, ist sie als eine der ersten westlichen Besucherinnen in das Land der unendlichen Weiten und der wilden Tiere gereist – seither lässt es sie nicht mehr los.

Die Hälfte des Jahres verbringt sie in der Mongolei, schläft unter freiem Himmel, trifft Schamanen. Oder eben Borchüü, den Bergnomaden. "Es wird spannend sein, was er über das Zusammenleben mit dem Wolf berichtet – gerade vor dem aktuellen Hintergrund, dass in Deutschland viel über eine Rückkehr des Wolfs in die Wälder diskutiert wird", sagt Amélie Schenk.

"Die Mongolen navigieren
mit dem Sternenhimmel,

wir haben GPS."

Amélie Schenk
Ihr selbst sind immer wieder Wölfe in der Mongolei begegnet. "Ein Rudel Wölfe zu sehen, das ist magisch", sagt sie. Angst hat sie nicht. "Das riechen die Tiere, wenn man Angst hat." Der Wolf ist in der Mongolei ein heiliges Tier, die Mongolen verehren ihn. "Eine Legende sagt, dass das Volk der Mongolen von einem großen grauen Wolf und einer beigefarbenen Hirschkuh abstammt", berichtet Amélie Schenk. In der Mongolei leben rund drei Millionen Menschen, aber 60 Millionen Tiere – auf einer Fläche, die etwa viereinhalbmal so groß ist wie Deutschland.

"Die Tiere leben alle frei, es gibt keine Stallhaltung und keine Zäune", sagt sie.

Doch die Mongolei ist immer wieder bedroht von Naturkatastrophen, extremer Dürre oder viel Schnee. So sind zwischen 1999 und 2002 zehn Millionen Tiere krepiert. "Das ist ein großes Leiden gewesen." Aus dieser Situation heraus sei der Verein "Freunde des Altai" entstanden, dessen 15-jähriges Bestehen auch bei der Veranstaltung "Die Mongolei im Schwarzwald" gefeiert wird.

Vier Tage lang begegnen sich Mongolei und Schwarzwald in Lenzkirch, vier Tage lang soll es, wie Amélie Schenk sagt, um die Ursprünglichkeit der Natur gehen. So erklingen neben Kehlkopfgesang und Pferdekopfgeige auch jodelnde Töne aus dem Nordschwarzwald. Auch Berufsfalkner Franz Ruchlak aus Löffingen präsentiert in einer Flugschau seine Adler, Jagdfalken und Bussarde im Freiflug beim Bahnhof Kappel-Grünwald am Bähnleradweg. Neben ihnen werden noch viele andere Menschen aus der Mongolei und dem Schwarzwald in Lenzkirch sein. Unterstützung bekommt sie von Betrieben aus der Region und der Gemeinde.

Wenn nachts die Sterne über Lenzkirch sichtbar werden, dann erklärt Bergnomade Borchüü, wie sie ihm in der Mongolei den Weg weisen. "Die Mongolen navigieren mit dem Sternenhimmel, wir haben GPS", sagt Amélie Schenk. Es ist ein angeborener Instinkt, ist sie sich sicher. "In der Mongolei gibt es keine Straßenschilder, keine Landkarten." Und so wird es für den Bergnomaden, der zum ersten Mal sein Heimatland verlässt, wohl seltsam sein, wenn er das gelbe Ortsschild von Lenzkirch oder Kühe eingezäunt auf einer Weide sieht.

Alle Infos und das Programm zu der mehrtägigen Veranstaltung unter http://www.freunde-des-altai.org/termine

Autor: sgi