Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

20. März 2017

Klimawandel

"Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit"

Leserbrief zu: "Hitze im Baugebiet" auf der Seite Region Freiburg, BZ vom 23. Februar:

Die mit inkorrekter Quelle zitierte Zahl von 7000 Hitzetoten 2003 in Deutschland wurde von mir als damaligem Leiter des Zentrums für Medizin-Meteorologie ermittelt. Der Westen und Südwesten waren am stärksten betroffen. Im Auftrag des Sozialministeriums Baden-Württemberg hat der Deutsche Wetterdienst zusammen mit dem Landesgesundheitsamt seinerzeit aus den Daten der amtlichen Mortalitätsstatistik über 2000 zusätzliche Todesfälle in Baden-Württemberg für den gesamten Sommer errechnet, davon etwa zwei Drittel beim Höhepunkt der Hitzewelle in der ersten Augusthälfte.

Die Weltgesundheitsorganisation kommt für West- und Südwesteuropa auf etwa 55 000 zusätzliche Sterbefälle als Folge von Hitzebelastung, davon etwa 35 000 allein Anfang August. Es ist dabei davon auszugehen, dass unterhalb des Extremereignisses "Sterbefall" ein wesentlich größerer Teil der Gesamtbevölkerung in ihrer Gesundheit betroffen ist.

Der Freiburger Oberbürgermeister Dieter Salomon bezeichnete allerdings in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung kurz vor dem Bürgerentscheid bezüglich des SC-Stadions die Klima- und Umwelt-Argumentation über die Mortalitätsraten als "halbseiden". Damit steht er auch im Widerspruch mit den Publikationen der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg LUBW zum Thema Klimawirkungen und Gesundheit. Die Stadtverwaltung von Freiburg lullt die Bürger mit Marketingbegriffen wie "Green City" oder "Ökohauptstadt" ein, verschweigt aber, dass der – unbestritten notwendige – Klimaschutz zwar den Beitrag Freiburgs am globalen Klimaproblem darstellt, nicht aber spürbar die bioklimatologischen Bedingungen der Bevölkerung vor Ort verbessert. Hier sind vielmehr Anpassungsmaßnahmen bei der Stadtentwicklung erforderlich, die konsequent die negativen Auswirkungen der zunächst nicht aufhaltbaren globalen Klimaänderung auf die Gesundheit minimieren. Die Stadtklimaanalyse für Freiburg von 2003 enthält dazu zahlreiche Daten.

Werbung


Stattdessen wird das einst gut begründet und sogar lange im Stadtmarketing benutzte Konzept der "Grünfinger" abgeschafft und mit Hilfe des Regionalverbandes Südlicher Oberrhein (Vorsitz: Erster Bürgermeister O. Neideck) die Funktionalität der Frischluftbahn Mooswald-Flugplatz einfach weg definiert. Die in der Diskussion befindliche weitere Verdichtung der Bebauung sowie Erhöhung der Geschosszahlen ist in vielen Bereichen der Stadt mit einer klimagerechten, das heißt der Gesundheit der Bevölkerung zuträglichen Stadtentwicklung nicht vereinbar.

Wie heißt es so schön im Leitbild der Stadt Freiburg: "Ein gesundes und ausgeglichenes Stadtklima wird in Zeiten des Klimawandels zu einer immer größeren Herausforderung." Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist in Freiburg offensichtlich.

Prof. Dr. Gerd Jendritzky, Waldkirch

Autor: Prof. Dr. Gerd Jendritzky, Waldkirch