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31. Januar 2011

Die goldene Karte für die Einwanderung

In der EU blüht das Geschäft mit Scheinehen: Frauen aus dem Baltikum werden nach Irland gelockt, wo die Gesetze lückenhaft sind.

  1. Ein faules Geschäft: Ehering gegen Aufenthaltsgenehmigung Foto: ddp

Das Angebot klang verlockend: Eine Freundin hatte Anna gefragt, ob sie in den Ferien etwas Aufregenderes erleben wollte als ihre lettische Heimatstadt Cesis. "Kristina fragte mich, ob ich nach Irland fliegen wolle, um mit einem Pakistaner über eine Scheinehe zu reden. Es würde mich nichts kosten, sie sei selbst in Dublin gewesen, habe toll eingekauft und die Heirat abgesagt", erinnert sich Anna.

Das war vor einem Jahr. Inzwischen ist die 19-jährige Lettin aus Irland zurück. Sie sitzt in einem Café in Riga. Was sie durchgemacht hat, ist ihr nicht anzusehen: Am Flughafen in Dublin wurde die Schülerin von zwei Pakistanern abgeholt. Schnell musste sie erkennen, dass ihre Freundin gelogen hatte. Sie durfte nicht shoppen gehen, sondern musste im Haus bleiben. "Mein potenzieller Ehemann sagte ganz offen, dass er eine osteuropäische Frau bestellt habe, um in Irland bleiben zu können."

Während Anna erzählt, blickt sie immer wieder zu Aleksandra Jolkina hinüber. Die Journalistin hat seit 2007 in Lettland und Irland über Scheinehen recherchiert. "Viele Studenten aus Indien, Pakistan oder Bangladesch suchen nach einer Möglichkeit, um in der EU bleiben zu können", erklärt Jolkina. Sie wüssten genau, dass eine Heirat mit einer Ausländerin aus einem anderen EU-Land dafür ideal sei. Denn der Tatbestand der Scheinehe ist auf der grünen Insel nicht definiert: In den Standesämtern wird kaum überprüft, ob sich die Partner überhaupt kennen, berichtet die Journalistin.

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Anders als in Deutschland findet keine getrennte Befragung der künftigen Eheleute statt. Ein Grund dafür ist die Macht der katholischen Kirche: In Irland werden fast alle Ehen von einem Pfarrer geschlossen, und die Urkunde, die er ausstellt, wird von allen zivilen Stellen akzeptiert. Auch das EU-Recht begünstigt den Schwindel. Die Richtlinie über die Freizügigkeit für Arbeitnehmer gewährt einem EU-Bürger und dessen Ehepartner aus einem Nicht-EU-Land ein fünfjähriges Aufenthaltsrecht. Voraussetzung dafür ist, dass beide in einem Drittstaat leben. Irische Scheinpartnerinnen seien also nicht interessant, erklärt Jolkina: "Wenn ein Inder eine Irin heiratet, darf er ein Jahr bleiben. Doch wer in Dublin eine Lettin heiratet, darf nach fünf Jahren die Staatsbürgerschaft beantragen. Die Eheurkunde ist die goldene Karte für die Einwanderung." Dass es in dem lukrativen Geschäft nicht zimperlich zugeht, bekam Anna zu spüren. Als sie merkte, in welche Falle sie geraten war, gab sie an, ihre Geburtsurkunde vergessen zu haben. Doch die Lüge flog auf. "Ich habe gefleht, dass sie mich gehen lassen. Mein ,Ehemann’ entgegnete, er habe tausend Euro an einen Freund überwiesen. Ich müsse das Geld zurückzahlen." Anna bat ihre Freundin Kristina, den Betrag zu überweisen. Die Antwort kam per E-Mail: Sie habe das Geld schon ausgegeben.

Anna war zwar eingesperrt, aber sie fand im Internet die E-Mail-Adresse eines lettischen Journalisten in Dublin. Sechs Stunden später klingelten Polizisten an der Tür. Die Beamten brachten Anna auf die Wache, am nächsten Tag konnte sie mit Hilfe der lettischen Botschaft nach Riga fliegen. Anna habe Glück im Unglück gehabt, erklärt Arturs Vaisla von der lettischen Staatspolizei, denn sie sei nur psychisch unter Druck gesetzt worden. Der Beamte weiß auch von Frauen, die geschlagen und vergewaltigt werden, wenn sie nicht aufs Standesamt wollen. Vaisla leitet eine Sondereinheit zur Bekämpfung von Menschenhandel und kennt aktuelle Zahlen: Im ersten Halbjahr 2010 beantragten 253 Pakistaner ein Aufenthaltsrecht in Irland mit der Begründung, sie seien Ehepartner einer EU-Bürgerin. Fast jeder Dritte hatte eine lettische Frau. Vaisla erklärt den Boom der Scheinehen mit der Krise. "Die Arbeitslosigkeit beträgt bei uns 20 Prozent. Immer mehr Lettinnen sind deshalb bereit, für Geld nach Irland zu gehen."

Viele Frauen schweigen nach ihrer Rückkehr – aus Scham und Furcht vor Rache. Denn mögen die Organisatoren des Menschenhandels auch in Irland sitzen, in Lettland haben sie Komplizen, die gegen Provision nach neuen Opfern suchen. Oft sind es Bekannte, die junge Mädchen in die Falle locken. Anna hat den Kontakt zu Kristina abgebrochen. In Riga studiert sie Medizin und lernt Englisch, um später im Ausland arbeiten zu können. Nur nach Irland möchte sie nie wieder.

Autor: Matthias Kolb (n-ost)