Die Vielfalt sichtbar machen

Heidi Ossenberg

Von Heidi Ossenberg

Mo, 03. Juli 2017

Liebe & Familie

Eine Veranstaltungsreihe in Freiburg will zeigen: Schwarze Menschen haben zu allen Zeiten in Europa gelebt /.

Mal angenommen, Sie sitzen neben einer jungen Frau in einer Freiburger Straßenbahn. Fällt Ihnen da sofort die Frage: "Woher kommst Du?" ein? Wohl eher nicht – vorausgesetzt, Sie sind Weiß – und die Frau ist ebenfalls Weiß. Ist die Hautfarbe der Frau aber schwarz, dann ist die Wahrscheinlichkeit ungleich größer, dass Sie diese Frage stellen. Rufine Songue kennt das "Woher kommst Du?" jedenfalls sehr gut. "Diese Frage kann sehr kompliziert sein", erzählt die 24-Jährige; sie wisse oft nicht, was sie antworten solle. Rufine Songue ist erst seit kurzer Zeit in Freiburg, davor lebte sie fünf Jahre in Bayreuth. Hören die Fragenden vielleicht ihren fränkischen Akzent? Wahrscheinlicher ist, dass sie bestätigt haben möchten: Diese junge Frau ist aus Kamerun – sie ist anders als wir.

Von den sechs Frauen, die an diesem Vormittag im Freiburger Alten Wiehrebahnhof zusammensitzen, begeistert sich keine für diese Frage. Sie schaffe Distanz zwischen Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft, sie betone die Unterschiedlichkeit zweier Menschen, sind sich alle einig. Jenny Warnecke, Mit-Ideengeberin der Freiburger Veranstaltungsreihe "Here and Black", die Erfahrung Schwarzer Menschen sichtbarer machen will (siehe Kasten), vergleicht die Frage nach der Herkunft mit der – freilich meist nicht so offen formulierten – Reduktion von Schwulen und Lesben auf ihr Sexleben.

Diskriminierung findet ja nicht erst da statt, wo offen rassistisch gebrüllt oder geprügelt wird. Natürlich wissen auch Rufine Songue, Caterine Hinestroza, Grace Toby und Maëlle Fiand, die zusammen mit Jenny Warnecke und Ulrike Pirker "Here and Black" organisieren, dass Deutsche mit der Herkunftsfrage oftmals freundlich ihr Interesse signalisieren möchten. Aber für die jungen Frauen steckt sie voller Vorannahmen.

Der Blick vieler Weißer Deutscher ist derzeit auf die Flüchtlinge gerichtet. So sehr das seine Berechtigung habe, möchte Ulrike Pirker jedoch mit dem Projekt der Feministischen Geschichtswerkstatt erreichen, dass bekannt und erkannt wird, dass Schwarze Menschen zu allen Zeiten in Europa gelebt haben – nicht erst seit dem achtzehnten Jahrhundert und schon gar nicht erst seit der neuesten Fluchtbewegung in diesem Jahrzehnt. In den Geschichtsbüchern und auch in den Schulbüchern aber sind die Erfahrungen und Leistungen Schwarzer Deutscher so gut wie nicht vermerkt – und so zementieren sich exotische Vorstellungen und Generalisierungen.

Caterine Hinestroza schildert: "Als ich aus Kolumbien zum Studium nach Deutschland kam, dachte ich, alle Deutschen sind Weiße. Ich sah schnell auf den Straßen, dass das ja nicht stimmt, aber dennoch ist es schwierige Recherchearbeit, Schwarze Biografien zu erstellen. Das finde ich irritierend." Diese Erfahrung hat auch Grace Toby gemacht. Die 23-jährige Studentin, die für die im Herbst im Freiburger Goethe-Institut geplante Ausstellung "Black Germany before the Second Word War" die englischsprachigen Texte übersetzte, hätte sich eine solche Schau in ihrer Teenagerzeit gewünscht. "Einfach in eine Ausstellung zu gehen, die die individuellen Geschichten von vielen Schwarzen Menschen zeigt – das wäre identitätsbildend gewesen." Für die 17-jährige Maëlle Fiand ist es eines der Hauptanliegen der Veranstaltungsreihe, deren offene Formate bis weit in den Herbst reichen, dass sie das selbstverständliche Zusammenleben von Weißen und Schwarzen Menschen in Deutschland ins Bewusstsein der Besucherinnen und Besucher bringt.

Durch die Vorbereitung der Reihe, bekennen Jenny Warnecke und Ulrike Pirker, hätten sie bereits sehr viel Neues gelernt. So ist beispielsweise der bedeutende afroamerikanische Schauspieler Ira Aldridge (1807 bis 1867) auch am Freiburger Theater aufgetreten. Die Freiburger Zeitung berichtete am 19. September 1852 begeistert von Aldridges Rolle in Shakespeares "Othello": "Die gestrige Vorstellung des Othello war ergreifend, die Größe der Leidenschaft ist wohl nie besser dargestellt worden." Überdies sei der Auftritt Aldridges "ein Beweis vom Siege der Humanität. Was der Geist Großes geschaffen, das ist das Eigentum aller Menschen, die es erwerben wollen, seien sie Schwarze oder Weiße, nördlich oder südlich vom Äquator geboren".

Bei Ausstellungen, durch Tanz- und Theateraufführungen, durch Workshops und Filmvorführungen – und vor allem durch Erzählcafés mit in Freiburg lebenden Schwarzen Frauen und Männern, gibt es in den nächsten Monaten viel Gelegenheit, die tatsächliche Vielfalt der Gesellschaft kennen zu lernen.

"Woher kommst Du?" – diese Frage interessiert dann hoffentlich niemanden mehr.