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19. August 2013

Kommunikation

Konzept "Leichte Sprache": Kurze Sätze, klare Aussagen

Millionen Deutsche können wegen mangelnder Lese- und Schreibkenntnisse Amtsdeutsch oder offizielle Briefe nicht verstehen. Für sie wurde das Konzept der "Leichten Sprache" erfunden.

  1. Inan Cengiz und Brigitte Seidel arbeiten an schwer zu lesenden Texten. Foto: Jutta Bissinger

  2. Formulare ausfüllen, offizielle Briefe lesen: Für manche Menschen ist das nur schwer zu bewältigen. Foto: dpa

Der Brief von der Hausverwaltung liegt seit Tagen ungeöffnet auf dem Küchentisch. Gefragt, warum sie ihn nicht liest, sagt Linda (Name von der Redaktion geändert) genervt: "Verstehe ich sowieso nicht." Sie ist noch frustriert von vergangener Woche, als ein Schreiben vom Finanzamt ins Haus flatterte.

Linda hat einen Hauptschulabschluss und einen Job, eine Wohnung und einen Fernseher. Bücher hat sie nicht. Lesen und Schreiben sei "nicht ihr Ding", sagt sie. Nachdenklich guckt sie aus dem Fenster, zuckt dann mit den Schultern: "Habe viel vergessen." In der Schule ging es noch einigermaßen, danach hat die 28-Jährige kaum noch einen Stift oder etwas zu Lesen in die Hand genommen. Deshalb hat sie jetzt ernsthafte Probleme, einen Brief zu verstehen.

Mit Leichter Sprache wäre ihr geholfen. Die wichtigsten Regeln dieser vereinfachten Sprache: Die Wörter und Sätze sind kurz, jeder Satz enthält nur eine Aussage. Es werden keine Fremdwörter benutzt. Sind sie nicht zu umgehen, werden sie erklärt. Man vermeidet Passivkonstruktionen, Genitiv und Konjunktiv. Die Schrift ist mindestens zwölf Punkt groß und gut lesbar. Kursivschrift, Schnörkel oder Schattierungen sollten nicht benutzt werden.

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Bei längeren Texten

ist Lisa überfordert

Leichte Sprache wurde ursprünglich für Menschen mit einer Behinderung in den USA erfunden. Dort forderte schon in den 1970er Jahren eine Interessengruppe gesetzliche Maßnahmen für ein selbstbestimmtes Leben dieser Menschen. Amtsschreiben, Formulare und Arztbriefe verstehen zu können, gehörte dazu. Heute richtet sich Leichte Sprache an alle, die nur mühsam oder ungern lesen. Und das sind keineswegs nur Behinderte, Migranten oder Leute mit geringer Bildung.

Eine Studie der Universität Hamburg fand heraus: 2,3 Millionen, mehr als vier Prozent der erwerbsfähigen Deutschen, sind Analphabeten: Sie können allenfalls einzelne Wörter lesen und schreiben. Dafür müssen sie Buchstabe für Buchstabe zusammensetzen. Weitere 7,5 Millionen Menschen in Deutschland gelten als funktionale Analphabeten. Das sind 14,5 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung. Sie können wegen mangelnder Lese- und Schreibkenntnisse nicht angemessen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Zu ihnen gehört Linda. Sie kann einzelne Sätze lesen und schreiben, aber bei längeren Texten ist sie überfordert und verliert den Faden. Wie bei dem Brief der Hausverwaltung. Alles, was mehr als drei zusammenhängende Sätze umfasst, wird für sie schwierig. "Ich frage dann eine Nachbarin, was das bedeutet", gibt sie zu. Das Erstaunliche: Weitere 13 Millionen Deutsche (25 Prozent der Erwerbsfähigen) lesen langsam und schreiben fehlerhaft, obwohl sie einen normalen Wortschatz haben. Zu ihnen gehören Menschen aller Bildungsschichten.

Die Gründe dafür sind umstritten. Zu viel Fernsehen in früher Kindheit, zu wenig Vorlesen, zu wenig Bewegung, zu hohe Anforderungen in unserer komplexen Welt – all das wird vermutet und weiter erforscht. Doch was auch immer dahintersteckt: Mit diesem Handicap muss sich niemand mehr verstecken. Denn seit Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet hat, haben alle Menschen das Recht auf einen "barrierearmen Zugang zu Informationen". Die Verordnung zur Schaffung barrierefreier Informationstechnik (BITV) schreibt bereits vor, dass auf Webseiten auch Leichte Sprache zu finden sein muss. Viele Unternehmen und Institutionen lassen seitdem immerhin ihre Startseite übersetzen. Einige wenige, wie die Bank Austria gleich sämtliche Inhalte und Formulare.

So etwas erledigen spezielle Übersetzungsbüros für Leichte Sprache wie die Agentur "Klar und Deutlich" in Münster, das Netzwerk Leichte Sprache in Kassel oder das Büro für Leichte Sprache in Offenburg. Auch wenn mancher meint, es sei eine "Kindersprache" – die Büros sind dringend nötig, denn das Übersetzen von schwerer in Leichte Sprache ist sehr anspruchsvoll.

Das weiß auch Brigitte Seidel. Sie leitet das Büro in Offenburg. Es ist das Einzige in Baden-Württemberg. "Klartext" heißt es und ist der Lebenshilfe angegliedert. "Mir macht es großen Spaß, einen Text in Leichte Sprache zu transferieren, ohne dass der Sinn verloren geht." Für besonders komplizierte Texte braucht sie schon mal bis zu zwölf Stunden – auch wenn sie nicht länger sind als zwei DIN- A4-Seiten.

Brigitte Seidel übersetzt für Behörden, Unternehmen und Privatpersonen Formulare, Briefe und Websites. Ihr erster kommerzieller Auftrag war ein Wohnvertrag für das Epilepsiezentrum Kork; vor kurzem arbeitete sie an der Website der Landeszentrale für politische Bildung. Außerdem dolmetscht sie, berät und verfasst selbst Texte. Ihre Hauptaufgabe sieht sie aber in Schulungen. "Das Ziel ist, dass die Kunden nicht mehr mit Übersetzungswünschen zu mir kommen, sondern alles selbst in Leichte Sprache verfassen können."

Kein Text verlässt ihr Büro, der nicht von Experten auf Verständlichkeit geprüft wurde. Das sind in diesem Fall Menschen, die selbst Leichte Sprache brauchen. Nur sie können sicher beurteilen, ob ihresgleichen den Text verstehen kann. Einer von ihnen ist Inan Cengiz. Der 32-Jährige hat eine spastische Lähmung, ist leicht lernbehindert und arbeitet in der Werkstatt der Lebenshilfe. Beim Hereinkommen grüßt er freundlich, dann stellt er die Krücken an die Wand und macht sich an die Arbeit. Stirnrunzelnd liest er den Text, den Brigitte Seidel ihm vorgelegt hat. "Das da verstehe ich immer noch nicht", sagt er und deutet auf einen Satz. Sie erklärt es ihm und macht sich Notizen: Hier muss nochmal nachgebessert werden.

Inan liest gern. Ein Freund hat ihm im Teenageralter die Liebe zu Büchern vermittelt. Sein erstes Buch war "Jurassic Park". Zuvor hatte er den Film gesehen. "Meine Familie dachte, dass ich das Buch nur deshalb verstehe", erinnert er sich. Aber das Buch enthielt auch Szenen, die nicht im Film vorgekommen waren. Auch die erlas er sich. Ein Erfolgserlebnis! Seitdem möchte er am liebsten jedes Buch verschlingen. Doch viele sind ihm zu schwer. Wie Stephen Kings "Das Mädchen". Er fing mit Feuereifer an -–und legte den Roman bald verärgert weg. "Wenn das passiert, bin ich frustriert. Warum muss das sein?"

Auch "Romeo und Julia" gibt es als leichten Lesestoff

Für Leseratten wie ihn sind die Bücher des Verlages "Spaß am Lesen" ideal. Er wurde in den Niederlanden gegründet wurde und hat sich auf Lesestoff in Leichter Sprache spezialisiert. Der jüngste Bestseller ist das Buch zum Film "Ziemlich beste Freunde". Auch "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo", "Anne Frank" und "Romeo und Julia" kann man dort bestellen, ebenso eine sechsmal jährlich erscheinende Zeitung oder eine digitale Wochenzeitung.

Ein guter Anfang. Doch es bleibt noch viel zu tun. Lindas Traum: Dass auch ihre Hausverwaltung, Versicherung und das Finanzamt alle Briefe und Formulare in Leichter Sprache verfassen. Dann bliebe Post nicht mehr ungeöffnet liegen.

Und, Hand aufs Herz: Wer von uns ist noch nie an einem Traktat in Amtsdeutsch verzweifelt? Leichte Sprache kommt letztlich allen zugute. Das Leben ist kompliziert genug.

– Wörterbuch für Leichte Sprache: http://www.hurraki.de
– Übersetzungsbüros:
http://www.leichtesprache.org
http://www.klarunddeutlich.de
http://www.klartext-lebenshilfe.de
– Online-Zeitungen, Magazine, Bücher:
http://www.nachrichtenleicht.de http://www.spassamlesenverlag.de

Autor: Jutta Bissinger