Wenn das Lachen der Enkel fehlt

Ines Alender

Von Ines Alender

Mo, 07. September 2015

Liebe & Familie

Menschen, die ungewollt keine Kinder bekommen, geht es oft schlecht / Auch Enkellosigkeit kann belastend sein /.

Die Momente, in denen Ursula und Heinz S.* mit sich und ihrem Leben hadern, sind selten geworden. "Wir hätten gerne Enkelkinder. Aber wir können sie ja nicht herzaubern", sagt Ursula S. Die 62-Jährige und ihr 72-jähriger Mann können mittlerweile offen über ihre Kinder- und Enkellosigkeit sprechen und wirken dabei aufgeräumt. Mit ihrem richtigen Namen wollen sie trotzdem nicht in der Zeitung erscheinen. Sie wohnen auf dem Dorf, da wird gerne getratscht. Das müsse ja nicht sein, sagt Ursula S. Schließlich hätten sie sich in ihrem Leben schon genug anhören müssen, weil sie keine Kinder und somit auch keine Enkel bekommen haben.

Die Geschichte von Ursula und Heinz S. beginnt in den 50er Jahren. Als Ursula zwei Jahre alt ist, wandern ihre Eltern mit ihr und ihrer kleineren Schwester aus. Weit weg von Deutschland, dorthin, wo der Krieg noch etwas Leben übrig gelassen hat. Dort wächst Ursula auf einem Bauernhof auf – und bekommt weitere sieben Geschwister. Dann stirbt ihre Mutter mit 34 Jahren – und sie springt mit 14 als Ersatzmama ein. Weil der Vater mit neun kleinen Kindern überfordert ist, kehrt er kurze Zeit später mit ihnen zurück nach Deutschland, in den Schwarzwald, wo er die Kleinen bei Verwandten unterbringen kann.

Die Jahre sind mühevoll – und irgendwann ist es zu spät

Ursula, die Älteste, macht eine Ausbildung als Verkäuferin, trägt so zum Familieneinkommen bei. Als sie und Heinz sich kennenlernen, ist Ursula 19; als sie 21 ist, heiraten sie. Sie bleiben einige Jahre bewusst kinderlos – auch deshalb, weil ständig wieder eines von Ursulas Geschwistern auftaucht. Als sie 24 ist, zieht eine der jüngeren Schwestern bei ihr und Heinz ein – und lebt fortan mit ihnen in der 45-Quadratmeter-Wohnung im Haus der Schwiegereltern. Nebenbei kümmert sich das junge Ehepaar um die kranke Schwiegermutter, später um Ursulas kranken Vater. "Irgendwie waren wir immer für alle der Notnagel", sagt Ursula S. Sie haben gerne geholfen, betonen beide.

Doch die Jahre sind mühevoll. Heinz arbeitet als Metallbauer, Ursula macht Weiterbildungen und fasst später als Bürokauffrau Fuß. Als sie 30 ist, wird sie überraschend schwanger. Just in dieser Zeit ist das Leben der beiden besonders turbulent: Finanziell ist die Lage angespannt, das Verhältnis zur Schwiegermutter und dem Stiefvater ist nicht einfach, dazu leidet Ursula unter Gallensteinen, die ihr große Schmerzen bereiten. Im dritten Schwangerschaftsmonat verliert sie das Kind. Sie muss in die Klinik, der Arzt macht ihr klar: Sie sei schon alt, außerdem müsse man zuerst die Gallensteine beseitigen. Damals ist das mit einer großen Bauch-OP verbunden, die wohl eine Unfruchtbarkeit nach sich gezogen hätte. Ursula zögert die OP hinaus. "Eine Freundin von mir hatte vier Fehlgeburten. Wir konnten in keinen Kinderwagen schauen", sagt sie. Sie wollte keine anderen Babys mehr im Arm halten, sie wollte überhaupt nicht mehr mit dem Thema konfrontiert werden.

Drei Jahre später hält Ursula die Schmerzen nicht mehr aus. Sie lässt sich operieren. Mittlerweile lassen sich Gallensteile mit einer kleinen OP beseitigen – der gesundheitliche Grund gegen eine Schwangerschaft entfällt. Doch irgendwie geht alles so weiter wie bisher. Ursula und Heinz helfen dem Rest der Familie. Dieses Mal steht Heinz’ Stiefschwester mit ihren vier Kindern vor der Türe. Mit den beiden Söhnen gehen die beiden Pizza essen, lassen sie bei sich übernachten, fahren zu einem Wasserfall. Die Jahre verrinnen.

Irgendwann ist Ursula 40, ihr Mann 50. Vor 22 Jahren ist es wesentlich unüblicher als heute, mit 40 Jahren Mutter zu werden. Ursula und Heinz hadern. "Wir hatten nach diesen Jahren einfach auch keine Kraft mehr, nochmal von vorne anzufangen", sagt Ursula S. Sie wusste von ihren acht Geschwistern und den Neffen und Nichten ihres Mannes nur zu gut, welche Mühen und Sorgen mit der Erziehung von Kindern verbunden sein können. Ursula und Heinz S. verabschieden sich von ihrem Kinderwunsch und somit auch von der Möglichkeit, irgendwann Enkel zu haben.

Ähnlich wie Ursula und Heinz S. geht es derzeit etwa einem Zehntel aller Deutschen: Zwölf Prozent von den Frauen, die heute 70 Jahre alt sind, sind kinder- und somit auch enkellos. Dieser Anteil wird in den folgenden Jahrzehnten deutlich wachsen: Von den heute 45-Jährigen haben schon 25 Prozent keine Kinder. Hinzu kommen diejenigen, die zwar selbst Eltern sind, deren Kinder aber keine eigenen bekommen wollen oder können. Selbstverständlich bedauern nicht all diese Menschen, dass sie kinder- und enkellos sind. Doch der Wunsch, Großeltern zu werden, ist in Deutschland nach wie vor verbreitet, wie eine Studie von TNS Infratest zeigt (siehe Grafik).

Das ist evolutionär begründet, erklärte der Psychologe Horst Heidbrink kürzlich der Deutschen Presse-Agentur. Er forscht an der Fern-Universität Hagen zu sozialen Beziehungen. "Die meisten von uns haben den Wunsch, dass mit dem eigenen Tod nicht alles vorbei ist." Die Familiensoziologie-Professorin Corinna Onnen von der Universität Vechta widerspricht: Es gehe gar nicht so sehr darum, Gene weiterzugeben, sagt sie, sondern eher darum, Mutter oder Großmutter zu sein.

Das geht auch Ursula und Heinz S. so. Obwohl sich die beiden mit ihrer Kinderlosigkeit abgefunden haben, vermissen sie eigene Enkelkinder. "Man steht nicht am Wochenende am Fußballfeld, um den Enkel spielen zu sehen, man erlebt keine Einschulung und verliert den Kontakt zu den Kindern im Dorf", sagt Ursula S. "Und ich habe niemanden, der mir zeigt, wie ein Smartphone funktioniert." Wenn dann auch noch Sprüche aus dem Umfeld kommen – "Ihr habt es gut, dass ihr euch nicht um Enkel kümmern müsst" –, dann wird Ursula S. wütend. "Manchmal sage ich dann: Schwätzt ihr einen Scheiß."

Ursula und Heinz S. haben versucht, sich andere Ziele und Aufgaben im Leben zu suchen. Sie haben das Haus der Schwiegermutter umgebaut, Hobbys gepflegt und – wenn es finanziell irgendwie ging – kleinere Reisen unternommen. Und obwohl sie mittlerweile gut mit ihrer Kinder- und Enkellosigkeit leben können, sagt Ursula S. am Ende des Gesprächs: "Man fragt sich trotzdem immer wieder: Für wen mache ich das alles überhaupt?"

* Der richtige Name ist der Redaktion bekannt.