Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

09. November 2010

Den Wörtern verfallen

Swetlana Geier, die große Freiburger Dostojewski-Übersetzerin, ist im Alter von 87 Jahren in ihrem Haus in Günterstal gestorben.

  1. Swetlana Geier Foto: pr

Gut, dass es einen Film gibt über sie. So wird sie auch den Menschen im Gedächtnis bleiben, die sie nicht persönlich gekannt haben. Vadim Jendreyko, der Schweizer Dokumentarfilmer, hat Swetlana Geier vor vier Jahren auf einer Reise in die Ukraine begleitet. Es war das erste Mal seit 1943, seit ihrer Abkehr vom Land ihres Herkommens, dass sie an die Orte ihrer Kindheit und Jugend zurückkehrte. Ohne Sentimentalität, mit dem wachen, anteilnehmenden, niemals ausweichenden Blick, dem man sich, wenn man sie traf, nicht entziehen konnte, geht Swetlana Geier gemeinsam mit ihrer Enkelin Anna Götte in Kiew durch eine Vergangenheit, die sich unter ihrer präzisen Wahrnehmung und den glasklaren Kommentaren in Gegenwart verwandelt.

Mag sein, dass jemand, der in der Sprache lebt, die Zeit nicht als ein Nacheinander vergehender und vergangener Momente wahrnimmt, sondern sie aufgehoben weiß im Text, der sie überdauert. So konnte Swetlana Geier ganz im Ernst sagen, dass Fjodor Dostojewski für 15 Jahre ihr größter Liebhaber gewesen sei – und darüber hinaus: Von dem großen russischen Erzähler ist die Freiburger Übersetzerin nicht mehr losgekommen, auch nachdem sie die sich selbst gesetzte Mammutaufgabe bewältigt hatte, die fünf Hauptwerke des Dichters zu übersetzen. Die "Elefanten", dieses längst geflügelte Wort, das ihr im Gespräch mit ihrem langjährigen Verleger Egon Ammann einfiel, hat Swetlana Geier, die nach der stalinistischen Folterung und dem Tod ihres Vaters mit ihrer Mutter und einem Hochbegabten-Stipendium 1944 nach Freiburg kam, erst im Alter von 65 Jahren in Angriff genommen: Vorher hatte sie als erste Lehrerin für Russisch am Kepler-Gymnasium und jahrzehntelang als Dozentin in Karlsruhe Brücken zwischen den Sprachen geschlagen.

Werbung


Eine solche Tat wird in der Literaturgeschichte wohl einmalig bleiben. Swetlana Geier hat der staunenden Welt auch vor Augen geführt, was der Mensch geistig zu leisten in der Lage ist. Ihre Dostojewski-Übersetzungen haben die Lektüre des Dichters im Deutschen revolutioniert. Sie war nicht nur rigoros in der Veränderung lieb gewordener Titel. Aus den moralisch überformten Begriffen "Schuld und Sühne" wurde bei ihr konkret und real "Verbrechen und Strafe". Die "Dämonen" tauchen als "Böse Geister" wieder auf, und auch für den letzten "Elefanten", dessen Übersetzung sie 2006 abschließen konnte, ließ sie "Der Jüngling" nicht gelten. Und wie viel genauer ist "Ein grüner Junge": "Podrostok" (so das russische Original) sei, hat Swetlana Geier im BZ-Interview erläutert, ein Begriff aus der Forstwirtschaft und bezeichne das Unterholz. "Das, was unter Umständen ein Baum werden kann." Wenn man diese Assoziation weglasse, verliere man etwas.

Dabei war sich Swetlana Geier bewusst, dass Übersetzen ein Verlustgeschäft ist. "Es gibt keine guten, es gibt nur neue Übersetzungen", hat sie gesagt. Sie hat viele solche glasklaren Sätze gesagt, mit leichter, jugendlicher Stimme, und dabei gelegentlich die hellen Augen geschlossen, weil der Geist und die Sprache nun einmal keine sichtbaren Erscheinungen sind. Man folgte ihrer unbedingten Leidenschaft, ihrer Liebe zu den Wörtern, ihrer existenziellen Hingabe an die Literatur gebannt und konnte sich nicht lösen von ihrem auch im hohen Alter mädchenhaften Gesicht.

Ihre Übersetzungen diktierte sie – und daran mag es liegen, dass sie Dostojewski akustisch vielstimmig ins Deutsche gebracht hat. Sie hat sein Werk ästhetisch neu erschlossen. Dafür ist sie mit zahlreichen Preisen bedacht worden. 1995 bereits erhielt sie den Reinhold-Schneider-Preis der Stadt Freiburg, 2007 den Übersetzer-Preis der Leipziger Buchmesse. Diese Auszeichnung fiel in die bitterste Zeit ihres Lebens. Ihr Sohn Johannes war bei einem Unfall im Werkunterricht so schwer verletzt worden, dass er zum Pflegefall wurde. Sie hat diese Mühe auf sich genommen, klaglos, mit bewundernswerter Disziplin.

Anfang des Jahres nahm sie eine neue Übersetzung in Angriff: Dostojewskis "Aufzeichnungen aus einem toten Haus" sollen bis auf die letzte Seite fertig geworden sein. Im August legte sie sich ins Bett und stand nicht mehr auf. Sie habe, sagt ihr Lektor Hans-Jürgen Balmes, der sie vor zwei Wochen noch besuchte, eine heitere Gelassenheit ausgestrahlt. Bis zuletzt sei die Sprache ihr Lebenselixier gewesen, berichtet die Enkelin Anna Götte. Ein anderes Ende kann man sich für Swetlana Geier nicht vorstellen. Am Sonntag ist sie im Alter von 87 Jahren in ihrem Haus in Günterstal gestorben.

Autor: Bettina Schulte