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24. März 2012

Die schreibende Shatterhand

Paria und Parvenü: Vor 100 Jahren starb Karl May.

  1. Karl May als Old Shatterhand Foto: Karl-May-2012.de

  2. Erstausgabe Schatz im Silbersee Foto: Karl-May-2012.de

Wie viele, vielleicht die meisten Jungen meiner Generation – auch wie etliche, aber deutlich weniger Mädchen – habe ich Karl May als Kind und Jugendlicher exzessiv gelesen, mindestens 66 Bände, den ganzen Bestand der Bibliothek meiner Heimatstadt – nein, nicht nur gelesen, sondern, wie man so schön kannibalisch sagt, "verschlungen". Wichtig war das verheißungsvolle Aussehen der Bände mit ihrem kompakten Format, dem grünen Einband mit goldener Titelei und schwarzen Ornamenten und den suggestiven farbigen Titelillustrationen, natürlich noch wichtiger die enorme Spannung. Es war eine faszinierte, eine atemlose Lektüre. Auch heute, bei der zweiten oder dritten Wiederlektüre, wenn sie nur hinlänglich von meinem schlechten Gedächtnis profitiert, geht es mir kaum anders.

Bei all dem spielt die Wiederkehr des frühen Leseerlebnisses eine erhebliche Rolle.Was aber hat die frühe Begeisterung motiviert? Zweifellos die Lust auf Abenteuer, die begeisterte Neugier auf fremde Länder, vor allem jedoch die Möglichkeit der Identifikation mit zugleich idealisierten wie aller Welt konkurrenzlos überlegenen Gestalten. Wer als Jugendlicher Karl May las, war Old Shatterhand, war Kara Ben Nemsi. Nur mit dem auf das Heftigste beweinten Tod Winnetous ging ein Riss durch diese Welt: Es war der kurzfristige Einbruch des Realitätsprinzips, kompensiert um so mehr durch die Stilisierung Winnetous ins Heiligmäßige. Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi aber lebten. Sie waren die unangefochtenen ewigen Gewinner. Und mit ihnen war man auch immer auf der richtigen Seite: so das doppelte Versprechen der von Karl May gebotenen "Fantasy". Wenn er für heutige Kinder kaum noch eine Rolle spielt, so kann das an einem Mangel an "Fantasy" nur bedingt liegen. Alle Wünsche nach Allmacht und Identifikation kommen bei ihm auf ihre Kosten.

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Gerade deswegen allerdings geht die Wiederlektüre andere, distanziertere Wege. Der obligate Sturz der Idole, den man als Heranwachsender unter dem wachsenden Einfluss des Realitätsprinzips erleidet, kann auch Karl May und seine Helden nicht verschonen. Ja, dieser Sturz muss umso tiefer sein, je weiter Identifikation und Idealisierung einmal gegangen sind. Das ist die Fallhöhe der alten Helden. Die Entidealisierung ist unvermeidlich. Vor allem deswegen, weil in Karl Mays Person und Werk ein weit getriebener Ich-Kult, ein exzessiver Egozentrismus und eine religiös und kulturell verstandene Überlegenheitsfiktion zusammen kommen. Ihre Inspirationen holen sich diese Fiktionen indes bei etwas nur allzu Realem, das zur Zeit Mays ebenso virulent war, wie es das heute ist: dem weltweiten Fundamentalismus im Zusammenprall der Kulturen.

Von Karl May wird dieser Kampf am massivsten in seinen Orient-Erzählungen ausagiert. Sein Werk ist ein signifikantes Beispiel für jenen "Orientalismus", den Edward Said 1978 in seinem berühmten Buch "Orientalism" attackiert hat: als kulturelle Konstruktion, die mit der Intention eigener Identitätsfindung, der Abgrenzung vom unterlegenen, minderwertigen "Anderen" und der imperialen Machtausübung den "Orient" erfindet. Und mit welchem Erfolg!

Karl May wächst in einer bitterarmen Weberfamilie im Erzgebirge auf. Der bis zum Sadismus tyrannische, aber für den Sohn ehrgeizige Vater; die geliebte und verehrte Mutter; die fromme, als Erzählerin hochbegabte Großmutter prägen das familiäre Milieu. Der Vater will aus dem Sohn "etwas Besseres" machen. Am Ende behält er mit dessen Aufstiegsgeschichte in gewissem Sinn recht.

Während der Ausbildung zum Lehrer begeht Karl May indessen erste Straftaten, die in eine Serie von Wiederholungsdelikten (Diebstahl, Betrug, Fälschung, Hochstapelei, die Amts- und Titelanmaßungen eines sächsischen Hauptmanns von Köpenick), schließlich in die überaus harte Verurteilung zu vier Jahren Zuchthaus münden.Seitdem hat er etwas "gutzumachen". Karl May wird zum Schriftsteller . Eine rasante Aufstiegsgeschichte beginnt. Er erwirbt die Radebeuler Nobel-"Villa Shatterhand", die den erschriebenen, in Gold getriebenen fiktiven Namen mit dem Inbegriff einer Realie: der Immobilie materialisiert. Als Gast von Fürsten und Königen macht May sozial Karriere. Aus dem Paria wird ein Parvenü. In der Rolle seiner übermenschlichen Helden lebt er seinen immensen Geltungstrieb aus. Nur scheinbar im Widerspruch dazu steht ein ebenso sentimentales wie sendungsbewusstes Christentum, das ihn zu einem der frömmsten Autoren der deutschen Literatur macht.

Um die Jahrhundertwende kommt dann freilich ein zweiter lebensgeschichtlicher Wendepunkt. Heftige journalistische Angriffe, die Mays frühe Kolportageromane als "unsittlich" brandmarken, sein Rollenspiel als "Old Shatterhand" und "Kara Ben Nemsi" als fiktiv enttarnen und seine kriminelle Vergangenheit enthüllen, führen zu einer Reihe von Prozessen. Auf dieser Trümmerstätte entsteht Karl Mays symbolisch-allegorisches Spätwerk. Sein Christentum nimmt in der Krise pazifistische und universalistische Züge an. Er will den "Frieden auf Erden" verkünden: So der Titel einer seiner späten Reiseerzählungen. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Einstweilen dominiert ein missionarischer christlicher Fundamentalismus, der in einem aggressiven Islam seinen Gegner sucht und findet. Noch vor der vergleichsweise differenzierten, tragisch verlaufenden Wildwest-Konfrontation zwischen guten und bösen Indianern, guten und bösen Weißen, noch vor dem aus nationalistischer Perspektive dargestellten Krieg zwischen Deutschen und Franzosen verläuft hier die Hauptfront von Karl Mays Werk. Von den "Reiseerzählungen", die "Durch die Wüste" und "Durchs wilde Kurdistan", dann "Von Bagdad nach Stambul" und in die "Schluchten des Balkans" führen bis zur Trilogie "Im Lande des Mahdi" zieht sich die Blutspur dieses Konflikts.

Es gibt bei May auch Plädoyers für Toleranz, ja, die allerchristlichste Liebe. Neuerdings hat die Berliner Literaturwissenschaftlerin Andrea Polaschegg den verbindenden Monotheismus betont. Aber gerade wegen der Verwandtschaft der monotheistischen Buchreligionen bricht bei May ihre Konkurrenz umso massiver aus. Den guten indianischen "Manitou" wie seine sterbenden Anhänger kann man getrost den ewigen Jagdgründen überlassen – nur ein toter anderer Gott ist ein guter Gott –, den fatal lebendigen Allah jedoch nicht. Offen ist der Ausgang der Auseinandersetzung freilich nie: Dem Islam ist die Niederlage, dem Christentum der Sieg gewiss. Die Erfahrungsgrundlage dieser Inszenierung des Kampfes der Religionen und Kulturen ist äußerst beschränkt: Karl May hat den Orient erst nach den meisten seiner Orient-Erzählungen, auf einer 16-monatigen Reise 1899/1900 kennengelernt. Sie sollte wenigstens den touristischen Wahrheitsbeweis dafür antreten, dass er in jenen Ländern war, von denen er geschrieben hatte. Dürftiger noch die Amerika-Reise, die ihn erst 1908 und da gerade einmal für zwei Monate in das Abenteuer-Eldorado Old Shatterhands geführt hat. Sein wildester Wilder Westen waren die Niagara-Fälle mit Indianer-Show.

Der angebliche "Reiseschriftsteller" lebte nie aus erster Hand, um so mehr aus zweiter und dritter, aber immer mit der Fiktion vollständiger Authentizität. Das erzählende Ich behauptet stets seine Identität mit dem handelnden Ich. In seinen Helden erschafft der Autor seine wirklichste Wirklichkeit. Literatur ist phantasierte Selbstkreation mit dem Gütesiegel des Realen.

In zahllosen Briefen, die ein zweites Hauptwerk sind mit der Aufgabe, das erste literarische zu beglaubigen, erzählt May: "Ich bin wirklich Old Shatterhand resp. Kara Ben Nemsi und habe erlebt, was ich erzähle." Deswegen kann er auch mit dem gutentwickelten Gespür für die Feinheiten der Terminologie von den "Reiseromanen", die sein Freiburger Verleger Fehsenfeld so erfolgreich verkauft, zu den "Reiseerzählungen" des "Reiseschriftstellers" mit dokumentarischem Anspruch übergehen. Die Schriftsteller- und die Heldenrolle können sich sogar auf das Abenteuerlichste überschneiden: wenn etwa beim "Deutschen Hausschatz" seine Fortsetzungsgeschichten ausbleiben, so ist er gerade irgendwo zwischen Mekka und den amerikanischen Prärien unterwegs. Oder er muss eine seiner Verletzungen auskurieren, die er sich bei aller Überlegenheit hier und da doch zugezogen hat.

Im Zoo der

toten wilden Tiere

Die "Villa Shatterhand" ist eine einzige Trophäensammlung – die Trophäe ist Sieges- und dokumentarisches Echtheitszeichen zugleich. Die Narben aber, die er auf seinen Lesereisen entblößt, sind die echtesten Trophäen, buchstäbliche Verkörperungen seiner Fiktionen, und alle Trophäen zusammen, ausgestopfte wilde Tiere, erbeutete Waffen, die Kostüme, in denen er sich für den Photographen, der sein Marketing betreibt, hinter seinem Schreibtisch anschleicht, ein einziger Wahrheitsbeweis. Peinlich nur, wenn sich eine schwarze Locke Winnetous als Rosshaar entpuppt. Mays Arbeitszimmer in der Radebeuler "Villa Shatterhand" ist Dokumentationszentrum, Kostümfundus, Natur- und Völkerkundemuseum, angeblicher Erinnerungs- und realer Imaginations- und Inspirationsraum in einem. Zu einem Foto, das May an seinem Arbeitsplatz zeigt, notiert er: "Über meinem Kopfe Winnetous Silberbüchse, links am Fenster der doppelläufige Bärentödter, am anderen Fenster der kleine Henrystutzen, das sind die 3 berühmtesten Gewehre der Welt. Vom Schreibtisch hängt herunter meine Häuptlingsflagge, ein einziges Stück Baumbast, mit Menschenblut bemalt, jedes Viereck mit dem Blute eines Feindes, den ich im Nahkampf mit dem Messer erlegt habe. Darunter ein von mir nur mit dem Messer genickter wilder Büffel. Links unten ein selbstgeschossener Grizzlybär. Oben der selbsterlegte afrikanische Löwe." Das signifikanteste Wort dieser Omnipotenz-Litanei ist "selbst": selbstgeschossen, selbsterlegt. Wir befinden uns in einem förmlichen Zoo der toten wilden Tiere und Menschen, in dem nur einer lebt: der Autor.

Seine literarischen Quellen muss und kann er nicht nennen, weil er behauptet, von eigenen Erlebnissen und Beobachtungen zu schreiben. May hat exzerpiert und zitiert, teils auch plagiiert, was andere Autoren hergaben. Seine Bücher sind eine Welt aus Texten, denen freilich erst seine immense Phantasie zum Leben verhilft. Gerade darin mag man mit den Karl-May-Verehrern seine enorme Leistung sehen. In der Tat, über Länder, die er nicht aus eigener Anschauung kannte, so zu schreiben, als wäre er in ihnen gewesen – das macht ihm so leicht kein anderer "Reiseerzähler" nach.

Sein letzter Vortrag am 22. März 1912 in Wien wird zu einem veritablen Triumph. "Empor ins Reich der Edelmenschen!" ist das Thema. Karl Mays letzte Worte sollen gelautet haben: "Sieg, großer Sieg!"

– Unser Autor, Jahrgang 1943, ist Literaturwissenschaftler und Honorarprofessor an der Uni Freiburg.

ZUR PERSON: KARL MAY

Geboren am 25. Februar 1842 im erzgebirgischen Ernstthal, wächst Karl May als fünftes von 14 Kindern einer armen Weberfamilie auf. Er lernt den Beruf des Lehres, kommt aber immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt. Vier Jahre verbringt er im Zuchthaus. Als Schriftsteller hat May großen Erfolg, er kauft sich die Radebeuler "Villa Shatterhand". May war ein über alle Maßen produktiver Autor. Das Radebeuler Karl-May-Museum schätzt sein Gesamtwerk auf einen Umfang von rund 110 000 Manuskriptseiten. Er habe circa 80 bis 100 Bücher geschrieben. Sein Werk wurde in 42 Sprachen übersetzt und viele Male verfilmt. Karl May starb am 30. März 1912 in Radebeul an Herzversagen.  

Autor: BZ

Autor: Ludger Lütkehaus