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31. Oktober 2008
Eine Niederlage ohne Gewinner
Nanni Balestrinis Romantrilogie "Die Große Revolte"/ Von Bille Haag
Wenn der sich Rauch vom "Baader-Meinhof-Komplex" verzogen hat, der eher ein Aust & Co.-Komplex ist, dann wäre jenseits der Alpen eine andere politische Kultur zum gleichen Thema zu finden: Die Romantrilogie "Die Große Revolte" von Nanni Balestrini ist der literarische Blick auf die Kämpfe in Italien von 1969 bei FIAT Turin, über die Generation 77 der "Autonomia" bis zur Moro-Entführung und dem Nachdenken über den Verleger Feltrinelli fünfzehn Jahre nach seinem Tod.
Der Autor hat diese Zeiten von den Fiat-Kämpfen bis hin zum bewaffneten Kampf beschrieben. Was heißt beschrieben: Balestrini ist ein umstürzlerischer Schreibender, einer der "Jungen Wilden", den die Techniken der Sprachzertrümmerung ebenso inspirierten wie der gesellschaftliche Aufbruch. In "Wir wollen Alles", dem ersten Roman, lässt uns Balestrini mit dem jungen süditalienischen Arbeitsemigranten in Turin die Haut zu Markte tragen. "Wir wollen Alles" ist ein furioser Grundkurs in Volks- und Betriebswirtschaft, kapitalistischer Ausbeutung, Entfremdung, Spaltung der Arbeiterschaft. Eine ganze Generation widersetzt sich der verdichteten Arbeit, die Menschen als "beweglichen Arbeitsfaktor" in den Fabriken verschleißt und ihnen das Leben wegfrisst. Der Aufstand rückt die Utopie vom nicht entfremdeten Leben in greifbare Nähe.
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"Ich sagte, dass sie uns eine halbe Stunde fürs Mittagessen bezahlen müssten, weil das Essen zur Arbeit gehört und wir in der halben Stunde auch arbeiten. Während du arbeitest, kommt die Sirene, uuuuuuhhhh, und du fängst an, wie ein Irrer zu rennen, Treppen rauf, du kommst in deinen Korridor, läufst zu deiner Umkleidekabine, rennst zu deinem Schrank, nimmst Gabel, Löffel, Brot, läufst dorthin, wo dein Blechnapf mit Essen steht, zusammen mit zweitausend anderen, schnappst dir den Fressnapf, kommst zu den Tischen, quatschst, tatatatata, isst, uuhh, springst auf, rennst los, Korridor, Umkleidekabine, Kleiderspind, legst alles an Ort und Stelle, rast runter, halbe Stunde und schon bist du wieder in der Werkstatt. Alles im Laufschritt, während du raufgehst und wieder in die Werkstatt kommst, weil du es sonst nicht schaffst. Das ist doch Arbeit und nicht Pause."
Es folgen die ersten Demonstrationen bei Fiat "Die komischsten Sachen schrien wir: Mao Tse-tung, Ho Chi Minh, Arbei-termacht und andere Sachen, wie Hoch Gigi Riva, es lebe Cagliari, es lebe die Möse. Es hatte mit der FIAT einen Scheißdreck zu tun und es war uns gerade recht….Und dann versetzten wir den Materialkisten Fußtritte, um Rabatz zu machen, einen deftigen, dumpfen Radau, tututu tututu tu-tutu, zwei Stunden dauert dieser Heidenkrach. Zwischendurch halten wir Versammlungen ab, mal am Nordende der Bänder, mal am Südende der Bänder. Kreuz und quer laufen wir durch die Bänder, und dabei schreien wir alle im Chor: Mehr Geld, weniger Arbeit. Oder: Wir wollen alles! ""Wir wollen Alles" ist eine Hommage an diese Kämpfe in Turin. Literatur und Revolte gehen zusammen in dieser erzählten Hoffnung, voll Empathie für die Akteure. In Sprache und Form ist es der realistischste der drei Romane.
Die Fluxus-Sprachzweifel der früheren Jahre, als Balestrini, Eco, Sanguinetti u.a. in literarischen Zirkeln der Neo-Avantgarde den etablierten Kulturbetrieb und die bürgerliche Gesellschaft angingen, finden in dem Roman "Die Unsichtbaren" ihren Raum und ziehen den Leser in aufregende, eindringliche Sprach- und Handlungskaskaden. Der Ich-Erzähler, der Wir-Erzähler, holt den Leser in ein vielstimmiges Dokument von Oral History und gibt dem kollektiven Subjekt der damaligen Bewegung ein Gesicht. Alles scheint möglich. "Autonomia": Zur Hölle mit den alten Strukturen, der Sklaverei des Geldes und der Arbeit, mit den Faschisten, Ausbeutern, Lehrern und Miethaien.
Nanni Balestrini, der "Genosse Komma", verzichtet jetzt auf Satzzeichen und stellt einen sprachlichen Lesefluss her, der zunächst irritiert: "man hört tosendes Gebrüll alle schreien Versammlung Versammlung Mastino dort unten breitet die Arme aus und lässt sie wieder sinken und als er zu Wort kommt sagt er schwer atmend ja ja alles was ihr wollt aber kommt sofort runter ich flehe euch an kommt runter geht langsam runter nicht rennen ich bitte euch niemand wird relegiert ihr dürft eure Versammlungen machen aber kommt bitte runter… statt der Reihe nach runterzugehen wie Mastino es wollte rennen sie alle runter noch dazu hüpfend und laut trampelnd um ihn zu ärgern und schieben und drängen Mastino steht immer noch reglos da mit erhobenen Armen und brüllt nicht doch nicht doch langsam langsam und wie es dann ausging wissen ja alle".
Es ist, als könne das gar nicht anders gesagt sein. Man gerät lesend unter die Akteure. Als dann am Ende die "Autonomia" zerschlagen ist, Freunde und Genossen im Exil, tot, an Drogen verloren oder im Knast, und zwei in der Zelle miteinander reden, da versagt sich Bescheidwisserei, wie sie diesseits der Alpen gern stattfindet. "Die Unsichtbaren" dokumentieren eine Niederlage, in der es keine Gewinner gibt, aber Balestrini gibt den Menschen der "Großen Revolte" ihre verschiedenen Stimmen, er hat zugehört.
"Der Verleger" schließt die Trilogie ab. Zwei ineinander montierte Zeitebenen öffnen sich zu einer dichten literarischen Reflexion, in deren Mittelpunkt der Verleger Feltrinelli steht, Multimillionär und militanter Feingeist. Sein Tod bei einem Anschlag auf einen Hochspannungsmast markierte einen Wendepunkt in der Politik der Linken. Fünfzehn Jahre später begeben sich die Protagonisten auf die Suche: Wie erlebten sie diesen Tod, was geschah mit der Linken, mit dem bewaffneten Kampf, was ist jetzt. Es soll ein Film entstehen, sie suchen Wahrhaftigkeit. In einer atemlos genauen Sprache werden O-Töne zu einem großen Klangmuster montiert. Das macht die "Große Revolte" zu einem Stück Zeitgeschichte, einem Stück radikaler Literatur, das einen mitnimmt, anfasst und aufhorchen lässt, so dass ein Diskurs daraus werden kann. Auch heute noch.
– Nanni Balestrini: Die Große Revolte. Romantrilogie. Aus dem Italienischen von Peter O. Chotjewitz, Christel Fröhlich, Andreas Löhner und Renate Heimbucher-Bengs. Verlag Assoziation A, Berlin 2008. 440 Seiten, 24 Euro.
Autor: Von Bille Haag
