Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

07. September 2011

"Für eine vereinte Menschheit"

BZ-INTERVIEW: Der Autor Horst Gehrmann über die seit 50 Jahren erscheinende Science-Fiction-Serie "Perry Rhodan".

  1. So stellten sich seine Erfinder den Weltraumhelden vor: Perry Rhodan auf der Titelillustration von Heft 19 aus dem Jahre 1962. Foto: dpa

  2. Bekannt wurde er als H. G. Ewers: Horst Gehrmann Foto: Privat

Am 8. September 1961 erschien das erste Heft: Die Science-Fiction-Serie "Perry Rhodan" sollte zum Dauererfolg werden, der bis heute anhält. Immer noch ist "Der Erbe des Universums" unterwegs, um die Menschheit in Konflikten mit interstellaren Zivilisationen und hyperenergetischen Phänomen vor Schaden zu bewahren. Einer der frühen Autoren war Horst Gehrmann (81) alias H. G. Ewers, der in Weil am Rhein lebt. Thomas Steiner fragte ihn nach der Faszination von Perry Rhodan.

BZ: Herr Gehrmann, die Menschheit hat es mit ihren Vorstößen ins Weltall noch nicht sehr weit gebracht. Derzeit wird sogar darüber nachgedacht, die Internationale Raumstation stillzulegen. Schmälert das die Faszination von Science-Fiction oder stachelt es sie im Gegenteil an?
Horst Gehrmann: Weder noch, denn die ISS ist nur ein Faktor bei der Erforschung des Weltalls.
BZ: Sie selbst sind in der früheren DDR zum SF-Autor geworden. Wen haben Sie damals gelesen? Und was hat Sie an diesem Genre fasziniert?
Gehrmann: Ich kam von rein wissenschaftlicher Seite zur Science Fiction. Sozusagen Kompass war für mich das Buch "Einstein und das Universum" von Lincoln Barnett. Es folgten wegen der damaligen DDR-Zustände SF-Romane von Stanislaw Lem. Als ich 1961 in die Bundesrepublik geflohen war, "stürzte" ich sozusagen in eine Fülle von Science Fiction, hauptsächlich von amerikanischen Verlegern. Mit einer Ausnahme – und die hatte es in sich: Perry Rhodan. Diese deutsche SF-Serie unterschied sich grundlegend von allen bisher mir bekannten SF-Werken: Sie riss die Menschen, die damals in dem feindseligen Bruderzwist von Kapitalismus und Sozialismus gefangen gehalten wurden, aus ihrer Lethargie heraus und zeigte ihnen eine Möglichkeit, den weltweiten Atomkrieg zu vermeiden und die Menschheit friedlich zu vereinen.

Werbung

BZ: Ist das Perry Rhodans Botschaft heute noch?
Gehrmann: Die Person Perry Rhodan ist noch immer die tragende Person der Serie – und das ist wohl einer der Gründe, warum die SF-Serie immer noch läuft und auch immer neue Anhänger findet. Die Stammleser haben auch eine Moral entwickelt, die der allgemeinen Moral um Jahrtausende voraus ist: Sie sind für den Frieden und eine vereinte Menschheit – obwohl die allgemeine Entwicklung zeigt, dass das Gros der Menschheit von Engstirnigkeit geprägt und hilflos der Kriegstreiberei ausgeliefert ist – siehe die dem Krieg und nicht dem Frieden dienende Nato. Vielleicht kann Perry Rhodan einen neuen Aufschwung zum Weltfrieden bringen. Notwendig wäre es, sogar dringend notwendig.
BZ: Viele Kritiker von den 50er bis zu den 70er Jahren sahen das anders: Die Serie mit ihrer Führerfigur und ihren militärischen Operationen sei minderwertige, wenn nicht gar politisch gefährliche Literatur. Was haben Sie darauf geantwortet?
Gehrmann: Ich habe diese falschen Moralapostel ausgelacht. Perry Rhodan ist weder minderwertig noch gefährlich. Für eine Heftserie ist sie echt wissenschaftlich, soweit dort über die bekannten Strukturen und Naturgesetze des Universums geschrieben und fabuliert wird. Und: Was heißt gefährlich? Selbstverständlich werden bei Handlungen in der Zukunft entsprechende Waffen geschildert, aber bei Konflikten wird stets nach friedlichen Lösungen gesucht. Diese Lösungen werden von allen Autoren und auch der Redaktion angestrebt.
BZ: Hat eigentlich Ihre Frau Ihre Romane gelesen? Perry Rhodan mit seinen Raumschiffen und Waffen, die auch gerne in den "Risszeichnungen" im Heft ausgemalt wurden, ist doch eine Männerwelt.
Gehrmann: Raumschiffe sind die Verkehrsmittel der Zukunft – und da denken Frauen sicher genauso wie Männer. Meine Frau hat übrigens durchaus SF und damit auch Perry Rhodan gelesen.
BZ: Sie sind bekannt dafür, dass Sie als Autor bei Perry Rhodan unzählige außerirdische Völker und Wesen in die Serie eingeführt haben. Welche waren Ihre liebsten und wo nahmen Sie die Inspiration dafür her?
Gehrmann: Meine liebste Figur und eine der beliebtesten Figuren ist der Hathor Tengri Lethos – auch Hüter des Lichts genannt. Ich nahm ihn in die Serie, weil er bei den historischen Ägyptern eine "göttliche" Rolle spielte. Seine Macht war praktisch unbegrenzt, aber er wandte sie nur zur Erhaltung des Friedens an. Daneben wurden die Pai'uhn K'asaltic, die "Meisterdiebe des Universums" sehr beliebt und bewiesen, dass ich ein Schlitzohr bin. Das gleiche bewiesen der Tibeter Dalimoc Rorvic und der Marsianer der a-Klasse Tatcher a Hainu, die als Psychoteam bekannt wurden – berühmt bei den Lesern, verunsichernd bei den Redakteuren. Mit ihnen demonstrierte ich, dass die Menschen der Zukunft keine Superwesen sein werden. Sehr wichtig waren außerdem Guy Nelson, der trunksüchtige Handelsschiffer mit seinem superschlauen Roboter George.
BZ: Finden Sie es schade, dass in der Realität immer noch keine Außerirdischen aufgetaucht sind?
Gehrmann: Das denken wohl die meisten Menschen. Aber wer weiß es denn wirklich? Meine Mutter Marie wurde beispielsweise rund neun Monate nach dem Tag geboren, an dem über der sibirischen Tunguska ein außerirdisches Raumschiff explodierte. Wenn es denn ein Raumschiff war...
BZ: Sie sind 1994 aus der Autorentätigkeit ausgestiegen und haben mit mehr als 60 Jahren noch Medizin studiert. Warum das?
Gehrmann: Weil mich Biologie und Medizin schon immer sehr interessiert haben. In der DDR hatte ich mit einem normalen Medizin-Studium begonnen, als die Sowjets Ungarn "vergewaltigten". Weil ich wie andere Kommilitonen daraufhin einen Trauerflor am rechten Ärmel trug, wurden wir sofort exmatrikuliert. Durch gute Beziehungen – ich war Personalchef eines Kreisschulamtes – kam ich zu einem Lehrerstudium. Das Interesse an Medizin aber blieb.
BZ: Science Fiction ist ja Zukunftsprognose: Was meinen Sie, werden wir Menschen es doch noch zum Mars schaffen?
Gehrmann: Sie finden die Antwort darauf heraus, indem sie im Internet Mars Society googeln und unter "Dokumente" die zehn Kapitel meines Marsromans "Asylwelt Roter Planet" lesen.
BZ: Und wie lange wird es noch Perry-Rhodan-Hefte geben?
Gehrmann: Noch lange, aber wie lange kann ich nicht sagen.

Perry Rhodan

Heftromane waren in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg eine beliebte, weil billige Form der Literatur, es gab sie als Liebes-, Soldaten- oder Westernromane. Und als Zukunftsromane: Auf einige Vorläufer folgte 1961 "Perry Rhodan". Die Serie um den Mann, der auf dem Mond in den Besitz einer außerirdischen Technologie kommt, mit ihrer Hilfe als "Dritte Macht" die Konflikte der irdischen Großmächte befriedet und dann als Administrator der Weltregierung ins All vorstößt, läuft bis heute. Der aktuelle Band 2611 spielt im Jahr 5056. Für Nicht-Kenner ist die Serie mit ihren außerirdischen Völkern ("Tefroder") und ihrem Vokabular für erfundene Technik ("Fraktale Aufriss-Glocken") anfangs nur schwer nachzuvollziehen. Sie gewinnt aber immer wieder Nachwuchs-Stammleser, wöchentlich verkauft der Rastatter Pabel-Moewig Verlag 80 000 Hefte, dazu Buchreihen und Hörbücher.

Unter seinem Pseudonym H. G. Ewers gehörte Horst Gehrmann von 1965 bis 1994 zu den Stammautoren der "Perry Rhodan"-Serie, er hat 250 Hefte beigesteuert. 1930 in Weißenfels an der Saale geboren, floh er kurz vor dem Mauerbau 1961 aus der DDR. Der 81-Jährige lebt mit seiner Frau in Weil am Rhein. Als Autor ist er immer noch aktiv, sein jüngstes Werk ist auf der Internetseite der Mars Society zu lesen. 2003 war Gehrmann zwei Wochen lang auf der Station in den USA zu Besuch, auf der ein Marsflug simuliert wird.  

Autor: tst

Autor: tst