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06. August 2008

Konsumieren, doch mit Kompetenz

Öko muss nicht nur Verzicht bedeuten: In der Freiburger Reihe "Unter Sternen" lesen die Brüder Martin und Peter Unfried

  1. Peter (links) und Martin Unfried

Martin und Peter Unfried. Zwei Brüder, eine Mission: Öko. Heute könnte man das verkürzt so sagen. Aber das war nicht immer so. Für Peter, Jahrgang 1963, war Öko lange der Inbegriff des Uncoolen. Da konnte der jüngere Bruder Martin – in gewisser Weise schon immer so etwas wie ein klassischer Öko – sich den Mund fusselig reden. Doch eines schönen Sommertages 2006, irgendwo an der kalifornischen Pazifikküste, trat Peter Unfried nach Al Gores Film "Eine unbequeme Wahrheit" aus dem Kino und wusste, dass er sein Leben ändern würde.

Mit diesem Erweckungserlebnis beginnt auch sein jüngst erschienenes Buch "Öko. Al Gore, der neue Kühlschrank und ich", worin er den Weg seiner Öko-Werdung nachzeichnet. Natürlich ist er kein klassischer Öko geworden, das wäre ja uncool. Peter ist ein Neuer Öko. Einer der endlich Schluss macht mit dem vermeintlich unausweichlichen ökonomischen Paradoxon, das da lautet: Ich mache Öko, weil das Leben besser werden soll, aber meins wird durch all den Verzicht schlechter.

Ökotainment statt Asketenpredigt

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"Wir brauchen keine verängstigt auf Öko fixierte Gesellschaft, die quasireligiös-endzeitlich auf den Klimawandel starrt. Ich mache das, weil es zu einem aufgeklärten, modernen Lebensstil dazugehört. Und meine Lebensqualität ist dadurch gestiegen", erläutert Peter Unfried. Wir sitzen im Freiburger Uni-Café. Früher hätte er um diese Jahreszeit nicht in Freiburg, sondern in Santa Cruz, Kalifornien, gesessen. Doch "wenn man weiß, was der Flug für einen Anteil am ökologischen Fußabdruck hat, tut man sich mit dem Fliegen tatsächlich schwerer."

Also doch Verzicht? "Nein, ein Versuch." Fliegen will er nicht kategorisch ausschließen, hält es aber für eine Selbstverständlichkeit, dass man als aufgeklärter Mensch weiß, was Fliegen für das Klima bedeutet, und dass man dieses Wissen in seine Urlaubsplanung einbezieht. Dann wird man auch merken, was das für ein tolles Gefühl ist, mit dem 3-Liter-Auto 1000 Kilometer nach Kroatien und retour zu fahren und dabei für vier Personen nur 62 Liter Benzin zu verbrauchen.

Das ist die Kerbe, in die auch Bruder Martin schlägt. Ökologie bedeutet für ihn vor allem faszinierende Technologie. Ein Plusenergiehaus ist ein bewundernswertes Produkt und zeigt den heute schon möglichen Status Quo des Wohnens. Das muss ins Zentrum der Klimadebatte gerückt werden. "Der Klimaschutz ist so negativ aufgeladen durch all die Weltuntergangsszenarien, dass es zum Dilemma für die neue Produktschiene wird, bei der es nur darum geht, vernünftig zu konsumieren", sagt er am Telefon. Das sieht Peter Unfried inzwischen genauso: "Es ist nicht einzusehen, dass man das, was man im täglichen Leben am meisten macht, nämlich konsumieren, mit dem wenigsten geistigen Aufwand und der geringsten Kompetenz macht."

Wer sich um diese Kompetenz bemüht, wird einem Politiker nicht mehr moralische Verfehlung vorwerfen, wenn der mit dem Ferrari durch die Landschaft brettert, sondern nur verständnislos mit dem Kopf schütteln, dass ein Mensch in leitender Funktion sich noch mit solcher Steinzeittechnologie abgibt. So jedenfalls die Hoffnung von Martin Unfried. "Wer definiert eigentlich, dass so etwas sexy sein soll?" fragt er und gibt die Antwort gleich selbst: "Gefühle kommen nicht aus dem Nichts. Die sind seit 40 Jahren von der Automobilindustrie aufgebaut worden. Das kann man nicht von heute auf morgen verändern. Dazu braucht man natürlich dieselben milliardenschweren Werbeetats."

Im Kleinen versucht Martin Unfried die Neudefinition von Begehrenswertem in seiner taz-Kolumne "Ökosex". "Früher war ich Ökomoralist, aber man kann nicht auf der Appellebene gegen hochemotionalisierte Werbekampagnen ankommen." Was dann? "In einer produkt orientierten Konsumgesellschaft ist das Angeben das Wesentliche. Die Ökos müssen heißer angeben. Mein Ökosexauto ist das beste und tollste der Welt."

Um bewussten Konsum aus der Asketenecke zu holen, hat er für sich das Genre des Ökotainments erfunden. Am liebsten würde er damit auf dem Sofa von "Wetten dass…" landen, neben Top-Prominenten, die mit ihrem neuen Solardach oder dem Elektroauto protzen. Ein Problem sieht er allerdings: Die meisten Promis sind bereits weggekauft. Heidi Klum von VW, Boris Becker von Mercedes etc. Aber warum sollten nicht auch Klimapolitiker mal Promis für ihre Sache einkaufen? Warum sollten nur Autokonzerne Erlebniswelten für ihre Kunden bauen? Warum keine Erlebniswelt für das emissionsfreie Leben der Zukunft?

Kann man Öko zur Leitkultur machen? Peter und Martin Unfried versuchen es als Team. Peter für die Einsteiger, Martin für die Fortgeschrittenen. Freiburg ist das Testpflaster.
– Peter Unfried: Öko. Al Gore, der neue Kühlschrank und ich, DuMont Buchverlag, Köln 2008, 239 Seiten, 14,90 Euro. In der Reihe "Unter Sternen" lesen am Freitag, 8. August, Martin Unfried und am Samstag, 9. August, Peter Unfried im Innenhof Haus zur Lieben Hand, Löwenstraße 16, jeweils um 21.30 Uhr.

Autor: Jürgen Reuß