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02. April 2009 09:12 Uhr
Interview
Krimi-Autorin Uta-Maria Heim: "Ich bin nicht boshaft"
Nach Jahren als Krimiautorin und mit mehreren Preisen ausgezeichnet arbeitet Uta-Maria Heim seit 2006 als Hörspieldramaturgin des SWR in Baden-Baden. Trotzdem findet sie noch Zeit zum Bücherschreiben.
Nach "Dreckskind" und "Totschweigen", zwei düsteren Anti-Regio-Krimis, hat die 45-Jährige "Wespennest" veröffentlicht, eine kühne Fortsetzung ihres vor 18 Jahren erschienenen Debüts "Das Rattenprinzip". Vor ihrer Lesung in Freiburg sprach Joachim Schneider mit ihr.
BZ: Frau Heim, wieso haben Sie eine Fortsetzung von " Rattenprinzip" geschrieben?Uta-Maria Heim: Schuld daran sind zwei Buchhändler aus Freiburg. Nach einer Lesung in der Krimi-Buchhandlung "Am Schwarzen Kloster" vor zwei Jahren saßen wir draußen in der Pizzeria, wobei in der Dämmerung ein Gewitter aufzog. Es wurde allmählich Zeit, sich zu verabschieden. Einer der beiden brachte mir – nein, keine Blumen, einen Stapel alter Taschenbücher. Sie passten farblich nicht zusammen und sahen auch sonst nicht sonderlich gut aus. Ich dachte, was für ein seltsames Geschenk! War es aber gar nicht. Es waren meine eigenen. Ich sollte sie nur signieren. Es stellte sich heraus, dass besagte Buchhändler treue Freunde meiner krummen Krimilaufbahn sind. Sie fanden, dass "Das Rattenprinzip" der beste Krimi sei. Dann wurde angemerkt, dass ein wesentlicher Fall nicht gelöst wird.
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Heim: Ich habe "Das Rattenprinzip" damals – ganz anders – weitergeschrieben und als Trilogie angelegt. Die Folgetitel "Der harte Kern" und "Die Kakerlakenstadt" sind lange vergriffen und sollen es bleiben. Ich glaube, sie sind zeitverhaftet.
BZ: Selbst die wenigen Figuren, die im "Rattenprinzip" sympathisch rüberkamen, sind im "Wespennest" zu Lügnern, Erpressern oder Dumpfbacken verkommen. Warum so boshaft?
Heim: Finden Sie? Ich bin nicht boshaft. Ganz im Gegenteil. Ich habe Stulle, dem Polizeireporter, zu einer rauschhaften Karriere verholfen. Und ich habe den tödlich verunfallten Götzberg aus der ausgebrannten Kiste gezerrt. Ich habe ihn zum Leben erweckt und ihm, einem nichtigen Lohnschreiber, eine Vita angedeihen lassen, von der Menschen mit diesem Berufsbild nur träumen können. Das sollen mir andere Krimiautoren erst mal nachmachen. Der Rest ist leider Lebenserfahrung: Einige Menschen, die mir vor 18 Jahren literarisch am nächsten standen, hat das gleiche Schicksal ereilt wie manchen realen Zeitgenossen. Sie sind Kotzbrocken geworden. Man muss realistisch sein dürfen.
BZ: Überhaupt kommen die Menschen nicht so gut weg in ihren letzten Büchern.
Heim: Das müssen Sie anders sehen. Es ist ein humaner Akt, wenn sich mit geistig-moralisch so wenig begüterten Figuren überhaupt ein Autor befasst.
BZ: Macht das Spaß oder muss es sein?
Heim: Das macht schon viel Freude. Blöde Schafseckel sind langweilig. Das Schillernde dazwischen ist’s, was spannende Figuren ausmacht. Außerdem gibt’s im "Wespennest" etliche Sympathieträger. Sarah und Teg zum Beispiel, die globalisierungsgegnerischen, gutmenschlich-autistischen Neospontaneisten.
BZ: Und den Roten Karle, den alten Kommunisten, mögen Sie wohl immer noch ...
Heim: Ja. Er ist eine der wenigen Personen mit einem tatsächlichen lebensgeschichtlichen Hintergrund. Karles Vorbild starb nach der Wende an Krebs. Ich habe mich entschlossen, Karle weiterkämpfen zu lassen; die Wucht, mit der er auf der Welt war, soll noch eine Weile nachhämmern. Da Karles Vorbild nicht sonderlich unbescheiden war, hätte ihn das bestimmt gefreut.
BZ: "Wo die Geschichte aus ist, bleiben uns nur noch Geschichten?", sagt er. Ist das auch ihr Credo?
Heim: Von Karles Küchentisch aus völlig korrekt. Aber die Geschichte ist nicht aus. Sie wird bloß immer verrückter. Mein Credo wäre: "Wo das Rad der Geschichte entgleist, rasen die Geschichten mit Volldampf weiter in den Wahnsinn."
BZ: Eine Figur fällt im "Wespennest" aus dem Rahmen. Wenn Sie’s aussuchen könnten, als welches Tier würden sie gern wiedergeboren ?
Heim: Als Eintagsfliege. Dann hätt’ ich’s am schnellsten hinter mir.
– Lesung: Freitag, 3. April, 20 Uhr, Buchhandlung am Schwarzen Kloster, Freiburg
Autor: joey
