Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
26. Februar 2010
Texträuber und Seelendiebe
Damals wie heute: Schon die alten Griechen haben voneinander abgeschrieben. Das Plagiat ist so alt wie die Literatur.
Der Vorfall erregt den Literaturbetrieb wie lange nichts mehr. Ein Wunderkind, eben erst in den bisher rein männlich besetzten Olymp der früh vollendeten Genies emporgehoben, stürzt ab in die Hölle der Plagiatoren. Und zeigt nicht eine Spur von Schuldbewusstsein. Von Reue nicht zu reden. Und viele geben ihr auch noch Recht. Nicht dass Helene Hegemann, gerade achtzehn geworden, bei ihrem zuletzt von keinem Geringeren als dem Poeta Doctus Durs Grünbein in den Himmel gelobten Debütroman "Axolotl Roadkill" sich zum Teil wortwörtlich verschiedener Quellen bedient hat, besonders des unter dem Pseudonym Airen erschienenen Romans "Strobo", erschüttert die Szene. Sondern dass das Plagiat in Zeiten des computerbasierten Schreibens, das körperlos durchs Netz flottiert und deshalb mit virtuellen Identitäten und selbst gewählten Nicknamen flirten kann, keins mehr sein soll. Wo kein Autor, da kein Plagiator. Nichts weniger steht zur Disposition als der Begriff des geistigen Eigentums.
Die Aufregung um Helene Hegemann fällt womöglich nicht zufällig mitten hinein in den – aller Voraussicht nach – vergeblichen Kampf um die Hinüberrettung des Urheberrechts ins digitale Zeitalter. Dabei sind seit der Schaffung der gesetzlichen Rahmenbedingungen nicht zuletzt auch für die ökonomische Existenz des Autors gerade mal gut 200 Jahre vergangen, während das Plagiat so alt ist wie die abendländische Literatur selbst.
Werbung
Schon in der griechischen Antike stellte sich, wie der Zürcher Literaturwissenschaftler Philip Theison in seiner zur rechten Zeit erschienenen "unoriginellen Literaturgeschichte" des Plagiats aufführt, die Frage, wer von wem abgekupfert hat – zwar nicht bei dem der Wahrheit verpflichteten hohen Genre der Tragödie, aber bei dessen unzuverlässiger Schwester Komödie. Den Begriff hat Jahrhunderte später erst der römische Dichter Martial geprägt, als er entdeckte, dass ein gewisser "Fidentinus" – der Name ("Ehrenmann") ist fast zu ironisch treffend, um wahr zu sein – seine Gedichte als die eigenen vortrug; und er muss ziemlich empört gewesen sein, wenn er den geistigen Diebstahl mit Menschenraub gleichsetzte: Denn das ist die wörtliche Übersetzung von "plagium". Wortwahl und Vergleich müssen allerdings im damaligen gesellschaftlichen Umfeld gesehen werden: Das römische Imperium war in geistig-kultureller Hinsicht restlos von den besiegten Griechen abhängig. Man bediente sich ohne Skrupel im Fundus der vorhandenen philosophischen und poetischen Werke. Eine ganze Gesellschaft betätigte sich als Plagiatorin, ohne dass man das als anstößig empfand.
Als der eine christliche Gott als Garant der metaphysischen Wahrheit auf den Plan trat, war es mit dem Plagiat einstweilen vorbei. Wenn die Stimmen der Menschen nur dazu da sind, Echo des einen Geists zu sein, wenn die Inspiration des Künstlers allein in Gott ihre Quelle hat, erübrigt sich der Raub von Texten: Da alle Dichter gleichermaßen von der einen Urschrift abschreiben. Das christlich geprägte Mittelalter blieb bis hin zu Luther frei von Plagiatoren.
Nicht zufällig tritt das Problem mit der Erfindung des Buchdrucks wieder vehement auf den Plan. Der Körper (der gedruckte Text) und die Seele ( der unsichtbar bleibende Autor) der geistigen Produktion trennen sich. Die Möglichkeit mechanischer Reproduktion erzeugt in schöner Dialektik den Gedanken des Originals, auf den sich bis heute jeder Plagiatsvorwurf bezieht: Deshalb ist der Textraub immer auch zugleich Seelenraub. Das krasseste und tragischste Beispiel dafür sind die unhaltbaren Plagiatsvorwürfe, die die Witwe des elsässischen Dichters Yvan Goll in den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gegen Paul Celan erhoben hat: Mit der Unterstellung, Celan habe sprachliche Wendungen bei ihrem Mann gestohlen, sprach sie dem aus Cernowitz stammenden jüdischen Dichter, dessen Eltern in einem Lager ermordet wurden, die Wahrheit seiner Zeugenschaft für die Toten der Shoah – als die er sein lyrisches Sprechen immer verstanden hat – ab. Es ist nicht übertrieben, wenn man davon ausgeht, dass die bösartigen Verleumdungen der Witwe, die Mitstreiter just in ehemals nationalsozialistischen Literaturkritikern fand, Celan mit in den Selbstmord getrieben haben: Zwei Monate vor seinem Sprung in die Seine war ein Gedicht seines Jugendfreunds Immanuel Weissglass erschienen, das deutliche Ähnlichkeiten mit Celans berühmter "Todesfuge" aufweist. Einer weiteren und vermutlich verschärften Plagiatsdiskussion hätte der Dichter, der sich nicht zu Unrecht ein zweites Mal verfolgt sah, kaum standgehalten.
In der Regel geht es bei Plagiatsvorwürfen freilich nicht um Leben und Tod, und es geht auch nicht um Poesie – Gedichte lassen sich wegen ihres subjektiven Gestus, der Körper und Seele des Textes eng zusammenschließt, schlecht plagiieren –, sondern um Prosa. Das mag auch daran liegen, dass die Grenzen zwischen erlaubten Methoden der Aneignung fremder Texte wie Imitation und Parodie und dem inkriminierten Plagiat fließend sind. Wenn Alfred Döblin oder Elfriede Jelinek Texte aus anderen Quellen als der eigenen Imagination in ihre Werke einfließen lassen: Ist das geistiger Diebstahl oder die literarische Methode der Collage? Wenn der Unternehmersohn Bert Brecht die Textproduktion wie eine Firma (mit mehreren Mitarbeiterinnen) betreibt: Kann man da "Original" und "Kopie" noch säuberlich trennen? Und wenn am frühromantischen Projekt einer progressiven Universalpoesie ein Autorenkollektiv mit- und dabei gegenseitig voneinander abschreibt, kann man dort noch den individuellen Schöpfer der Schrift – den Urheber – dingfest machen?
In der Postmoderne wurde die Instanz des Autors dann endgültig geschleift. Die französische Sprachwissenschaftlerin Julia Kristeva prägte den Begriff der "Intertexualität" – in Anknüpfung an die literaturtheoretischen Arbeiten Michail Bachtins, der schon in den 1930er Jahren den Romancier vom Dichter schied, indem er dem ersten zubilligte, die Redevielfalt und die Sprachvielfalt von literarischer und außerliterarischer Sprache in sein Werk aufzunehmen. Die Verschärfung dieser Beobachtungen kommt zu dem Schluss, dass jeder Text nichts anderes ist als die Umwandlung eines anderen Textes. Die Literatur ist ein Text ist ein Text ist ein Text – und nichts außerdem. Wer aber nur noch Schichten eines Gebirges abträgt, dem stellt sich die Frage nach Eigentum und Diebstahl nicht mehr. "Ohne Textpersönlichkeit", wie Theison in seiner klugen Studie feststellt, "auch kein Plagiat".
Darauf beruft sich jetzt auch Helene Hegemann – nur dass inzwischen die geologische durch die Netzmetapher abgelöst worden ist. Nie war das Plagiieren einfacher und auch selbstverständlicher als im zweidimensionalen digitalen Raum, in dem sich körper- und deshalb widerstandslos herumsurfen lässt. Die Erfindung des Computers lässt sich in ihrem revolutionären Einfluss auf die alten Techniken des Lesens und Schreibens nur mit der des Buchdrucks vergleichen. Im Internet hat sich inzwischen eine virtuelle zweite Öffentlichkeit gebildet, die nach anderen Gesetzen funktioniert als die noch dem materiellen Druck verpflichtete mediale Öffentlichkeit.
Es ist folgerichtig, dass der Plagiatsvorwurf erst entstanden ist, als Helene Hegemanns Texte aus dem Netz heraus in das Printmedium Buch gewandert sind. Hier aber gilt nach wie vor das mit der Instanz des Autors verknüpfte Copyright: Und deshalb hat der Blogger Airen natürlich recht, wenn er sich in einem Interview dagegen verwahrt hat, ohne Quellenangabe kopiert worden zu sein. Und wenn er dabei betont, dass die wissenschaftliches Plagiieren so leicht machende "Copy-and-Paste"-Funktion in literarischen Blogs ein "totales No-go" ist, keimt Hoffnung auf: Der Autor ist offenbar auch im Netz nicht totzukriegen. Aller spitzfindigen Theoretisiererei zum Trotz: Auch das Plagiat lebt weiter.
– Philipp Theisohn: Plagiat. Eine unoriginelle Literaturgeschichte. Kröner-Verlag, Stuttgart 2009. 577 Seiten, 26,90 Euro.
Autor: Bettina Schulte
