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05. Januar 2012 00:01 Uhr
Würdigung zum 80. Geburtstag
Umberto Eco: Vielköpfige Denkfabrik
Er wechselt atemraubend schnell zwischen Wissenschaft, Journalismus und Literatur, Erzählung und Reflexion, Satiren und dem Ernst des Lebens: Eine Würdigung zum 80. Geburtstag von Umberto Eco.
In "Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana", Umberto Ecos autobiografischstem Roman, verliert der piemontesische Antiquar Yambo Bodoni im Koma die Hälfte seines Gedächtnisses. Der Büchernarr weiß alles über Alexander den Großen, aber nichts über seinen Enkel, den kleinen Alexander; er kennt die ganze Weltliteratur, aber nicht einmal mehr den Namen seiner Frau. So muss er sich seine Erinnerungen und seine Identität erst wieder mühsam aus den Kinderbüchern, Groschenheften und Comics auf dem Dachboden rekonstruieren.
Eco besitzt 50 000 Bücher; jeden Tag kommen zehn neue hinzu. Nur wenn er mehrmals täglich den siebzig Meter langen Bücherflur seiner Mailänder Wohnung abschreitet, fühlt er sich ganz zuhause. Aber im Gegensatz zu Yambo, dem "sterilen Genie" mit dem Gedächtnis aus Papier, findet er sich auch in der Wirklichkeit prima zurecht. 1932 als Sohn eines Buchhalters in Alessandria geboren, bespielte Eco immer beide Bühnen: U und E, Hoch- und Trivialkultur. Nach einer Promotion über die Ästhetik von Thomas von Aquin ging er als Kulturredakteur zum Fernsehen und von dort in einen Sachbuchverlag, ehe er wieder an die Universität zurückkehrte. Bis heute wechselt der "Bestsellerprofessor" und "Pavarotti der Semiotik" interdisziplinär und atemraubend schnell zwischen Wissenschaft, Journalismus und Literatur, zwischen Erzählung und Reflexion, übermütigen Satiren und dem Ernst des Lebens.
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Er nutzt dafür alle Mittel und Medien. Den neuen begegnet der bekennende Bibliophile, der dem Buch kürzlich noch eine "große Zukunft" vorhersagte, lange Zeit mit einer gewissen Reserve, aber inzwischen gibt er auch eine Internetzeitschrift heraus.
Eco schrieb Bücher über Bücher, buchstäblich "Über Gott und die Welt": "Platon im Stripteaselokal", "Kant und das Schnabeltier", "Derrick und die Leidenschaft für das Mittelmaß", "Die Bücher und das Paradies", eine Geschichte der Schönheit und eine der Hässlichkeit; nur in der Mathematik und in der Musik gibt er Bildungslücken zu. In "Die unendliche Liste" zeichnete er vor einigen Jahren die Geschichte der Listen von Homers Schiffskatalog bis zum Einkaufszettel des zerstreuten Zeitgenossen nach.
Seine Romane sind Wunderkammern und Wimmelbilder eines Universalgenies, geschult an Borges und Joyce; aber manchmal lesen sie sich in ihrem enzyklopädischen Furor und ihrer buchhalterischen Sprödigkeit wie Schiffskataloge und Einkaufszettel. Im 19. Jahrhundert nannte man das Genre in Deutschland abschätzig "Professorenroman". Nicht nur wegen seiner deutschen Frau, einer Spezialistin für Museumsdidaktik, wirkt der Renaissancemensch Eco manchmal ziemlich deutsch und unzeitgemäß.
Eco ist Semiotikprofessor und 33-facher Ehrendoktor, aber er hat sich nie im Elfenbeinturm der Bücher versteckt. Ganz im Gegenteil: Als Intellektueller klassischen Typs lässt er kaum eine Talkshow, Demonstration oder Leitartikelseite aus, um seine politische Meinung kundzutun. Etwa über Silvio Berlusconi, seinen langjährigen Erzfeind, dessen Motto – Bunga-Bunga statt Steuern zahlen – ihm als Inbegriff des italienischen Schlendrians erschien. Eco ist so unfassbar geistes- und allgegenwärtig und produktiv, dass man ihn manchmal eher für eine vielköpfige Denkfabrik als für einen einzigen Menschen zu halten geneigt ist.
Allein im letzten Jahr hat er wieder zwei Bücher geschrieben, einen dickleibigen Roman über die Entstehungsgeschichte der Protokolle der Weisen von Zion ("Der Friedhof in Prag") und "Bekenntnisse eines jungen Schriftstellers". Eco hält sich als Schriftsteller nur für einen "Amateur", aber auch für noch relativ jung und entwicklungsfähig. Schließlich war er schon fast fünfzig, als er 1980 mit "Der Name der Rose", der Mutter aller Verschwörungsthriller und Schnitzeljagden à la Dan Brown, debütierte, und hat noch einige Romane in petto.
"Wovon man nicht theoretisch sprechen kann", sagte Eco einmal, "darüber muss man erzählen". Was er einst in Essays wie "Das offene Kunstwerk" und "Lector in fabula" theoretisch begründete, setzte er in Romanen wie "Das Foucaultsche Pendel", "Die Insel des vorigen Tages" oder dem Schelmenroman "Baudolino" in die erzählerische Tat um: Fröhliche Kulturwissenschaft, aus- und abschweifend, postmoderne (Eco bevorzugt das Wort "intertextuelle") Zwiegespräche zwischen Texten, Autor und Leser. Literatur, schreibt Eco in seinen "Bekenntnissen eines jungen Schriftstellers", ist immer Dialog; nur Einkaufszettel haben keine Botschaft. Kürzlich erschien die erste Eco-Biografie; der Meister aller Listen hat sich neuerdings seinen grauen Bart abrasiert, um nicht an sein Alter erinnert zu werden. Um zum Denkmal seiner selbst zu erstarren, fühlt sich der derzeit wohl berühmteste Intellektuelle der Welt auch heute mit achtzig Jahren noch für zu jung.
Autor: Martin Halter
