Sachbuch

Christoph Keeses Buch über das Silicon Valley: Im Tal der Internetriesen

Thomas Hauser

Von Thomas Hauser

Mi, 05. November 2014

Literatur

SACHBUCH: Der Springer-Journalist Christoph Keese berichtet von seiner Reise ins kalifornische Silicon Valley.

Der Ort ist mythenumwoben. Für die einen ist er die Verheißung des Paradieses auf Erden, für die anderen die Brutstätte einer Überwachungsgesellschaft. Die Rede ist von Silicon Valley, jener Fläche von der Größe Berlins im Umfeld der Stanford University südlich von San Francisco. Fünf der sechs Betreiber der meistbesuchten Websites (Google, Facebook, Youtube, Yahoo und Wikipedia) und Weltfirmen wie Apple, Oracle oder Intel sitzen hier. In San Francisco residiert zudem Twitter. Und nordöstlich davon ist die Universität von Berkeley. Dieses Gemisch aus Geist, Geld und Innovationshunger ist zum Zentrum einer wirtschaftlichen Revolution geworden. Ihre Veränderungskraft erfasst einen Industriezweig nach dem anderen. Von Charly Fiorina, der ehemaligen Vorstandsvorsitzenden von Hewlett-Packard, stammt der Schlachtruf: "Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert."

In Europa hat man das Innovationsmonster von der amerikanischen Westküste lange nicht ernst genommen. Seit einiger Zeit freilich suchen regelrechte Pilgerzüge in den Industriegebieten um Palo Alto nach Rezepten für einen Weg in die Zukunft. Kaum ein Manager, der dort noch nicht nach dem Erfolg geschürft und festgestellt hätte, dass sich dieses Modell kaum exportieren lässt. Dass man dort aber jede Menge lernen kann. 2012/13 hat Springer eine Reihe seiner Top-Manager für ein Jahr ins Silicon Valley geschickt, um nach Geschäftsideen für die Zukunft des größten deutschen Verlags (Bild, Welt und andere Zeitungen) zu forschen. Kaum zurück, hat der Konzern seine Regionalzeitungen an die Funke-Gruppe (WAZ) verkauft und verfolgt seither eine konsequente Digitalisierungsstrategie. Christoph Keese, Journalist, Wirtschaftswissenschaftler und Executive Vice President bei Axel Springer, war für ein halbes Jahr in der Verlags-WG in Palo Alto dabei. Er hat seine Erkenntnisse nicht nur seinem Arbeitgeber nutzbar gemacht, sondern ein Buch geschrieben, in dem er zu erklären versucht, was, so der Untertitel, aus dem mächtigsten Tal der Welt auf uns zukommt.

Eine ökonomische und technische Vulkanlandschaft

Die Springer-Schule kann der ehemalige Chefredakteur der Welt am Sonntag nicht verleugnen. Sein Buch ist klar strukturiert, am Ende jedes Kapitels fasst Keese die zentrale These zusammen, um dann das nächste anzuteasern. Es könnte ja sonst jemand auf die Idee kommen, auszusteigen. Dabei ist die Gefahr klein. Keese erzählt spannend in einer Mischung aus Reportage und Analyse. Er bringt uns Protagonisten des Erfolgs näher und erzählt auch scheinbar nebensächliche Geschichten, die aber untrennbar zum Bild dieser Wirtschaftsregion gehören.

Es geht um ein Tal und seine aus aller Welt herbeigeströmten Bewohner, ihren Technik-Kult und den Willen, nach Herausforderungen zu suchen, deren Lösung einem womöglich zum Milliardär machen kann, auch wenn die dafür nötigen Millionen Nutzer bis dahin noch gar nicht wussten, dass sie diese Anwendung brauchen. Keese erzählt von einer ökonomischen und technischen Vulkanlandschaft, deren Magma immer wieder explodiert und dabei auch Weltkonzerne in den Abgrund reißt, um auf deren Trümmern neue Weltmonopole zu errichten. Es ist auch ein gnadenloses Wettrennen, denn der Erste gewinnt fast immer alles. Er stellt uns Wagnisfinanziers vor, die unter tausenden Ideen zehn auswählen und reich werden, wenn eine ein Erfolg wird.

Aber Keese blendet auch die negativen Folgen nicht aus. Dass sich die normalen Bewohner ihr Tal längst nicht mehr leisten können, zwischen Reichtum und Absturz unter das Existenzminimum kaum mehr eine Mittelschicht existiert, die Firmen sich um ihre Mitarbeiter so fürsorglich umfassend kümmern, dass die ein Zuhause oder ein Privatleben eigentlich nicht mehr brauchen. Er erzählt von Konzernen, die an die intimsten Daten ihrer Nutzer herankommen wollen, mit Informationen über sich selbst aber eher knausern und sich auf dem Weg dazu befinden der Welt ihre Regeln zu diktieren, statt sich den Regeln der Staaten zu unterwerfen. Dass diese Entwicklung erst an ihrem Anfang steht, wird aus vielen Ausblicken etwa in die Zukunft der Automobilindustrie deutlich.

Die angegriffenen Altindustrien werden in ein unauflösbares Dilemma gestürzt, weil sie vor der Wahl stehen, das Alte zu zerstören, ohne den Erfolg des Neuen schon sicher zu haben, oder am Alten festzuhalten und damit die Entwicklung zu verpassen. Das könnte einen depressiv werden lassen. Aber Keeses Buch ist nicht resignativ. Er versucht die Mechanismen zu enttarnen, um sie entweder für sich selbst nutzbar machen zu können oder nach Gegenstrategien zu sinnen. Insofern will der Autor eher aufrütteln, sich der Entwicklung zu stellen, um sie im Sinne der offenen, demokratischen Gesellschaft nutzbar zu machen.

So ist auch das vorletzte Kapitel zu verstehen, in dem Keese Googles Vision schildert, eines fernen (?) Tages die Gehirne der Menschen in die Cloud hochzuladen und dort unsterblich zu machen, aber auch direkt beeinflussbar. Ein Hirngespinst? Vielleicht. Aber hätte man vor wenigen Jahren nicht vieles von dem für Hirngespinste gehalten, was heute längst Alltag geworden ist?
– Christoph Keese: Silicon Valley – Was aus dem mächtigsten Tal der Welt auf uns zukommt. Knaus Verlag, München 2014. 320 Seiten, 19,99 Euro.