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08. Mai 2010

Jacques Roubauds Erzählung „Der verwilderte Park“

Entlang von sprachexperimentellen Verdichtungen, die nach fünfzig Jahren auf losen Blättern im Tagebuch der zehnjährigen Dora gefunden werden, entfaltet Jacques Roubaud seine Erzählung "Der verwilderte Park". Ans Ende jedes Kapitels setzt er die Notizen. "Mond, Cosy. Balkon, Mond, Strudel, Cosy, morgen?, Balkon, Strudel, morgen?, Mond". Zusammen mit einem Jungen, der von der Tagebuchschreiberin "Jetzt-Jacques" genannt wird, ist Dora von ihrem Onkel auf ein Landgut nahe der spanischen Grenze gebracht worden. Der Name Jetzt-Jacques ist sinnhaft, denn im Jetzt des Sommers 1942 beginnt eine andere Zeitrechnung in einer anderen Welt. Ein verwilderter Park mit einem leeren Bassin, aus dessen zerborstenen Wandfliesen riesige Feigenbäume wuchern, spätsommerlich schräg einfallende Sonnenstrahlen, Feuersalamander, die hin und her huschen. Die Kinder sind an einem Ort, wo sie nie zuvor waren – in einer Fremde, die sie erkunden und sich so einverleiben. Zwischen ihren Spielen und einer mehr und mehr nahenden Bedrohung, entdeckt und verschleppt zu werden, spielt sich das Geschehen einer Fluchtgeschichte ab.

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In Sainte-Lucie, dem kleinen, von Wein umgebenen Landgut am Ende einer Allee aus "Zypressen, Zedern, Tannen und Kiefern” angekommen, beginnt für die Kinder ein beinah paradiesischer Ferienaufenthalt. Die Allee ist mit Piniennadeln und Pinienzapfen bedeckt. "Ein brauner, leicht rostbrauner Teppich aus Piniennadeln unter den Rädern der Wagen, der Fahrräder. Es war wie ein Flüstern von Rädern.” In impressionistischen Sprachskizzen dieser Art führt der Autor den Leser in eine sanfte Welt. Dora und Jacques verstehen nur vage, was die Erwachsenen bedrückt und was sie selbst ohne ihre Eltern hierher gebracht hat. Die Erzählung beeindruckt in den Überblendungen von kindlichen Wahrnehmungen, einer wachsenden Ahnung mit dem Wissen des Lesers um die reale Bedrohung durch die Nazis und den Spanischen Bürgerkrieg. Im Radio hören die Erwachsenen die Kriegsnachrichten und erwägen, über die Pyrenäen nach Spanien zu fliehen.

Dora kennt die Melodie, mit der die Nachrichten angekündigt werden. Sie vernimmt einzelne Satzfetzen. Angst und die ungewisse Zukunft, eine Gegenwart, in der die Sicherheit verloren gegangen ist, ragt in die Kinderwelt hinein. Das eigenartige Verhalten der Erwachsenen wird aus ihrer Sicht wiedergegeben. Ohne sie interpretieren und einordnen zu können, bleibt nur das Gefühl des Mädchens, dass die Zeit, die überbrückt werden muss, nicht schnell genug vergeht.

Die eingefügten Konzentrate aus Doras Tagebuch, die Erlebnisse und Eindrücke festhalten, unterbrechen den erzählten Text. Die surrealen Eintragungen sind Ergebnis eines Spiels. Als eine Geheimsprache der Kinder, wie der Leser am Ende erfährt, entstehen sie aus geometrisch angeordneten Verweisen auf Buchstaben, die durch Pfeile zu Wörtern verbunden werden. Fünfzig Jahre später erinnert sich Jacques, der überlebt hat, an das Spiel und fügt dem letzten Eintrag unmittelbar vor der Flucht der Kinder "raus, nur" in, wie es dort heißt, "der Sprache, die seine geworden ist", "tears at rest" an.

Dieses Stilmittel bringt uns das Leben von Untergetauchten, die sich vor dem Entdecktwerden fürchten müssen, lebendig vor Augen. Als Mitglied der sprachexperimentellen Gruppe Oulipo ("Werkstatt für Potentielle Literatur") legt der 1932 geborene Schriftsteller und Mathematiker ("Die schöne Hortense") das Illusionäre des so genannten Realismus offen. In dieser novellenhaft konzentrierten Erzählung aber entdeckt er auch die Überzeugungskraft des Dokumentarischen in Form eines erinnerten historischen Geschehens wieder. Im Wechsel zwischen experimentellem Schreiben und impressionistischen Natur- und Gedankenbildern ist eine Erzählung entstanden, die sehr schön ist und sehr berührt.
– Jacques Roubaud: Der verwilderte Park. Aus dem Französischen von Tobias Scheffel. Klaus Wagenbach Verlag, Berlin 2010. 121 Seiten, 15,90 Euro.

Autor: Sabine Rothemann