Unordnung streng verboten

Jürgen Schickinger

Von Jürgen Schickinger

Fr, 28. Februar 2014

Literatur

"Der gigantische Bart, der böse war" des Briten Stephen Collins.

Dort liegt auf der anderen Seite des Meers. "Dort war Unordnung. Dort war Chaos. Dort war das Böse", glaubt Dave. Er fürchtet Durcheinander wie alle Einwohner der Insel Hier. Ihnen erscheint Hier perfekt: Jedes Haus gleicht dem anderen, jede Straße der nächsten. Fein säuberlich die Fassaden und Wege, akkurat gestutzt alle Hecken, Bäume, Hundefelle und Menschenhaare. Einzig Alpträume von dem, was hinter der Küste lauert, trüben das Idyll. "Es gibt kein ordentliches Ende jenseits des Endes aller Ordnung", schauert Dave. Am "Tag des Bartes", so die nachträgliche historische Benennung, bricht über Dave die Katastrophe herein: Sein Gesichtshaar beginnt zu wuchern, rasend schnell, wild und unbändig. Dringt Dort ins Hier ein?

Parabel, wie übertriebene Sicherheit Ängste weckt

Stephen Collins’ Graphic Novel "Der gigantische Bart, der böse war" sprüht vor leisem, teils spitzen Humor und Ironie. Sie begeistert zudem durch Liebe für Details, Originalität und Cleverness. Niemand in Hier spricht davon, dass die Stadt eine Insel ist. Häuser an der Küste sind verhasst und haben selbstverständlich keine Fenster zum Meer, sondern nur welche zur Stadt hin. Dahinter sitzt Dave abends und zeichnet "seine" Straße: "Sie war einfach so aufgeräumt. So vollkommen." Ordnung behagt ihm. Regelmäßigkeit hält Gedanken an Dort fern, weshalb Dave Abwechslung scheut. Tagein tagaus hört er nur ein Lied – "Eternal Flame" der Bangles. Unter dieser Oberfläche schleichen weitere Ebenen hervor, die reale gesellschaftliche Probleme anschneiden. Collins streut sie ein als listiges Gedankenfutter. Kafka und Orwell linsen zwischen den Panels durch. Im Vordergrund steht die Erzählung. "Der gigantische Bart" lässt sich als ideenreiche, witzige Unterhaltung lesen. Doch der Comic ist zugleich Parabel und Satire darüber, wie übertriebene Sicherheit Ängste weckt, über das gesunde Maß an Ordnung, soziale Kontrolle, Medien-Bohei und verlogene Politik.

Unglücksrabe Dave arbeitet bei "A&C", einer großen Firma, von der keiner weiß, was sie produziert, verkauft oder vermittelt. Jeden morgen erhält er "Kundendaten". Daraus macht Dave Grafiken, die er später präsentiert. Eines Tages wirken die Daten erstmals unordentlich, zufällig. Ihr Anblick erschüttert Dave, so "als ob etwas aus den Tiefen seiner Träume entkommen war, um ans Tageslicht zu kriechen". Er schließt sich auf der Toilette ein, wo ihn Kollegen entdecken. "Alle Zeugen stimmen darin überein, dass, als sich Dave schließlich überreden ließ, aus der Kabine zu kommen, sein Gesicht wunderschön mädchenhaft glatt war." Minuten danach, bei der Datenpräsentation, sprießen seine Barthaare. "Aaaargh", "Wachdienst" und "Raus mit ihm", rufen die Kollegen.

Ab dem Tag des Bartes blendet Collins rückblickende Betrachtungen ein. Der Brite lässt Daves Hausarzt, einen Medienpsychologen und andere Zeitzeugen zu Wort kommen. Derweil schert Dave sein Kinngestrüpp vergeblich. Zu rasch gedeiht das Dickicht. Am nächsten Tag verweigert ihm "A&C" den Zutritt und seine Lieblingsimbisskette den Service mit dem Verweis auf das Hinweisschild: "Unordnung strengstens verboten". Dave verschanzt sich zuhause und malt "seine" Straße, die fortan Gaffer füllen. Sie sehen, wie der gigantische Bart auf die Straße quillt. Selbst Soldaten und Panzer scheitern an der Bekämpfung. Kurz erwägt die Regierung eine ursächliche Lösung des Problems. Vorerst aber siegt Menschlichkeit. Man beschließt, ein riesiges Gerüst zu bauen, mit dem Friseure dem Riesenbart Ordnung verleihen sollen. Jeder ahnt: Endlos kann das so nicht weitergehen.

Cartoonist Collins hat viele Einfälle, die unerwartete Wendungen einleiten. Sein erster Comic, ein vergnügliches Meisterwerk der Hintergründigkeit, leidet höchstens an britischer Zurückhaltung. Durch sie und die schwarzweiße Grafik macht es auf den ersten Blick einen steifen, freudlosen, unattraktiven Eindruck. Kaum geblättert, kehrt der sich ins Gegenteil um. Eine Lektüre, die bis zur letzten Seite Spaß macht. Irgendwann reicht die Schar der Friseure nicht mehr, um den Bart zu formen. Die Gärtner müssen mit ran. Während Büsche und Bäume ausschlagen, sind die Frisuren längst dabei zu verlottern.
– Stephen Collins: Der gigantische Bart, der böse war. Aus dem Englischen von Tim Jung. Atrium Verlag, Zürich 2014. 240 Seiten, 29.99 Euro.