Andreas Kirchgäßners Jugendroman „Traum-Pass“

Hartmut Buchholz

Von Hartmut Buchholz

Di, 25. Oktober 2016

Literatur & Vorträge

Andreas Kirchgäßners Jugendroman "Traum-Pass" schildert Akonos Flucht aus Nigeria.

Urplötzlich taucht er in der Pause auf dem Sportplatz auf, demonstriert mit aufreizender Lässigkeit einige atemraubende "Zaubertricks" mit dem Ball – Akonos Ankunft in der achten Klasse der Albert-Schweitzer-Gesamtschule wirkt wie der Einschlag eines Meteoriten. Seit er da ist, bleibt nichts beim Alten. Der junge Dribbelstar aus dem fernen Nigeria ist schon bald eine unverzichtbare Hilfe für das Fußballteam der Klasse, er mischt die Klassengemeinschaft mächtig auf, hat schon bald Ben als Rivalen, der in die coole Alexa verliebt ist – und ausgerechnet sie scheint sich immer mehr für Akono zu interessieren.

"Traum-Pass", das neue Buch des in Merdingen bei Freiburg lebenden Autors Andreas Kirchgäßner, schildert Akonos Flucht aus Nigeria durch den Niger, wo er in den Uranminen von Arlit schuften muss, dann durch die mörderische algerische Sahara bis in die algerisch-marokkanische Grenzstadt Oujda und weiter zu den Grenz- und Sperranlagen, die die spanische Exklave Melilla in Nordmarokko, ein Flecken Europa auf dem afrikanischen Kontinent, hermetisch abriegeln. Kirchgäßner schont seine jugendlichen Leser nicht; er beschreibt diese Flucht als das, was sie ist: eine Tour durch die Hölle, ein Extrem an Verausgabung, ein Kampf jeder gegen jeden, eine lebensgefährliche Strapaze: "Hier konnte nur jeder ums eigene Leben kämpfen. Wer Mitleid bekam … , war selbst verloren."

Akono war Ganoven, die ihm einen Profivertrag in einem europäischen Fußballverein vermitteln wollten, auf den Leim gegangen. In Deutschland gerät er in die Mühlen der Bürokratie und wird nach Nigeria abgeschoben; freilich kann er in sein Heimatdorf nicht zurückkehren – dort erwarten ihn jene Gläubiger, die ihm für sein Projekt Europa Geld geliehen haben und seine Familie, die in ihm den zukünftigen Ernährer sieht. Und so bleibt Akono nichts anderes übrig, als die lebensgefährliche Odyssee nach Deutschland anzutreten.

Kirchgäßner schildert das, was so beschönigend "Migration" heißt, aus verschiedenen Blickwinkeln: aus der Perspektive des Flüchtlings, der Klassenkameraden, die unterschiedliche Positionen vertreten, der Asyl- und Abschiebebehörden, des Fußballvereins und des Trainers, des Lehrerkollegiums und nicht zuletzt auch der betroffenen Eltern. Der Buchtitel "Traum-Pass" ist vor diesem Hintergrund bewusst mehrdeutig gehalten: als Steilvorlage auf dem Fußballplatz und Utopie eines neuen Lebens oder als begehrtes Dokument einer neuen Identität, die das frühere Elend hinter sich lässt.

Ben und Alexa durchlaufen, mit Akonos Schicksal konfrontiert, im Verlauf der an dramatischen Wendungen reichen Handlung gewaltige Veränderungen, auch im Verhältnis zueinander. "Traum-Pass" ist ein politisch hochaktueller, vielschichtiger Jugendroman, berührend, ja in einigen Passagen erschütternd, ein Buch, das durch stimmig entwickelte Charaktere, punktgenaue Dialoge und eine präzise, nuancierte Sprache überzeugt.

Andreas Kirchgäßner: Traum-Pass. Roman. Horlemann Verlag, Angermünde 2016. 248 Seiten, 11,90 Euro. Ab 14.