Literatur

Bachtyar Alis Roman "Die Stadt der weißen Musiker"

Hartmut Buchholz

Von Hartmut Buchholz

Sa, 11. November 2017 um 00:01 Uhr

Literatur & Vorträge

In Bachtyar Alis Roman "Die Stadt der weißen Musiker" versinkt man in einem gewaltigen Epos. Es geht um die Gräuel von Kriegen und die Tröstungen der Kunst.

Es gibt Romane, die der Leser verschlingt – und es gibt Romane, die den Leser verschlingen. Bachtyar Alis grandiosen Roman "Die Stadt der weißen Musiker" kann man nicht im eigentlichen Sinne lesen; man versinkt in diesem gewaltigen Epos, in einem Strudel aus Bildern, Landschaften und Figuren, in einer Halluzination aus Märchen und Mythen. Lesen als Trance.

"Die Stadt der weißen Musiker" ist, inhaltlich wie formal, ein hochambitioniertes Erzählprojekt, das – ein großes Thema, dem dieses Buch wahrlich gewachsen ist – um Schrecken und Schönheit gezirkelt ist, um die Gräuel des Krieges und die Tröstungen der Kunst, um Terror, Folter, Macht und Diktatur sowie um die Fluchträume und Gegenwelten, die Musik, Bildende Kunst und Literatur entwerfen. Held und Erzähler – "Wir haben gewissermaßen das Buch unter uns aufgeteilt" – komponieren diesen Roman in dialektischer Wechselrede, sich korrigierend und einander ins Wort fallend.

Der Held Dschaladat will eine Biographie – und also die Wahrheit. Der Erzähler Ali Sharafiar will einen Roman – und also Fiktion. Selten sind die westlichen Theorien des selbstreflexiven Romans und die auf mündlicher Überlieferung aufbauenden Traditionen orientalischen Erzählens so virtuos verflochten worden wie hier.

Das Drama eines Volkes ohne Staat

Obschon historische Figuren wie Saddam Hussein und Masut Barzani beim Namen genannt werden, obschon das Toben einer entfesselten Soldateska und das Bestialische der Folter im grausigen Detail beschworen werden: Die Golfkriege und die Militärmaschinerie spiegeln die zerstörerische Wucht des Krieges schlechthin. Bachtyar Ali, 1966 in Sulaimaniya im kurdischen Nordirak geboren, geriet als 17-jähriger Geologiestudent in die Fänge der Schergen Saddam Husseins, brach sein Studium ab und widmete sich fortan der Literatur. Wenn das Drama der Kurden den Roman grundiert als das Drama eines Volkes ohne Staat, wenn von Kurdistan die Rede ist als einem "Land, geschändet von seinen Eroberern und geschändet von seinen Befreiern", darf man in solchen Passagen einen vermutlich hohen Anteil eines auch persönlichen Dramas des Autors vermuten.

Atemraubend skizzierte Topographien, kühne Bilder und treffende Metaphern ("Musik heißt auch die Dinge hören, die keine Stimme haben, sie ist eine Reise ins Jenseits der Stimmen, durch die Stille"), eine schwindelerregend raffinierte Montage, philosophische Tiefe, umwerfende Komik und tieftraurige Melancholie – transzendiert in einer atmenden, einzigartig musikalischen Sprache, die über eine gewaltige Skala an Tönen gebietet, von zartesten Nuancen bis zu kristalliner Härte. Wäre dieser Roman ein Film – und er ist unter anderem ein Film in Worten –, so wäre zu konstatieren, dass er bis in die kleinste Nebenrolle hinein glänzend besetzt ist.

Der Protagonist Dschaladat bezwingt die Massen mit Flötenspiel

Schönheit und Schrecken – Bachtyar Ali hat diesen Antagonismen zwei Referenzfiguren zugeordnet, die keineswegs nur als Vertreter eines dialektischen Prinzips angelegt sind, sondern einander in einer vielschichtigen Freundfeindschaft verbunden sind. Der kurdische Flötist und der Oberst der irakischen Armee, der Künstler und der Schlächter: ein Figurenpaar, dem Bachtyar Alis Prosa ein unverwechselbares charakterliches Profil gibt. Der Protagonist Dschaladat bezwingt die Massen durch sein Flötenspiel, seit er durch einen Meister von geradezu sufihafter Weisheit eine tiefe Initiation in die Geheimnisse der Musik erhalten hat.

Als einziger Überlebender eines Massakers kommt er in die geheimnisvolle gelbe Stadt der Bordelle, die sowohl topographisch exakt bestimmt als auch in eine ungreifbare Fata Morgana entrückt ist. Der irakische Oberst Samir, durch die Macht der Musik vom Saulus zum Paulus geworden, bringt Dschaladat zurück in seine Geburtsstadt; hier stellt Dschaladat Samir vor Gericht, ein Tribunal, bei dem die Opfer ihren Folterer anklagen, zugleich eine Schlüsselszene des Romans, die mit aller argumentativen Verve das Problem von Recht und Gerechtigkeit dialogisch einkreist: Freispruch als Geste des Verzeihens, das Todesurteil als Inbegriff von Vergeltung.

Bachtyar Ali imaginiert die Stadt als ein der Wirklichkeit entrücktes Elysium

In der namenlosen gelben Wüstenstadt lernt Dschaladat das Mädchen Dalia und den Arzt Musa Babak kennen, beide Kurden, beide vom Krieg heimgesucht und psychisch gezeichnet. Dalia sucht verzweifelt nach ihrem Geliebten, den sie in einem der Foltergefängnisse Saddam Husseins vermutet; Musa Babak, Doktor, Schöngeist und Kunstliebhaber, hat in einem verzweigten Kellerlabyrinth das "Museum seiner Träume" eingerichtet, "tausende Bilder", die er aus den Kriegstumulten gerettet hat. In diesem Museum begegnet Dschaladat einem geheimnisvollen, "Die Stadt der weißen Musiker" betitelten Bild...

Bachtyar Ali imaginiert diese Stadt als ein der Wirklichkeit entrücktes Elysium, zu dem nur Eingeweihte Zugang haben, engelsgleiche Untote, die zwischen Leben und Sterben, zwischen Traum und Realität, Gewissheit und Ahnung, Diesseits und Jenseits wie Reisende unterwegs sind, sowohl den Diktaten der Zeit wie den Barrieren des Raumes enthoben. Die Stadt der weißen Musiker – Paradies und Purgatorium in einem, Hort der Künste und Archiv der Leiden. "Dies ist die Stadt der Schönheit, für die das Leben zu klein und der Tod zu schwach waren." "Denn dies ist auch eine Stadt ermordeter Wahrheiten, erstickter Schreie und Klagen, getöteter Reinheit." Dschaladats ganzes Leben war eine Reise hin zu dieser Stadt, die nur erreicht, wer durch Leid und Verzicht geprüft wurde.

Vielleicht muss man, wie der Autor, aus einem von Krieg und Terror verwüsteten Land kommen, um derart unbeirrbar an die Kraft der Schönheit zu glauben. Jeder, der die Lektüre dieses singulären Romans noch vor sich hat, ist zu beneiden.
Bachtyar Ali: Die Stadt der weißen Musiker. Roman. Aus dem Kurdischen (Sorani) von Peschawa Fatah und Hans-Ulrich Müller-Schwefe. Unionsverlag, Zürich 2017. 432 Seiten, 26 Euro.


Lesung: Bachtyar Ali stellt seinen Roman am 17. November um 20 Uhr in der Bücherstube in Kirchzarten vor.