Das Leben der Sprechblasen

Jürgen Schickinger

Von Jürgen Schickinger

Sa, 13. Juni 2015

Literatur & Vorträge

Der Freiburger Comic-Übersetzer und Buchhändler Ulrich Pröfrock hat den Christoph-Martin-Wieland-Preis erhalten.

"‚Tim und Struppi‘, da steht Gewaltiges auf dem Spiel. Der Mond, Amerika, das schwarze Gold. Aber ‚Tim und Struppi‘, das ist Rhythmus", schwärmt der französische Außenminister im Comic "Quai D’Orsay". Seinen Auftritt vor der Uno hat er versiebt. Nun doziert der Minister vor seinem Stab über politische Reden: "‚Tim und Struppi‘, das ist Musik. ‚Tim und Struppi‘, das ist eine Sinfonie. […] Du kannst dich dem gar nicht entziehen. […] Mit Reden ist es nicht anders … die Leute lauschen … und TACK! hält man ihnen die Welt vor Augen. Die Krisen, der Terrorismus, die Bomben! Man muss die Explosionen hören … man muss die Angst spüren."

Der Freiburger Ulrich Pröfrock hat "Quai D’Orsay" kongenial aus dem Französischen übersetzt und dafür den mit 12 000 Euro dotierten Christoph Martin Wieland-Übersetzerpreis erhalten. "Ulrich Pröfrock zieht bei seiner Übersetzung alle sprachlichen Register" lobt die Jury, "Sie entlarvt den manipulativen Einsatz der Sprache im Tauziehen der Mächtigen, ohne dabei den federleichten und lebendigen Grundton des Originals zu verlieren."

"Du darfst nicht am Wort kleben", betont Pröfrock, der seit 30 Jahren die Freiburger Comicbuchhandlung "X für U" betreibt: Bei Comics müssten Übersetzer freier arbeiten als bei Büchern. Schon die Sprechblasen bereiten Schwierigkeiten. Sie lassen sich nicht dehnen, Schriften sich nicht endlos verkleinern. Der übersetzte Text muss unterkommen, obwohl Deutsch mehr Raum benötigt als Französisch oder Englisch. "Da muss ich mich oft bewusst vom Original entfernen", sagt der studierte Wirtschaftswissenschaftler. Zudem bestehen Comictexte vorwiegend aus gesprochener Sprache. Formell ist die oft nicht korrekt, inhaltlich manchmal unscharf. "Es ist ein Fehler, sich an der Grammatik oder der Syntax festzuhalten", findet der Übersetzer, "Gelebte Alltagssprache hat eine eigene Dynamik." Hinzu kommen Redewendungen, die sich wortgetreuen Übersetzungen verweigern. "Häufig muss ich da eher nach Entsprechungen im Deutschen suchen", sagt der 59-Jährige.

Das Medium Comic ließ ihn nicht mehr los

Zugute kommt Pröfrock, der im Allgäu aufwuchs, dass er von 1965 bis 1974 in Paris lebte. "Ich habe meine gesamte Gymnasialzeit dort verbracht", sagt er. Daher stammt sein tiefes Verständnis für die französische Sprache. In Paris hat er auch richtig damit angefangen, Comics zu lesen. Gleich in der ersten Woche schenkten ihm Bekannte ein Abo des Magazins "Tintin". Später hat er sich selbst "Pilote" gekauft. Darin durften sich junge, wilde Künstler wie Moebius und Druillet ein bisschen austoben.

Seither hat ihn das Medium nicht mehr losgelassen. Zurück in Deutschland besorgte er sich regelmäßig neue Bandes Dessinées aus Frankreich. Nach dem Studium arbeitete er zunächst im Münz- und Briefmarkenhandel, was ihn nicht zufrieden stellte. Die Idee für einen Comicbuchladen wuchs. Im Juni 1985 öffnete "X für U" seine Türen, damals noch in der Bertoldstraße am Theater. Die erste Übersetzung entstand 1990 für den eigenen Verlag – "Stählerne Herzen" von Yves Chaland. "Ein Riesenvergnügen war die Arbeit an Shane Simmons ‚Longshot Comics‘", erinnert sich Pröfrock an seine nächste große Übersetzung: Die Figuren in den Longshot Comics sind nichts als Punkte. Seither hat er Werke von Lewis Trondheim, Emile Bravo, Posy Simmonds, Baru und anderen aus dem Französischen und Englischen übertragen. Als Vorbild nennt Pröfrock die brillante Donald-Duck-Übersetzerin Erika Fuchs.

Sprachlich am meisten Spaß hätten ihm Larcenets Serie "Blast" gemacht und "Quai D’Orsay", für das er den hoch dotierten Christoph-Martin-Wieland-Preis erhielt. Die Auszeichnung, die nach dem bedeutenden Biberacher Dichter und Übersetzer benannt ist, wird vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg finanziert. Der Freundeskreis zur Förderung literarischer und wissenschaftlicher Übersetzungen e. V. schreibt sie alle zwei Jahre für wechselnde literarische Gattungen aus, in diesem Jahr erstmals für Comic-Übersetzungen. "Offenbar haben ich meinen Qualitätsanspruch richtig angelegt", freut sich Pröfrock und erklärt: "Ich kann mir den Luxus leisten, mehr Zeit für das Übersetzen aufzuwenden als viele meiner Kollegen." Er müsse ja nicht von dem Gewerbe leben, das "erbärmlich bezahlt" sei.

Aktuell übersetzt er eine Adaption von "Moby Dick", eine Agatha-Christie-Biographie und einen Comic von Altmeister Jacques Tardi. Mit einem Teil des Preisgeldes will Pröfrock ein Projekt des Reprodukt-Verlags fördern, der "Quai D’Orsay" veröffentlicht hat. Selbstverständlich handelt es sich um einen Comic. "Ein sehr schönes Buch", kündigt Pröfrock an. Alles Weitere soll eine Überraschung bleiben.