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27. September 2016

Die Verstrickungen der Eltern wirken nach

Alexandra Senfft liest aus "Der lange Schatten der Täter".

  1. Alexandra Senfft Foto: Judah Passow

"So vorbildhaft die NS-Zeit in Deutschland akademisch und politisch bearbeitet wurde, so wenig ist sie bis heute im Privaten aufgeklärt." Für die Publizistin und Islamwissenschaftlerin Alexandra Senfft, Jahrgang 1961, gilt dieser Satz im Vorwort zu ihrem neuen Buch "Der lange Schatten der Täter" nicht. Vor rund zehn Jahren hat sie sich ihrer eigenen Familiengeschichte gestellt, hat ein bemerkenswertes Buch über ihren Nazi-Großvater Hanns Ludin, Hitlers Gesandten in der Slowakei, veröffentlicht. Sie ist damit auf große Resonanz gestoßen – so groß, dass ihr neues Sachbuch sich nun in weiten Teilen durch die Geschichten von Leserinnen und Leser von "Schweigen tut weh" (Claassen Verlag, 2007) speist.

"Nachkommen stellen sich ihrer NS-Familiengeschichte" heißt das neue Buch im Untertitel – und damit meint Senfft Angehörige von "meist kleinen Rädchen im mörderischen Getriebe". Die Menschen, die Senfft getroffen hat, haben alle erlebt, dass ihre Väter, Großväter, Mütter oder Großmütter über ihre Rollen während der Herrschaft der Nationalsozialisten hartnäckig schwiegen, sie verleugneten oder idealisierten. Dieses Umgehen mit der Vergangenheit, das ist bewiesen, hat Folgen für die nächste und die übernächste Generation. Die "Verstrickungen der Eltern führen bei den Kindern und deren Kindern zu neuen Verstrickungen. Das kann destruktive Folgen haben, bis hin zu Gewalt gegen sich und andere, Extremismus, Rassismus, Depression und Sucht", schreibt Senfft. Ihre These ist, dass auch "der neu aufgeflammte offene Rassismus ein Indiz für die nicht reflektierte Vergangenheit" ist.

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Ihre Gesprächspartner freilich haben diese von Senfft beschriebene Gefahr erkannt und versuchen, auf der emotionalen wie auf der faktenbasierten Seite, die Geschichten ihrer Angehörigen zu bearbeiten. Da ist etwa die Psychologin Paula Albrecht, deren Vater Soldat im Zweiten Weltkrieg war und der eines Tages wie aus heiterem Himmel den beiden Enkeltöchtern vom Krieg erzählte, und davon, dass sein Vater in Auschwitz für die IG-Farben die Kanalisation und Entwässerung der Buna-Werke durch KZ-Häftlinge bauen ließ. Weil Albrecht sich kaum auf Fakten stützen kann, was die Rolle ihres Vaters und Großvaters angeht, sich aber genau erinnert, wie wenig der Vater mit den Kriegserlebnissen zurecht kam, hat sie für sich die Aufgabe gefunden, Flüchtlingen zu helfen.

Quentin van der Veer taucht in Senffts Buch auf, weil "diverse Familienmitglieder bis in die dritte Generation, inklusive meiner Mutter, erschreckend rechtsextrem und hartnäckige Holocaustleugner geblieben sind". Vor allem unter der kaltherzigen Mutter hat der Sohn unendlich gelitten. Selber habe sie dem Sohn erzählt, dass sie als Teenager vor den Russen floh und furchtbare Dinge gesehen hat – "Quentin glaubt, dass diese traumatischen Erfahrungen der Flucht seine Mutter krank gemacht haben. Für weitere Katastrophen wie den Holocaust habe sie deshalb keine seelischen Kapazitäten mehr gehabt, weshalb sie sich an alles klammere, was ihr hilft, ihn zu verleugnen".

Das Buch ist wie eine journalistische Reportage in zwölf Kapiteln gut zu lesen und zu verstehen. Es verbindet viel Information mit persönlichen Geschichten, die berühren.

Alexandra Senfft: "Der lange Schatten der Täter". Piper Verlag, München, Berlin, Zürich, 2016. 352 Seiten, 22 Euro. Die Autorin liest am heutigen Dienstag, 27. September um 19.30 Uhr im Blauen Haus in Breisach und am Donnerstag, 29. September, 20 Uhr in der Buchhandlung Beidek in Müllheim.

Autor: Heidi Ossenberg