Ein Gelehrter alter Schule

Dietmar Neutatz

Von Dietmar Neutatz

Do, 02. November 2017

Literatur & Vorträge

Zum Tod des Freiburger Historikers Gottfried Schramm.

Es gibt nicht viele Professoren, die eine Ausstrahlung entfaltet haben wie der Freiburger Historiker Gottfried Schramm. Er verkörperte einen Typus des Gelehrten, wie er selten geworden ist: Breit gebildet, mit scharfem Intellekt und einem phänomenalen Gedächtnis ausgestattet, hatte er stets die großen Linien und Zusammenhänge im Blick. Seine Bücher schrieb er selbst, statt sich in der Einwerbung von Drittmitteln und administrativen Dingen aufzureiben, und er kümmerte sich wenig um Fachgrenzen und Konjunkturen. Die Veränderungen des Hochschulbetriebs in den letzten 20 Jahren beobachtete er mit Befremden. Hektik und institutionelle Zwänge mochte er nicht. Seine Arbeitsweise bedurfte der Muße. Ihm ging es um das sorgfältige Durchdringen von Problemen im Gespräch mit Kollegen und Studierenden.

Geboren 1929 in Heidelberg als Sohn des Mediävisten Percy Ernst Schramm studierte er Germanistik, Slawistik und Geschichte und promovierte 1954 in Göttingen mit einer namenkundlichen Dissertation. Mit der 1964 in Marburg eingereichten Habilitationsschrift über die Reformation in Polen machte er sich als Osteuropahistoriker einen Namen. 1965 wurde er auf den neu geschaffenen Lehrstuhl für Neuere und Osteuropäische Geschichte an der Universität Freiburg berufen, den er bis zur Emeritierung 1994 innehatte. Als Herausgeber des dritten Bandes des "Handbuchs der Geschichte Russlands" gab er der Forschung über das späte Zarenreich und die frühe Sowjetunion wichtige Impulse.

Daneben setzte Schramm seine etymologischen Studien fort. Auch die Literatur interessierte ihn. In "Von Puschkin bis Gorki" näherte er sich der russischen Geschichte über die Dichter. Besonders am Herzen lagen ihm die "Fünf Wegscheiden der Weltgeschichte". In dem 2004 erschienenen Buch verglich er über 3000 Jahre hinweg welthistorische Weichenstellungen, von der Genese des jüdischen Monotheismus bis zur Entstehung des revolutionären Sozialismus in Russland.

Bis zuletzt war Schramm ein wacher Geist. Er liebte den intellektuellen Austausch; er arbeitete an neuen Publikationen und wenn ihm der Kragen platzte, meldete er sich in hochschulpolitischen Fragen zu Wort. Am 26. Oktober ist Gottfried Schramm im Alter von 88 Jahren in Freiburg gestorben.