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04. Dezember 2015

Ein menschliches Forschungsobjekt

Die Franzosen Younn Locard und Florent Grouazel erzählen in ihrer Graphic Novel die Geschichte des jungen Kanaken Éloi.

  1. Die Schiffsbesatzung macht sich über Éloi (Mitte) lustig. Foto: Verlag

"Diese Kanaken leben wie die Urmenschen", freut sich Pierre Delaunay. Den französischen Naturforscher begeistern 1842 die Einwohner Neukaledoniens. Auf der Insel lasse sich das Leben betrachten, wie es zu Anbeginn war. "Können Sie sich vorstellen, dass derart ungehobelte Wesen ihre Toten begraben und sie gar kultisch verehren?", spekuliert Delaunay.

Doch die Fregatte La Renommée, mit der er gekommen ist, wird das südpazifische Eiland verlassen. Sie hat ihre Mission beendet. Neukaledoniens Küsten sind kartiert. Um die Wissenschaft voranzutreiben und seinen Ruhm zu mehren, nimmt der Forscher Éloi, einen der Kanaken, mit auf die Heimfahrt: "Du wirst als Erster deiner Rasse Frankreich sehen."

Es ist absehbar, dass "Éloi", die Graphic Novel von Younn Locard und Florent Grouazel, tragisch endet: ein "Wilder" im 19. Jahrhundert für Monate auf einem Schiff mit rauen Seeleuten? In isolierten Menschengruppen bilden sich filigrane soziale Gefüge aus. Erschütterungen setzen oft eine rasante Dynamik in Gang. Éloi ist der Fremdkörper, das Sandkorn im Getriebe der Besatzung. Seine Anwesenheit zwingt Offiziere und Matrosen dazu, sich erstmals ernsthaft mit Fremdheit auseinanderzusetzen.

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Zwar ändern manche der vielfältigen Charaktere ihre Position – Fürsprecher werden Ankläger, Verächter zu Kumpels, vermeintliche Freunde die schlimmsten Feinde. Trotzdem bleiben alle Gefangene ihres engen Horizonts. Die Mannschaft der La Renommée spiegelt Motive wieder, die heute noch hinter der Unsicherheit im Umgang mit Menschen fremder Kulturen stecken und hinter Fremdenhass: Unwissen, Unverständnis, Ignoranz, Desinteresse, dumpfe, nebulöse Furcht vor dem Unbekannten.

Keiner bemerkt, dass Éloi zunächst kaum ein Wort französisch spricht. Élois Bedürfnisse interessieren niemand. Erst spät fällt dem Bordpfarrer auf, dass der Insulaner immer nur "Ja" sagt. Der Geistliche erhebt sich zwangsläufig zum Verteidiger der Menschlichkeit des "Wilden". Schließlich hat er Éloi getauft! Damit ist nach Ansicht des Pfarrers bewiesen, dass primitive Kreaturen sehr wohl in der Lage seien, das Wort Gottes zu empfangen und moralisch zu handeln. Fast jeder will Éloi für seine Zwecke einspannen oder sich an dessen Primitivität vergnügen. Einzig Matrose Jégo vermag mitzufühlen, vermag Èloi mit dem Herzen zu sehen. Machtlos muss Jégo zuschauen, wie das spannende Drama einen Lauf nimmt.

Die Grafik ist nüchtern, macht aber Stimmung. Sie unterstützt die bewegende Story, ohne sie optisch und emotional zu überfrachten. Zwischendurch bietet die Lektüre versöhnliche, schöne Momente. Einmal erzählt Éloi, dass Haie für seinen Stamm keine Bestien sind, sondern Helfer: Sie holen nachts die Toten und zeigen ihnen den Weg ins Jenseits.

Florent Grouazel, Younn Locard: Éloi. Aus dem Französischen von Annika Wisniewski. Avant-Verlag, Berlin 2015. 224 Seiten, 29,95 Euro
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Autor: Jürgen Schickinger