Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

17. November 2015

Sachbuch

Wie geht man richtig mit kranken Menschen um?

Der Freiburger Medizinethiker, Arzt und Philosoph Giovanni Maio hat ein Buch über den Umgang mit kranken Menschen geschrieben.

  1. Was ist für diese Patientin der beste Weg? Das sollte die Ärztin beim Gespräch bedenken. Foto: dpa

"Plötzlich klopft das Schicksal an", titelte das Feuilleton der Zeit diese Woche. Schicksal? Wer rechnet denn damit in einer modernen Gesellschaft, die meint, alle Lebensbereiche vernünftig planen und managen zu können? Mit Schicksal sind – noch vor den Ereignissen von Paris – die Flüchtlinge gemeint. Aber von denen soll an dieser Stelle mal nicht die Rede sein. Das Schicksal kann auch in Form von Krankheit hereinbrechen. Da wird zum Beispiel dem nichts ahnenden FDP-Politiker Guido Westerwelle im vergangenen Jahr die Diagnose "Blutkrebs" gestellt. Giovanni Maio kann die "Bodenlosigkeit" nachvollziehen, in die ein Mensch in diesem Augenblick stürzt. Sie "zeigt sich daran, dass die Vorstellungen vom Leben, die bisher als fraglos angenommen wurden, in Frage gestellt werden und dass das, was man bislang meinte, vom Leben erwarten zu dürfen, radikal außer Kraft gesetzt wird".

Es genügt ein tiefes Verstehen

Der Freiburger Medizinethiker plädiert in seinem neuen Buch "Den kranken Menschen verstehen" leidenschaftlich für "eine Medizin der Zuwendung". Als Arzt mit langjähriger klinischer Erfahrung versteht er nicht nur etwas von Medizin, sondern weiß auch, wie es in einem Gesundheitswesen zugeht, das zum "Geschäftsmodell" (so ein Vorgängertitel) mutierte. Was das für das Selbstverständnis der heilenden Berufe bedeutet und wie eine "Medizin für die Menschen" dabei immer mehr in die Defensive gerät, stellt der Autor mit einer Gründlichkeit dar, die staunen macht.

Werbung


Weil er gleichzeitig auch Philosoph ist, gerät seine Analyse der dahinter stehenden gesellschaftlichen Verfasstheit so grundsätzlich, dass es gar nicht mehr so abwegig erscheint, auch an den Aufruhr um die Flüchtlinge zu denken, wenn er "die moderne Unfähigkeit, das Gegebene anzunehmen" beschreibt. Was kein Plädoyer für eine neue Schicksalsergebenheit sein soll. Wenn jemand ernsthaft erkrankt, bedeutet das laut Maio ja nicht zugleich das Ende des guten Lebens. Weder für Menschen mit chronischen Schmerzen, mit Krebs, mit Demenz und selbst für den sterbenden Menschen, die er als Beispiele ausführt. "Auch der krank gewordene Mensch kann die ihm zugeteilte Karte spielen", heißt es in Anspielung auf Schopenhauer ("Das Schicksal mischt die Karten, und wir spielen."). Dabei ist er aber angewiesen auf die Begleitung von Ärztinnen und Ärzten, die den Mut haben, über normierte Standards und Leitlinien hinaus sich auf eine Beziehung einzulassen, die den einzelnen Menschen sieht. Die auf eine Weise zuhören, die weit über die "zweckrationale Gesprächstechnik" hinausgeht, die sie vielleicht im Studium gelernt haben.

Minutiös entfaltet der Autor in bewundernswerter Klarheit der Sprache die inneren Prozesse, die im leidenden Menschen in Gang kommen können, wo der Funke des Vertrauens und der Hoffnung – die nicht zwingend die Hoffnung auf Heilung sein muss – gezündet wird. Und wie sie verhindert werden, wenn die Medizin als Dienstleister sich und die kranken Menschen auf überprüfbare Therapieziele einschwört. Damit verenge sich die Perspektive. "Der Machbarkeitsglauben in der Medizin raubt dem Patienten die Chance, seine Krankheit als ein Stück der eigenen Biografie anzuerkennen", schreibt Maio.

Das mag alles ein bisschen abgehoben und realitätsfern klingen. Aber Maio spart die Knackpunkte ja nicht aus: Dass Leitlinien, formales Wissen und Behandlungsstandards nötig sind, stellt er nicht in Abrede. Aber sie könnten nur eine Art "Stützräder" sein für das Handeln des Arztes/ der Ärztin in der jeweils "einmaligen Situation". Für dieses Handeln verlangt er Ermessensspielräume und die Freiheit, zu entscheiden, was für den konkreten Patienten jeweils das Beste ist. Technik, sagt er, sei "unverzichtbar – aber sie bedarf der Beziehung, um wirklich zu greifen. Die Beziehung steht also nicht als Ersatz für die Technik, sondern als Voraussetzung für deren Erfolg." Das Buch kann ein Mutmacher sein für die ärztliche Zunft, sich auf ihre Wurzeln zu besinnen und sich ihre inneren Werte nicht durch die Ökonomie rauben zu lassen.

Der Autor bringt das Kunststück fertig, selbst anzuwenden, was er für das Gesundheitswesen einfordert: Auf Augenhöhe lässt er uns teilhaben an seinen Gedankengängen, die er sich geduldig "entfalten" lässt – ein Wort, das uns wiederholt begegnet. So wie im kranken Menschen "Prozesse des Wachsens und Reifens" den "Respekt vor der Zeit" voraussetzen in der Gewissheit, dass die Dinge sich ändern. Ob ein Leser oder eine Leserin gesund oder krank ist: Er oder sie wird sich zutiefst in den Bedingungen ihres Menschseins verstanden fühlen und besser gewappnet sein für die Widrigkeiten des Lebens. Dafür braucht es keinen "Deus ex machina", der die Welt erklärt. Es genügt ein tiefes Verstehen – das "wie der Humus" ist, "auf dem sich die Persönlichkeit des Hilfesuchenden entfalten kann".

Giovanni Maio: Den kranken Menschen verstehen. Für eine Medizin der Zuwendung. Verlag Herder, Freiburg 2015, 223 Seiten, mit umfangreichem Literatur- und Personenverzeichnis, 19,99 Euro. Der Autor liest aus seinem Buch auf Einladung der Buchhandlung Rombach heute, Dienstag, 20 Uhr, in der Aula des St. Ursula Gymnasiums, Eisenbahnstraße 45.


Autor: Anita Rüffer