Literatur

Erkundungen in Rumänien, dem Gastland der Leipziger Buchmesse

Katrin Hillgruber

Von Katrin Hillgruber

Do, 08. März 2018 um 20:15 Uhr

Literatur & Vorträge

Rumänien hat eine reiche Literaturszene. Nirgends blühte der Surrealismus üppiger. Unterm Motto "Zoom in Romania" ist das Land jetzt zu Gast bei der Leipziger Buchmesse.

Blau-gelb-rot, wohin das Auge blickt: Jedes nur erdenkliche Gebäude im nordostrumänischen Iasi ist derzeit mit Fahnen und Plakaten in den Nationalfarben geschmückt. Das ganze Jahr lang feiert das Zentrum der historischen Region Moldau den 100. Jahrestag der Vereinigung mehrerer Territorien und damit die Geburtsstunde Großrumäniens. Iasi ist Sitz der ältesten Universität des Landes, Austragungsort des größten Literaturfestivals "Filit" und gilt als Kulturhauptstadt. In der italienisch anmutenden Villa des Dichters Vasile Pogor traf sich seit 1883 die literarische Gesellschaft Junimea, was "Strahlende Jugend" bedeutet. Im Salon ist ihre Tafelrunde samt Manuskripten nachgestellt. Junimea gilt als Keimzelle der modernen rumänischen Literatur.

Zwölf Dichterdomizile wurden in Iasi liebevoll zu Literaturmuseen umgestaltet. Elf davon sind Männern gewidmet, das zwölfte und kleinste besteht aus dem abgeschiedenen Gartenhäuschen der Kinderbuchautorin, Poetin und Übersetzerin Otilia Cazimir mit ihrer Vorliebe für das Art Déco und großgemusterte Wandteppiche. Alle Museen zeigen sich jedoch für Rumänisch-Unkundige verschlossen wie Austern: Keine einzige Beschriftung ist übersetzt. Dadurch bleiben zahlreiche Repräsentanten vor allem des Surrealismus, der nirgendwo üppiger blühte als in Rumänien, "nur für den internen Gebrauch" bestimmt, wie Câtâlin Mihuleac mit sanftem Sarkasmus sagt. Eines seiner Bücher trägt den Titel "Abenteuer eines bolschewistischen Gentlemans". Das klingt nach einer Selbstbeschreibung des elegant gekleideten 57-Jährigen. Mihuleacs Roman "Oxenberg & Bernstein", den er als sein Hauptwerk betrachtet, wurde nun von Ernest Wichner ins Deutsche übertragen. Er ist also zum Glück nicht länger dem internen Gebrauch vorbehalten, sondern für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung nominiert.

Von den 40 Übersetzungen ins Deutsche, die zum Leipziger Gastlandauftritt vom Rumänischen Kulturinstitut gefördert wurden, handelt es sich bei "Oxenberg & Bernstein" mit Sicherheit um die gewagteste: "Es ist die Geschichte von Iasi, der Stadt, in der ich wohne, aber auch Ausdruck meiner Bewunderung für das jüdische Volk." Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte die Moldau-Region den höchsten jüdischen Bevölkerungsanteil, in Iasi waren es 51 Prozent. In der Nachfolge von Curzio Malapartes Weltkriegsepos "Kaputt", dem er mangelnde Emotionalität vorhält, hat es Mihuleac als erster Rumäne gewagt, das Pogrom vom 29. Juni 1941 zu thematisieren. An diesem Tag wurden auf Geheiß des faschistischen Antonescu-Regimes und mit Beteiligung der Wehrmacht 13 266 Juden ermordet. 2713 weitere Menschen starben bei der darauffolgenden Deportation. Das immerhin verrät seit 2011 eine Tafel der Elie-Wiesel-Gesellschaft am ehemaligen Polizeirevier, allerdings wiederum nur auf Rumänisch. Mihuleac kleidet diese Fakten in Gestalt eines frivolen, durchaus amüsanten rumänisch-amerikanischen Familienepos rund um den ermordeten jüdischen Gynäkologen Oxenberg und dessen schöne Frau Roza. Das trug ihm heftige Anfeindungen ein. Andererseits nahm ein großes Kino in Iasi auf seine Anregung hin seinen Vorkriegsnamen "Trianon" wieder an – der 2014 erschienene Roman liegt mittlerweile in der zweiten Taschenbuchausgabe vor.

Mit George Ivascu ist der fünfte Kulturminister im Amt, seit die Planungen des Buchmessenauftritts "Zoom in Romania" begonnen haben. Doch am Ende wird die Ästhetik triumphieren: Der renommierte Architekt Attila Kim hat das Motto wörtlich genommen und das Messeareal rund wie eine Kameralinse gestaltet. In deren Pupille werden 36 Autorinnen und Autoren wie die bedeutende Zeit- und Gefühlschronistin Gabriela Adamesteanu ihre Werke präsentieren. Aber auch ein Klassiker wie der 1912 in seiner Wahlheimat Berlin verstorbene Satiriker und Komödiendichter Ion Luca Caragiale ist erstmals in Form eines Sammelbands (Guggolz Verlag) zugänglich. Ähnlich beklemmend und zugleich phantasievoll wie ihr befreundeter Landsmann Norman Manea, der ebenfalls nach Leipzig kommt, schildert Gabriela Adamesteanu die Atmosphäre unter der Ceausescu-Diktatur. Von ihr erscheinen die Romane "Begegnung" (Wieser) und im August in der Anderen Bibliothek "Das Provisorium", das als ihr Hauptwerk gilt.

Angeborener Widerstand gegen Dogmen aller Art

Die beiden wichtigsten Belletristik-Verlage Humanitas und Polirom unterhalten eigene repräsentative Buchhandlungen – allerdings überwiegend in den Städten. Literaturagenten und ein Vertriebssystem wie das deutsche existieren in Rumänien mit seinen 2000 privaten Verlagen nicht. Umso wichtiger sind für den Vertrieb nationale Buchmessen sowie Onlineplattformen. Doch unter den 20 Millionen Rumänen gibt es immer mehr Lesemuffel. Etwa vier Millionen, darunter viele Hochqualifizierte, leben im Ausland. Diese Abwanderungsbewegung ist eines der größten Probleme des Landes mit einem Durchschnittseinkommen von aktuell 519 Euro im Monat.

Zwischen der lichtdurchfluteten Buchhandlung "Carusel" in der Strada Lipscana (Leipziger Straße) und dem Parlament pendelt der armenischstämmige Schriftsteller und Politiker Varujan Vosganian. Der ehemalige Minister ist als liberal-konservativer Politiker so umstritten, wie er als Autor, vor allem der Armenien-Saga "Das Buch des Flüsterns", anerkannt ist. Dan Lungu aus Iasi, Schöpfer des satirischen "Hühnerparadieses", hat es gleichfalls in die Politik gezogen. Er ist mittlerweile Senator der "Union zur Rettung Rumäniens". Und Mircea Cârtârescu unterstützt die außerparlamentarische Protestbewegung "Resist".

Für die 35-jährige Lavinia Braniste kommt der Schritt in die Politik nicht in Frage. Sie engagiert sich bei "Art Lit", einem unabhängigen Verband der Literaturübersetzer. Diese müssen sich wie andere Freiberufler jetzt selbst versichern und kennen oft kaum ihre Rechte, wie sie beklagt. Mit "Null Komma Irgendwas"(Mikrotext) hat sie einen ironischen, zugleich sehr berührenden Roman um eine Übersetzerin in einer mit EU-Geldern geförderten Baufirma vorgelegt. Das Original ist in der renommierten "Ego"-Reihe bei Polirom erschienen, die sich verdienstvollerweise dem literarischen Nachwuchs widmet. "Null Komma Irgendwas" wurde 2016 als Buch des Jahres ausgezeichnet. Mit seiner verunsicherten Hauptfigur im kapitalistischen Baugewerbe hat es insbesondere bei jüngeren Lesern einen Nerv getroffen.

Câtâlin Mihuleac behauptet, Autoren bekämen leichter die Telefonnummer der Geliebten ihres Verlegers heraus als die Auflagenhöhe eigener Bücher. Der Verlegerverband bestreitet das mit Verweis auf den Normvertrag vehement. Solch leidenschaftliche Kontroversen könnten ein folkloristisches Element sein: Schließlich bescheinigt Kindlers Literaturlexikon dem rumänischen Schrifttum einen "angeborenen Widerstand gegen Dogmen aller Art" und die "Neigung zum Wunderbaren". Passend dazu kündigt Ernest Wichner, der als Spiritus Rector des Buchmessenauftritts gelten kann, an, bis Herbst 2019 Mircea Cârtârescus neuen Tausend-Seiten-Roman "Solenoid" ins Deutsche übertragen zu wollen. Hinter dem unübersetzbaren Titel verbirgt sich ein riesiger Magnet, der die Protagonisten gut einen Meter über dem Boden schweben lässt.