"Es gibt keine Grenzen mehr für uns"

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Fr, 02. März 2018

Literatur & Vorträge

BZ-INTERVIEW mit Hansgeorg Schmidt-Bergmann und Matthias Walz über die 100. Ausgabe der Literaturzeitschrift Allmende.

Sie hat sich erfolgreich durchgekämpft, 37 Jahre lang: Die 1981 am Bodensee als alemannisches Forum gegründete Literaturzeitschrift Allmende präsentiert ihre 100. Ausgabe. Mit dem Herausgeber Hansgeorg Schmidt-Bergmann, Leiter des Karlsruher Museums für Literatur, und dem Redakteur Matthias Walz, Mitarbeiter bei derselben Institution, sprach Bettina Schulte.

BZ: Ist eine regionale literarische Zeitschrift noch zeitgemäß?
Schmidt-Bergmann: Sie ist dann zeitgemäß, wenn sie Themen aufnimmt und Schriftstellerinnen und Schriftsteller über die Region hinaus präsentieren kann. Die Allmende ist gegründet worden als eine Zeitschrift im Dreiländereck. In den 80er Jahren hatte sie auch einen starken politischen Anspruch. Im Fokus stand das Alemannische. Seit zehn Jahren, seitdem wir die Allmende hier in Karlsruhe herausgeben, haben wir versucht, das Spektrum immer weiter auszudehnen. Heute sind wir angekommen, wo wir hin wollten: Im deutschsprachigen Raum gibt es keine Grenzen mehr für uns.
BZ: Heißt das, dass sich die Allmende vom Alemannischen verabschiedet?
Walz: Als uns 2017 der Kunstförderpreis des Landes verliehen wurde, hatte man uns gefragt, ob die Allmende jetzt in Istanbul angekommen sei. Die 99. Nummer hatten wir Deniz Yücel gewidmet. Wir sind den Begründern der Allmende sehr dankbar: Martin Walser, Hermann Bausinger, Manfred Bosch, die in der jetzigen Ausgabe mit Texten vertreten sind. Die Wurzeln im alemannischen Sprachraum gibt es natürlich, aber wir wollen Literatur auch international präsentieren und vor allem jungen Autoren Raum geben.
BZ: Man hat einen Standort in Baden, will hier aber nicht bleiben?
Schmidt-Bergmann: Wir bemühen uns vor allem um eine klare Themensetzung. Und es sind immer Autoren dabei, die aus der Region kommen, sich aber im deutschsprachigen Raum durchgesetzt haben – wie Karl-Heinz Ott oder Arno Geiger. Wenn diese Autoren mit ihrer Dankesrede zum Alemannischen Literaturpreis vertreten sind, kommt uns das zugute. Eine gewisse Verankerung ist notwendig. Aber wir scheuen auch nicht, Literatur aus Lateinamerika zu präsentieren. Oder aus Ländern, in denen gesellschaftliche Gefährdungen zu erkennen sind: Ungarn, die Türkei oder Russland.
BZ: Ein allumfassender Radius.
Schmidt-Bergmann: Ich glaube ohnehin, dass sich in 30, 40 Jahren die Nationalliteraturen in Europa auflösen werden.
BZ: Das ist eine interessante These.
Schmidt-Bergmann: Wenn es Literatur dann noch gibt, wird sie europäisch sein. Aber so war es ja im Grunde immer: Faust ist ein europäischer Stoff. Oder Till Eulenspiegel. Die deutschsprachige Literatur ist seit dem Mittelalter immer von außen beeinflusst worden. Sie hat immer mehr genommen als gegeben.
BZ: Wie passt der Begriff Allmende in dieses Konzept noch hinein?
Walz: Martin Walser hat ihn für die Zeitschrift vorgeschlagen als Bezeichnung für ein Stück Land, das für alle benutzbar sein soll. Wir finden, dass er genau beschreibt, was wir wollen; eben nur nicht mehr auf den alemannischen Sprachraum bezogen. Mehr als die Topographie interessieren uns zunehmend Themen. Zuletzt haben wir uns mit dem neuen Antisemitismus und mit den Problemen der Migration beschäftigt.
BZ: Wie kommen Sie auf die Themen?
Walz: Das Gespräch mit unseren Autoren ist sehr wichtig. Wir organisieren viele Lesungen, da ist der Kontakt intensiv.
BZ: War das auch ein Grund für Sie, die Allmende zu übernehmen?
Schmidt-Bergmann: Letztlich ja. Als das Land Baden-Württemberg 2003 die Zuschüsse für Literaturzeitschriften kappte, haben wir uns im Haus gesagt: Das geht nicht, Zeitschriften wie Allmende müssen erhalten bleiben. Der ehemalige Herausgeber Manfred Bosch hat uns sehr unterstützt. Wir mussten neue Formen der Finanzierung finden. Inzwischen unterstützten uns viele große Verlage mit Anzeigen. Was wir brauchen, sind neue Abonnenten. Wir haben 400 feste Abnehmer bei gedruckten 1000 Exemplaren.
BZ: Wo steht die Allmende damit?
Schmidt-Bergmann: Außer der Allmende gibt es in Deutschland noch vier, fünf in der Größenordnung.
BZ: Haben gedruckte Literaturzeitschriften eine Zukunft?
Walz: Junge Autorinnen und Autoren wollen nach wie vor gedruckt werden. Es ist doch etwas anderes, einen Text ins Netz zu stellen oder ihn haptisch in einer schön gestalteten Publikation und vor allem redaktionell betreut vor sich zu haben. Darin liegt für die Autoren auch eine Form der Anerkennung. Gute Literaturzeitschriften werden sich auch in Zukunft durchsetzen.
BZ: Die optische Gestaltung spielt in Zeiten des Internets eine immer größere Rolle?
Schmidt-Bergmann: Wir überlegen uns da einiges. Die nächste Nummer wird zum Beispiel von Studenten der Karlsruher Kunstakademie mitgestaltet. Philipp Hennevogl hat beispielsweise mit seinen Linolschnitten die Berlin-Nummer künstlerisch ausdrucksstark begleitet.
BZ: Wie sieht es langfristig finanziell aus?
Schmidt-Bergmann: Klar ist, dass die Allmende ohne die institutionelle Anbindung an die Literarische Gesellschaft nicht existieren könnte. Im Übrigen ist es nicht schlecht, in Baden-Württemberg angesiedelt zu sein – dem Bundesland, das mit Gedenkstätten, Stipendien, Preisen am meisten für die Literatur macht. Mit dem Mitteldeutschen Verlag haben wir einen kompetenten Partner gefunden. Der wunde Punkt sind die Honorare. Wir können kaum welche zahlen. Einem Martin Walser oder Arno Geiger ist nicht so wichtig. Bei den Jüngeren tut mir das schon etwas weh.
BZ: Wie steht es um die digitale Zukunft der Allmende?
Schmidt-Bergmann: 900 Autorinnen und Autoren haben bisher für die Allmende geschrieben. Das ist ein wertvolles Archiv der Literatur im Südwesten. Es wäre schön, das der Öffentlichkeit digital zur Verfügung zu stellen. Dafür brauchen wir die Rechte der Autoren, die wir nach und nach einholen werden. Danach können wir alle Nummern der Allmende ins Netz stellen.
Walz: Unsere Website bietet jetzt schon einen Überblick über alle 100 Allmende-Nummern. Alle Beiträge sind dort aufgelistet – und wir können sie auf Anfrage auch zuschicken. Als Recherche-Pool ist das schon mal ein wichtiger Anfang.

Allmende. Zeitschrift für Literatur. Nr. 100 "Literatur als Gemeingut". Mitteldeutscher Verlag, Halle 2017. 134 Seiten, 12,80 Euro. http://www.allmende-online.de