Gesang vom beschädigten Leben

Michael Braun

Von Michael Braun

Sa, 06. Mai 2017

Literatur & Vorträge

Paul-Henri Campbells Gedichte.

Wenn ein Mensch in das Kraftfeld des Todes gerät, verwandelt die Konfrontation mit der Sterblichkeit seinen Blick. Die hektische Lebendigkeit der Tagesroutinen fällt von ihm ab, die Kämpfe um die Selbstbehauptung treten zurück, er wird auf seine gefährdete Existenz und die Erwartung des Endes zurückgeworfen. Im sicheren Gefühl seiner existenziellen Havarie entwickelt er ein Weltgefühl, das quer liegt zu den Paradigmen gelingenden Lebens.

Der 1982 in Boston geborene deutsch-amerikanische Dichter, Übersetzer und Theologe Paul-Henri Campbell hat für diese Existenzerfahrung eine poetisch aufregende Sprache gefunden, die sich als "Revolte der Endlichkeit" auflehnt gegen die "Salutonormativität" der Davongekommenen. Campbell gehört zum kleinen Kreis der Dichter, die in Augenhöhe mit dem Tod schreiben und daraus ihre Energie und poetische Vitalität beziehen. Campbell laboriert seit seiner Geburt an einem schweren Herzfehler. Zum ersten Mal gibt er in seinem vierten Gedichtband "nach den narkosen" einen Einblick in die "nackte Diesseitigkeit" seines Lebens. Sein Buch orchestriert in drei Kapiteln und neun Zyklen eine "Herzkammermusik", die, wie es in dem fabelhaften Essay am Ende des Buches heißt, "von vornherein weiß, dass sie eine andere Welt bewohnt".

Eine vielstimmige

"Herzkammermusik"

Für seinen Gesang vom beschädigten Leben hat Campbell unterschiedliche Formen gefunden. Nur in den ersten drei Zyklen geht es um medizinische Einschnitte und Eingriffe in den Körper, das Handwerk der Operateure und die Apparatemedizin: "millimeterweise glanz der schneckenspur / auf platanenrinde gekrümmt am wegrand / bist du dein digitus / die klinge eingedrungen / in mich, den schlafenden / und niemals hauchte / mein atem aus offen ein unterm licht als / in jenem moment da du nach schnurren / der säge mit der klemme spreizt mir den / brustkorb". Die Gedichte zeichnen "die spur des skalpells" nach, übersetzen die operativen und diagnostischen Prozesse in antike Metaphoriken. Ein grandioser Zyklus über die Implantation eines Herzschrittmachers ("medtronic KAPPA MSR 901") bildet den Prozess einer Verwandlung ab: den Weg von der Stimme des herzkranken jungen Mannes hin zur klagenden Mutter-Stimme.

In weiteren Zyklen wie "gärten ohne menschen" und "vasa sacra" wird der Theologe sichtbar. Das Gedicht "grünanlage eines hospiz bei lorsch am rhein" vollzieht eine rhapsodische Vereinigung der Gegensätze: Das Wuchern der vegetabilischen Welt in der Gartenanlage des Hospiz und das Siechtum der Leiber werden zusammengeführt. Der Zyklus "vasa sacra" erkundet das Terrain religiöser Ikonographie. "vasa sacra" meint die sakralen Geräte, die in der katholischen Liturgie eingesetzt werden – Hostienschale, Kelch oder Monstranz. Auf ein anderes Feld führt der Zyklus "digitales dharma, diptychen". Es sind visuelle Poeme, gestaltet nach der Form der antiken zweiteiligen Gemälde. Sie handeln von der Partikularisierung unserer Wahrnehmung im Medienrauschen der digitalisierten Lebenswelt. Man darf es als programmatische Signatur lesen, wenn der Dichter die "Confessiones" des Augustinus zitiert: "inquietum est cor nostrum donec requiescat in te – ruhelos ist unser Herz, bis es ruhet in dir". Campbells hellsichtiger Existenzgesang demonstriert eindrucksvoll, dass uns die Tröstungen der Theologie aus der Heillosigkeit nicht mehr befreien können.

Paul-Henri Campbell: nach den narkosen. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2017, 96 Seiten, 18,80 Euro.