Glühende Herzensschrift

Michael Braun

Von Michael Braun

Sa, 30. September 2017

Literatur & Vorträge

Tristan Marquardt und Jan Wagner reanimieren in einer vorbildlichen Anthologie den Minnesang als Grundwortschatz der poetischen Moderne /.

Gegen diese Form der Gewalt helfen keine präventiven Maßnahmen und kein Abwehrzauber: "Wer gap dir, Minne, den gewalt, / daz dû doch sô gewaltic bist? / Dû twingest beide junc und alt: / dâ für kann nieman keinen list." Dieses Rätsel der bezwingenden Allmacht der Minne, das einst der erste deutsche Berufsdichter Walther von der Vogelweide in seinen Liedern umkreiste, beschäftigt das poetische Bewusstsein bis in unsere Tage. Das Dilemma des unglücklichen Sängers, dem die Dame seines Herzens ihre Gunst vorenthält – es ist keine Spezialität des Mittelalters, sondern eine eminent moderne Erfahrung.

Das belegt nun eine aufregende Lyrik-Anthologie, die in nie dagewesener Vielstimmigkeit dokumentiert, dass der Grundwortschatz der poetischen Moderne bereits vor 800 Jahren entwickelt worden ist – in den berührenden Liedern der Minnesänger, die in ritualisierter Weise vom Scheitern unserer Liebeswünsche handeln. Lange blieb die Beschäftigung mit dem Minnesang den Altgermanisten vorbehalten, glanzvollen Meistern der Mediävistik wie etwa Peter Wapnewski, dem grandiosen Philologen und Interpreten Walther von der Vogelweides.

Erst Peter Rühmkorf hatte in den 1970er Jahren mit seinen Aufsätzen über Walther als "genialste Schandschnauze des Reiches" die Tonspuren der mittelalterlichen Dichtung für die Gegenwartsdichtung neu abgemischt. Einen kleinen Boom erlebte die Minnedichtung auch in der Pop-Kultur, in der um 1970 Gruppen wie "Ougenweide" ein neues folkloristisches Genre begründeten. Seither ist nicht viel geschehen in der Auseinandersetzung mit den Reichtümern des Minnesangs. Einmal abgesehen von Dieter Kühns monumentalen Biografien zu Oswald von Wolkenstein und Wolfram von Eschenbach und Rainer Malkowskis Nachdichtung des "Armen Heinrich" von Hartmann von Aue, hat sich die Gegenwartspoesie nicht sonderlich gekümmert um die herzzerreißenden Lieder der poetischen Vorfahren.

Nun haben der junge Lyriker und Mediävist Tristan Marquardt und der designierte Büchnerpreisträger Jan Wagner einen gewaltigen Coup gelandet: Ihre faszinierende Anthologie "Unmögliche Liebe", in der über 60 deutschsprachige Lyrikerinnen und Lyriker die großen Stimmen der mittelalterlichen Minnedichtung in eigenwilligen Nachdichtungen neu beleben, ist das poetische Ereignis dieses Bücherherbstes. Die wichtigsten Bestände der Minne-Tradition, insgesamt 141 Lieder aus den vorhandenen Handschriften und Codices, werden hier in neuen Übersetzungen vorgestellt. Keine Lyrik-Anthologie der letzten beiden Jahrzehnte hat einen so gewaltigen Echoraum erzeugt, keine Bestandsaufnahme einer versunkenen literarischen Epoche eine so elektrisierende Wirkung auf das Weltgefühl unserer Gegenwartsdichter ausgeübt wie die "Unmögliche Liebe".

In seinem instruktiven Vorwort skizziert der umtriebige Lyriker, Literaturveranstalter und DJ Tristan Marquardt die Grundrisse des Minnesangs und markiert die historische Distanz, die uns von den kulturellen Codes der mittelalterlichen Dichter trennt. An der Schwelle vom 12. zum 13. Jahrhundert hatte die kulturelle Elite mit dem Minnesang ein soziales Erziehungsideal geschaffen, das sich auf die Hierarchisierung der Gefühle und die Domestizierung des Triebgeschehens richtete. Aber was verbindet unsere literarische Spätmoderne mit den mittelalterlichen Sängern der unglücklichen Liebe? Marquardt weist sehr zu recht darauf hin, dass die Ich-Figur, die in diesen Minneliedern auftritt, nicht als autobiografisches Alter Ego des Autors entziffert werden darf, sondern als Rollenmaske fungiert, Stellvertreter für ein entsagendes Ich. Der Minnesang wurde entworfen als "Schule der sittlichen Läuterung mit ästhetischen Mitteln", wie das Wapnewski an den Gedichten Walther von der Vogelweides gezeigt hat. Aber bereits Walther wie auch Heinrich von Morungen rebellierten gegen diese Fixierungen und durchbrachen das Berührungsverbot, das dem traditionellen Minnesänger auferlegt ist.

Eine poetisch vielstimmige Revolte gegen die konventionellen Minne-Rituale wird auch in den Nachdichtungen der "Unmöglichen Liebe" angezettelt. In diese Übersetzungen hat sich ein sehr zeitgenössisches Lebensgefühl eingeschrieben: In den Minneliedern spiegeln sich die Ambivalenz und Zerrissenheit unserer heutigen instabilen Liebesverhältnisse. Der Minnesänger erscheint als Vorbild für die glühende Herzensschrift aller modernen Liebesdichter, die wissen, dass das Begehren hauptsächlich in der Schrift lebt, in der Beziehungswirklichkeit aber allzu häufig zuschanden wird. Zum ersten Mal entwirft eine Lyrik-Anthologie ein Doppelporträt zweier literarischer Zeitalter, die einander verwandt sind in der Konstatierung der Vergeblichkeit der Liebe. Es ist ungemein beglückend zu sehen, in welch unterschiedlichen Tonlagen sich die einzelnen Autoren die großen Texte der literarischen Urahnen anverwandeln. Drei Formen der Übertragung lassen sich unterscheiden: Da ist zum einen die subtile Mimesis des Originals, die den hohen Ton der Vorlage erhalten will, wie sie beispielsweise die promovierte Mediävistin Ulrike Draesner oder der Reimvirtuose Richard Pietraß praktizieren. Daneben sind die vorzüglichen Übersetzungen von Joachim Sartorius oder Uljana Wolf zu nennen, die Texttreue mit einer vorsichtigen Modernisierung verbinden. Auch schroffe Radikalübersetzungen dürfen nicht fehlen, die virtuos eine Zersetzung des hohen Tons von innen zelebrieren, wie etwa die Übertragungen von Urs Allemann, Ulrich Koch, Christian Schloyer oder Jan Volker Röhnert. "Als Typ trägst du schon dicke auf – / Palavern ohne Sinn. / Taucht irgendwo ein Mädchen auf, / und du bist hin." So schwungvoll übersetzt Röhnert ein berühmtes Walther-Gedicht, wobei ausgeblendet bleibt, dass sich hinter diesem Text eine Dichterfehde zwischen Walther von der Vogelweide und seinem poetischen Antipoden Reinmar dem Alten verbirgt. Mit forcierter Lässigkeit geht auch Christian Schloyer zu Werke: "Ach, Baumes Blüte! Du gehst mir auf die Eier, / du machst mich fertig, zerrst mir an den Nieren./ In höchsten Tönen hab ich dich gelobt – Geseier! / Jetzt muss ich mich mit dir schon ... duellieren."

Manchmal mutiert die lyrische Begeisterung in übersetzerische Willkür, wenn etwa bei Oswald Egger ein Oswald von Wolkenstein-Lied in einsilbige "Wolkensteinchen" aufgelöst wird. Die substanziellsten Nachdichtungen aktivieren die sprachmusikalischen Möglichkeiten des Originals. So Anja Utler in ihrer großartigen Übertragung des heute kaum bekannten Heinrich von Rugge: "Sie schaut mir nun schon lange zeit / beim lieben zu ich bin stabil. / es ist auch schluss mit kampf und streit / falls sie mir nur der lohn sein will. / die welt ist falsch. von der gewissheit / wird schon gut hab ich nicht mehr viel. / ich hab ein herz voll echtem leid./ schwer liegt es und bezwungen seit / es weiß, es wird nicht froh / bevor sie sich nicht gnädig zeigt." Es ist ein großes Abenteuer, die Elementartexte der deutschen Dichtung zu erkunden und sich von dieser an Entdeckungen überreichen Anthologie zu den Quellen der modernen Dichtkunst führen zu lassen. Die Poesie des Mittelalters und die Lyrik der Gegenwart geraten hier in ein außerordentlich lebhaftes Gespräch, in dem sämtliche Möglichkeiten dichterischen Sprechens durchbuchstabiert werden.

Tristan Marquardt/Jan Wagner (Hg.): Unmögliche Liebe. Die Kunst des Minnesangs in neuen Übertragungen. Zweisprachige Ausgabe. Carl Hanser Verlag, München 2017. 302 Seiten, 32 Euro.