"Mein Kampf"

Jeremy Adler greift das Münchner Institut für Zeitgeschichte an

Johannes Klotz

Von Johannes Klotz

Sa, 02. Dezember 2017

Literatur & Vorträge

Jeremy Adler verschärft in einem eben erschienenen Buch die Kritik an der Edition von "Mein Kampf".

Das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in München erregte weltweit Aufsehen, als es Hitlers "Mein Kampf" in einer kommentierten Ausgabe am 8. Januar 2016 der Öffentlichkeit vorstellte. Voller Ambitionen war diese Edition in Kooperation mit dem Freistaat Bayern begonnen worden, der jedoch wegen internationaler Kritik im Dezember 2013 seine Förderung einstellte. Das Institut und seine Forscher führten das Projekt zu Ende.

Der Londoner Philologe Jeremy Adler war noch vor der Veröffentlichung in der Süddeutschen Zeitung mit dem Vorwurf an die Öffentlichkeit getreten, dass der Versuch, eine "kritische Ausgabe" von "Mein Kampf" zu veröffentlichen, per se scheitern müsse, weil sich das "absolut Böse" nicht edieren lasse: "Editionen dieser Art pflegt man für große Werke, für antike Klassiker". Experten wie Götz Aly, Wolfgang Benz, Ulrich Herbert stimmten dem zu. Doch die positiven Reaktionen waren groß, was sich auch in den bisher weit über 85 000 verkauften Exemplaren der zweibändigen Edition auf fast 2000 Seiten äußern mag.

Nationale und internationale Medien berichteten darüber, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, Historiker und andere Experten stritten sich über Sinn und Zweck des Unternehmens. Lässt sich das absolut Böse nun edieren – und wenn ja, wie? Der Leiter des IfZ, Andreas Wirsching, will nicht tabuisieren, er will Tabus brechen, um aufzuklären. Dazu gehöre die kommentierte Herausgabe von "Mein Kampf". Adler dagegen meint: Tabus dienten dazu, "das Irrationale im Zaum zu halten". "Mein Kampf" müsse mit Sorgfalt behandelt werden. Und diese sei – so sein Vorwurf – in der Instituts-Ausgabe nicht gewahrt.

In seinem soeben erschienen Buch "Das absolut Böse" erweitert der Autor seine Vorwürfe. Er greift nicht nur scharf die Machart der Neuausgabe an, sondern erhebt den Vorwurf, die Edition reproduziere die Judenfeindlichkeit Hitlers durch die gewählte Form: Auf den rechten Seiten fortlaufend Hitlers "Mein Kampf", unterhalb und linksseitig die Kommentierungen der Herausgeber.

Die IfZ-Forscher begriffen nicht, sagt Adler, dass Hitlers wirre Ideologie eine Unzahl historischer Quellen vermische: "Es treffen sich die klassische Staatstheorie mit dem Darwinismus, die Aufklärung mit der politischen Romantik und das Ideal der Bildung mit dem Rassismus." So vertusche Hitler "die Tatsache, dass es sich beim völkischen Staat eigentlich um eine Rotte handelt, eine unorganisierte Meute, die ihre Legitimität lediglich von der Ausrottung der Andersartigen ableitet". Hinter seinem selbstbezogenen Redewahn und seinen Wortschöpfungen wie "germanischer Demokratie" verberge sich ein willkürlicher Eklektizismus aller möglichen Philosophien. Diese Verlogenheit der Textstruktur begründe keine "Weltanschauung", sondern Ideologie, und das Erschütternde daran bleibe, dass diese Textstruktur in den Köpfen weiter Teile der Deutschen zur Praxis der Vernichtung wurde. "Mein Kampf" bedeutete: "Vernichtung als Ziel".

Institut weist die
Vorwürfe zurück

Hitlers Verachtung des Menschen, die alles Gute in ihr Gegenteil verkehre, drücke sich in seiner Überzeugung von der absoluten Unhaltbarkeit des Daseins aus, so Adler. Charles Darwins Theorien würden von ihm nicht nur missbraucht, um den Kampf Rasse gegen Rasse zu rechtfertigen, wie die Münchner Editoren meinen, sozusagen als Metapher für den Kampf im Vernichtungskrieg, sondern deren Gebrauch sei ein völliges Missverständnis dieser Theorien.

Die Behandlung des Judentums, so Adler weiter in seinem Buch, sei der traurigste Teil der Ausgabe: Antisemitische Perspektiven schlichen sich ein, wenn die Herausgeber negative Bewertungen von "Juden" unkommentiert ließen, Verleumdungen blieben ohne Korrektur und bestätigten die rassistische Hetze von "Mein Kampf". Aussagen Hitlers wie: Die Juden betrieben "die Ausplünderung ihrer Mitmenschen", sie "leite weiter nichts als nackter Egoismus" oder: "Der Jude war immer ein Volk mit bestimmten rassischen Eigenschaften und niemals Religion" blieben von den Editoren unwidersprochen. Sollte man konsequenterweise die Schlussfolgerung ziehen, "der Jude" sei zu Recht enteignet, vertrieben und vernichtet worden, fragt Adler.

Aus dem Gestaltungsprinzip der Collage, das die IfZ-Fachleute anwenden – man sage nichts, setze die Dinge nur nebeneinander –, wird für Jeremy Adler ein gefährliches Spiel. Er fragt sich, warum ein "vom Staat subventioniertes Werk (…) die objektiven Tatsachen schuldig" bliebe. "Juden" würden unwidersprochen als "Teufel" und "große Meister der Lüge" bezeichnet. Hitlers Rede über "den Juden" als "Parasit im Körper anderer Nationen als seine Eigenart" begründe sein Ziel, "die jüdische Rasse als ganze auszumerzen".

Dadurch, dass die Forscher dies alles unkommentiert ließen, würden Antisemitismus und Rassismus Hitlers bestätigt, anstatt darüber aufzuklären und zu einem profunden Urteil zu gelangen: "Was in ,Mein Kampf’ steht, ist nicht nur als historisches Faktum zu kommentieren, es ist als Selbsttäuschung zu verstehen." Es gehe nicht nur um die Darstellung der Quellen für Hitlers Hetze, sondern vornehmlich um Quellenkritik. Die aber sei schlicht nicht vorhanden.

Um eine Stellungnahme zu Adlers Vorwürfen gebeten, äußert sich das Institut für Zeitgeschichte wie folgt: "In seinem Buch wiederholt Adler im Wesentlichen alte Vorwürfe, die er schon vor der Veröffentlichung der kritischen Edition von ,Mein Kampf‘, mehrfach geäußert hat. Das Institut für Zeitgeschichte ist jederzeit bereit, sich einer Debatte über seine wissenschaftliche Arbeit zu stellen. Wenn Adler allerdings dem IfZ unterstellt, dass die Edition antisemitisches Gedankengut transportiere, so ist dies ganz entschieden zurückzuweisen. Es widerspricht nicht nur völlig der Zielsetzung der IfZ-Edition, sondern auch allen Erfahrungen, die die Öffentlichkeit seit der Veröffentlichung des Buches sammeln konnte: Zahlreiche Veranstaltungen und öffentliche Debatten haben gezeigt, in welchem Maße die Edition des IfZ einen aufgeklärten und kritischen Diskurs angestoßen und so auch das Bewusstsein für die Unmenschlichkeit von Hitlers rassistischer und antisemitischer Hetze geschärft hat. Es ist unverständlich, warum Jeremy Adler diese Fakten nicht zur Kenntnis nehmen will."

Jeremy Adler: Das absolut Böse. Donat Verlag, Bremen 2017. 96 Seiten, 12,80 Euro.