Lesung in Freiburg

Kirsten Fuchs: Erwachsenwerden in den Wäldern

Jess Jochimsen

Von Jess Jochimsen

Fr, 25. September 2015

Literatur & Vorträge

Kirsten Fuchs liest in Freiburg aus ihrem neuen Roman "Mädchenmeute", der das Zeug zum Klassiker hat.

"Am Freitag bin ich zum Sozialamt gegangen, um Sex zu beantragen [...] Und dann war da mein neuer Sachbearbeiter. Den wollte ich gar nicht anlügen. Den wollte ich mir in den Schlüpfer stecken, damit er sich aufwärmen kann." Es waren Sätze wie diese, mit denen die Berliner Schriftstellerin Kirsten Fuchs 2003 den renommierten Literaturwettbewerb "Open Mike" gewann und die in ihren hochgelobten Debütroman "Die Titanic und Herr Berg" von 2005 einflossen.

Zehn Jahre später heißt das Sozialamt "Jobcenter" und Kirsten Fuchs war wieder einmal da, in einer Kolumne in der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift Das Magazin erzählt sie davon. 2014 lief es nicht gut für die Autorin: "Das Jahr fühlte sich an, als wäre ich wie Obelix als Kind in einen Topf mit Zaubertrank gefallen, nur dass mein Zaubertrank nicht stark machte, sondern ab 35 unglücklich."

Wieder so ein Satz – aus einer Geschichte, die diesmal wahr ist und viel aussagt über die Situation, in der sich nicht Wenige befinden, die vom Schreiben leben wollen. Fuchs bekam ihren großangekündigten Roman nicht fristgerecht fertig und musste eine Aufstockung beantragen. In diesem Fall endet die Geschichte gut. Nicht nur für die Autorin selbst, sondern auch und vor allem für jene, die die Lektüre ihres neuen Buchs nun glücklich macht.

Einer von ihnen ist der Kulturchef der Zeit, Jens Jessen, der "Mädchenmeute" in den Himmel hebt. Fuchs habe, schreibt er, "ein Amalgan aus Naivität, Jugendslang und tieferer Bedeutung gefunden", das "an die angelsächsische Tradition des hochliterarischen Abenteuerromans" heranreiche. Was er damit meint: Das Buch hat das Zeug zum Klassiker. Man liest die großen Robinsonaden allesamt mit und kann nicht aufhören, sich zu darüber zu freuen, dass Crusoes Insel heute ein Stollen im Erzgebirge ist, dass der "Herr der Fliegen" ein anderes Ende nehmen kann und dass es endlich weibliche Huckleberry Finns und Tom Sawyers gibt. Das Allerbeste aber: "Mädchenmeute" spielt derart im Hier und Jetzt und ist so phantastisch recherchiert, dass man das Buch als Blaupause für fast alle Abenteuergeschichten aus deutscher Feder nehmen möchte. Lesen! So geht das!

Acht Mädchen flüchten aus einem Sommercamp, klauen ein Hundefängerauto samt Hunden und schlagen sich wochenlang alleine in den Wäldern durch. Und alles stimmt! Wie die Mädchen containern und dumpstern, wie sie ihren Zusammenhalt organisieren, wie sie das Abenteuer ihres Lebens bestehen... Ja, "Mädchenmeute" ist ein Abenteuerbuch, wenn nicht sogar das Abenteuerbuch der Gegenwart, weil es das große Thema "Freiheit" wirklich ernst nimmt, als die Möglichkeit nämlich, zwischen allen Möglichkeiten wählen zu können. Zumindest einen Sommer lang.

"So was wie Freiheit war für so was wie Tiere. Hatte ich bis dahin immer gedacht. Es hatte nichts mit mir zu tun. Freiheit war für andere. Andere Länder, andere Zeiten. Wenn ich bei mir zu Hause saß, dann wollte ich da ja sitzen. Aber auf einmal war ich also frei. Genau in diesem Moment! Es roch auch alles ganz frei. Nach freier Nacht, freiem Mond, freiem Gras und freiem Himmel."

Anzumerken bleibt, dass das Buch auch einen veritablen DDR-Krimi-Plot aufweist und dass wie nebenbei die erste Liebe verhandelt wird. Doch ist der Roman weder Mädchen- noch Jugendbuch – er stellt "nur" die großen Fragen des Lebens und die erkennt man am klarsten, wenn man jung ist. "Man sollte sein Herz nicht an eine Idee hängen", erzählt eines der Mädchen, "weißt du, warum? Weil die Idee kein Herz hat. Die Idee liebt dich nicht zurück."

Es ist dieser süchtigmachende Sprachsound, der diese reife und spannende Geschichte so einzigartig macht. Wie urteilte der Spiegel treffend über Kirsten Fuchs’ Stil? "Diese Sprache produziert eine Energie und Lebendigkeit, die in der deutschen Gegenwartsliteratur ihresgleichen sucht." Anders formuliert: "Mädchenmeute" ist ein Zaubertrank. Glücklich all jene, die in diese 460 Seiten hineinfallen!

Kirsten Fuchs: Mädchenmeute. Rowohlt Verlag, Berlin 2015. 460 Seiten. 19,95 Euro.
Lesung: Freiburg, Vorderhaus, Samstag, 26. September, 20 Uhr.