KRIMINALROMANE: Jedes Leben zählt

Joachim Schneider

Von Joachim Schneider

Sa, 28. Oktober 2017

Literatur & Vorträge

Norbert Horst und William Shaw.

Mal keine bösen Cops: William Shaw erzählt von einem guten an der englischen Südwestküste, Norbert Horst bleibt in Dortmund.

Kaltes Land

Schon in seinem letzten Roman um den Kriminalkommissar Thomas Adam genannt Steiger beschäftigte sich Norbert Horst mit Menschen, die von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen werden: "Mädchenware" (2015) handelt von jungen Russinnen, denen hierzulande eine rosige Zukunft versprochen wird, damit sie – brutal gezwungen – auf dem Strich landen.

Auch fehlende Courage ist ein Thema: Nach der Schießerei in einer Villa will keiner der gutbürgerlichen Gäste aussagen. In "Kaltes Land" geht es nun um Menschen, die rechtlich nicht existieren: UMA, "unbegleitete minderjährige Flüchtlinge", geraten aus Angst und Not in falsche Hände.

Das mag die "rechte Flanke" wenig interessieren, doch für viele dürfte deprimierend sein, was Teenagern aus Syrien oder Afghanistan auf dem Weg in ihre Zukunft zustoßen kann. Phänomenal auch diesmal, wie Horst aus öder Polizeiarbeit spannende Literatur macht und durch tiefe Dunkelheit Licht schimmern lässt, ohne in Sozialkitsch abzugleiten. Die Moral versteht jeder. Jedes Leben zählt. Jedes Opfer hat ein Recht auf Aufklärung. Selbstverständlich ermittelt Steiger, als ein Drogenbote tot aufgefunden wird, obwohl seine Identität nicht feststellbar ist und sein Ableben eine Art Unfall war: Kokaintütchen platzten in seinem Magen. Offenbar steckt eine verbrecherische Organisation dahinter, die die Schwierigkeiten der Flüchtlinge ausnutzt.

Wie in "Mädchenware" erfährt der Leser einiges über die Opfer, da Horst deren Weg ins gelobte Land skizziert, während Steigers bester Freund mit einer Verletzung zu kämpfen hat und mehr noch mit seiner Seele, da er seinen Kontrahenten aus Notwehr erschießen musste. Sind das Helden, die mit eigenem Kopf und Sinn für Gerechtigkeit ihre Arbeit tun? Horst, selbst Kriminalhauptkommissar, schreibt keine Noir-Romane. Düster sind die Geschichten trotzdem und bewegender als manch spektakulärer Thriller, der in Scheinmoral und Aufgeplustertheit ersäuft.

Der gute Mörder

Als Meister eines fein abgestimmten Impressionismus erweist sich einmal mehr William Shaw, Autor der Breen-Tozer-Trilogie. An der englischen Südwestküste verhüllt leichte Schrulligkeit ein dramatisches Schicksal. Der deutsche Titel "Der gute Mörder" verrät das moralische Dilemma des Protagonisten, der englische "The Birdwatcher" ( Vogelbeobachter) vermittelt dessen Geduld und Wunsch, sich selber zu vergessen. Doch der gute Polizist South wird nicht nur mit seiner Vergangenheit konfrontiert, sondern auch mit einem tödlichen Geheimnis in nächster Umgebung. Shaws Geschichte über die Fortsetzung des Historischen im Privaten schwebt schwerelos wie die Vögel in der schroffen Küstenlandschaft, bis es zum Knall kommt – und erinnert (wie Horst) daran, dass es durchaus Gerechtigkeit geben kann.

Norbert Horst: Kaltes Land. Roman. Goldmann Verlag, München 2017. 400 S., 9,99 Euro. Lesung des Autors: 9. November, 20 Uhr, KrimiClub der Buchhandlung Schwarz, Gaststätte Der Kaiser, Freiburg, Günterstalstr. 38.
William Shaw: Der gute Mörder. Roman. Deutsch von Christiane Burkhardt. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 348 S., 14,95 Euro.