Garrard Conley

LESESTOFF: Wo die Heilung das Problem ist

Annette Hoffmann

Von Annette Hoffmann

So, 03. Juni 2018

Literatur & Vorträge

Es hätte nicht Garrard Conleys autobiografische Erzählung "Boy Erased" gebraucht, um zu verstehen, dass in den USA alternative Fakten zur Grundlage des Handelns werden können. Doch Conleys Buch, das der Untertitel "eine autobiografische Erzählung" nennt, lässt plastisch werden, welche Milieus das politische Klima beeinflussen. "Boy Erased" zeigt die Widerstände auf, auf die ein 19-jähriger Sohn eines Predigers der Missionarischen Baptisten stoßen kann, wenn er als schwul geoutet wird. Zwei Wochen wird er in einem Gruppenseminar der christlich-fundamentalistischen Organisation Love in Action therapiert, mit dem Ziel, ihn von seiner Homosexualität zu befreien. Es braucht Jahre, bis er diese Umerziehung, die einer Gehirnwäsche gleicht, hinter sich lassen kann. Nicht wenige Geschädigte entwickeln autoaggressives Verhalten, in Blogs tauschen sich Betroffene über Selbstmordgedanken aus. 2016 erscheint Conleys (Jahrgang 1985) Bericht in den USA, der auf Erinnerungen, Interviews, Gesprächen mit seiner Mutter und Zeitungsartikeln beruht. Es ist eine Entwicklungsgeschichte, die er so nie schreiben wollte.

Willkommen im Bible Belt, wo die Evolutionslehre an Schulen nicht gelehrt wird und Homosexualität als Sünde verurteilt wird wie Vergewaltigung oder Drogenmissbrauch. Das Handbuch der Ex-Gay-Bewegung umfasst 240 Seiten, es gibt Bekleidungsvorschriften und Stadtteile, die man zu meiden hat. "Das Einzige, worauf wir in dieser Endzeit hoffen konnten, war, dass das Land seine Treue zu Jesus bekundete, bevor die Entrückung beginnen würde, dass es einige seiner Fehler berichtigte, dass es weiterhin zuverlässige wiedergeborene Republikaner in die Ämter wählte", analysiert Conley später mit einiger Ironie.
Garrard Conley wird in eine tief religiöse Familie hineingeboren, für die liberale Werte Sünde sind. Die Antwort auf seine Homosexualität kann nur Heilung sein, andernfalls fällt die Familie in Schande und ein gottgefälliges Leben wird unmöglich. Eine Identität, die Religiosität und Familie mit Schwulsein und Literatur vereint, scheint undenkbar. In den letzten Jahren hat sich in den USA eine Art-Bekenntnisliteratur herausgebildet, die von Autoren geschrieben wird, die fundamentalistischen Sekten entronnen sind, seien sie jüdisch wie bei Deborah Feldman oder christlich wie bei Conley. Sie zeigen, wie groß die Bindungskraft solch geschlossener Systeme ist. Annette Hoffmann
Garrard Conley, Boy Erased, übersetzt von André Hansen, 335 Seiten, Secession Verlag, 2018, 25 Euro.
Lesung am 5. Juni, 20 Uhr, Artjamming, Günterstalstr. 41, Infos unter http://www.carl-schurz-haus.de