"Leute, seid mündige Leser!"

Manuel Fritsch

Von Manuel Fritsch

Fr, 06. Oktober 2017

Literatur & Vorträge

BZ-INTERVIEW mit dem Freiburger Übersetzer Tobias Scheffel über deutsch-französische Literaturbeziehungen.

Frankreich ist Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse. Zu diesem Anlass werden Hunderte neue Übersetzungen erscheinen. Über deutsch-französischen Verlagsbeziehungen und die französischen Neuerscheinungen diskutieren die Freiburger Lektorin Mélanie Heusel und der Übersetzer Tobias Scheffel am heutigen Freitag. Manuel Fritsch hat mit Tobias Scheffel über das deutsch-französische Verhältnis in der Literatur gesprochen.

BZ: Das deutsch-französische Tandem, das "couple franco-allemand", wird gern bemüht, um die guten Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich zu beschreiben. Gibt es ein solches Tandem auch in der Literatur?
Tobias Scheffel: Es gibt in der Literatur kein wirklich gleichberechtigtes "Couple". In diesem Jahr kommt bei uns besonders viel auf den Markt, aber auch in normalen Jahren ist der Blick nach Frankreich ein neugieriger und intensiver. Auf der anderen Seite wird in Frankreich zwar auch einiges an deutscher Gegenwartsliteratur übersetzt, aber es sind doch deutlich weniger Titel. Es wird sehr viel mehr aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt als andersrum. Aus Marktgesichtspunkten betrachtet, haben wir es also nicht mit einem gleichberechtigten Paar zu tun, sondern mit einem sehr dominanten Partner.
BZ: Warum ist das so?
Tobias Scheffel: Das hat damit zu tun, dass es in Deutschland seit langem eine stärkere Neugier gibt für das, was andere Nationen schreiben oder erzählen. In Frankreich wird dagegen unglaublich viel mehr Belletristik verfasst. Ich kann gar nicht sagen, ob es die eigene Stärke ist oder mangelnde Neugier, die macht, dass dort nicht so viel übersetzt wird.
BZ: Kann das auch mit einem unterschiedlichen Stellenwert von Literatur in den beiden Gesellschaften zu tun haben?
Tobias Scheffel: Auf jeden Fall. Mir scheint die Beschäftigung mit Literatur in Frankreich viel weiter verbreitet zu sein als in Deutschland. Das hängt auch damit zusammen, dass in Frankreich viel mehr gefördert wird. Es gibt eine lange und starke Schreib- und Literaturtradition einerseits, aber es wird auch staatlicherseits viel gefördert. Der Buchhandel ist dort geschützter als bei uns.
BZ: Fühlen Sie sich als Übersetzer auch als Kulturvermittler mit kulturellem Auftrag?
Tobias Scheffel: Nein, da unterliegt man allzu sehr den Gegebenheiten. Als Übersetzer kann ich nur bedingt initiativ sein und Verleger oder Lektoren auf Bücher oder auf Autoren hinweisen. Ich kann eher noch Bücher, die mir angeboten werden, ablehnen, als dass ich eine Rolle als Scout im Deutsch-Französischen hätte. Das ist bei Kollegen, die beispielsweise aus den slawischen Sprachen übersetzen, viel stärker. Das hat wohl den erfreulichen Grund, dass die Verlagskontakte und die Französischkenntnisse in deutschen Verlagen so gut sind, dass man den französischen Markt sehr gut kennt und beobachtet. Das ist bei tschechischer oder weißrussischer Literatur nur sehr bedingt so.
BZ: Was ist Ihr Geheimtipp, welches französische Buch muss man diesen Herbst lesen?
Tobias Scheffel: Da werde ich vor der Veranstaltung heute nichts sagen. Außerdem finde ich solche Tipps eh schwierig. Es gibt eine derartige Fülle von Titeln aus Frankreich, dass man im Grunde nur sagen kann: Leute, seid mündige Leser, schaut in Vorschauen, lasst euch von euren Buchhändlern beraten! Es gibt von Comics, über Kinder- und Jugendliteratur und Sachbücher bis zur Belletristik eine solche Bandbreite von Autoren und Titeln, dass jeder auf jedem Gebiet fündig werden kann. Deshalb werden unsere Tipps radikal subjektiv sein. Wir werden Bücher vorstellen, die garantiert nicht den Nerv der großen Menge treffen. Wir wollen damit auch auf Bücher hinweisen, die nur erscheinen können, weil es dieses Jahr dieses Gastland gibt.

Tobias Scheffel, geboren 1964 in Frankfurt, lebt und arbeitet seit vielen Jahren in Freiburg. Er ist Übersetzer von französischer Belletristik, Sachbüchern und Kinder- und Jugendliteratur und war in den vergangenen beiden Jahren fast ausschließlich mit Büchern beschäftigt, die 2017 auf Deutsch erscheinen.

Veranstaltung: "Tour de France", mit Mélanie Heusel und Tobias Scheffel, Freitag, 6. Oktober, 20 Uhr, Buchhandlung Schwarz, Günterstalstraße 44
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