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11. August 2017

Macht, Religion und Wissenschaft

"Stupor Mundi", die erste Graphic Novel des Franzosen Néjib, die auf Deutsch erscheint, begeistert bis zur letzten Seite.

  1. Panel aus „Stupor Mundi“ Foto: Néjib

Friedrich II. (1194–1250), seines Zeichens Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, plant den größten Schwindel aller Zeiten: Er will die heiligste aller vorstellbaren Reliquien fälschen. Das Blendwerk soll Papst Innozenz IV. (1195–1254) blamieren und Friedrichs Macht mehren. Kaiser und Kirchenoberhaupt befehden sich seit Jahren.

Damit Friedrichs Plan allerdings aufgeht, muss die Fälschung undurchschaubar sein, überirdisch erscheinen. Wie gerufen kommt dem Herrscher da Hannibal Qassim el Battuti, ein geflüchteter Gelehrter aus Bagdad. Dessen Experimente erschaffen wundersame Lichtbilder, aber wecken auch den Unmut einiger Gottesgläubiger.

Der fesselnde Band "Stupor Mundi" vereint eine grandiose Kulisse, originelle Figuren, Intrigen, Mysterien und überdies eine spannende Handlung. Er ist die erste Graphic Novel des französischen Künstlers Néjib, die auf Deutsch erscheint. Seine Grafik wirkt, ähnlich wie bei seinem Kollegen Joann Sfar, auf den ersten Blick fahrig. Aber sie ist ruhiger, verzichtet auf Schraffuren. Der ausdrucksstarke, schüttere Strich Néjibs umgibt schön kolorierte, einfarbige Flächen. Seine düstere Geschichte erinnert an Umberto Ecos "Der Name der Rose", besonders durch ihre unheilschwangere Stimmung.

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"Stupor Mundi" spielt auf Friedrichs II. entlegenem Schloss Castel del Monte. Den gewaltigen Bau durchziehen finstre Gänge. In riesigen Bibliotheken und alchimistischen Laboratorien studieren, forschen und diskutieren Gelehrte und Künstler auf des Kaisers Geheiß. Nicht allen ist Flüchtling el Battuti willkommen: Ihm eilt der Ruf voraus, der "Teufel in Person" zu sein. Bereits in Bagdad empörten sich die Gegner des Gelehrten, seine Wissenschaft beleidige Gott. El Battuti wurde gewaltsam vertrieben. Seine Frau kam ums Leben. Seine Tochter Houdeh ist traumatisiert, hat das Gedächtnis verloren und das Gehen verlernt. Diener El Ghul trägt Houdeh vor dem Bauch und vor dem Gesicht eine eigentümliche Maske, die sein Schicksal verdeckt.

Néjib, der 1976 in Tunesien zur Welt kam, erzählt packend und verschachtelt. Parallel zur Haupthandlung entspinnen sich Nebenstränge. Houdeh sucht in prä-psychoanalytischen Sitzungen nach ihrer Erinnerung. Auch El Ghuls Geheimnis enthüllt Néjib. Er verknüpft fiktive Personen und Ereignisse mit historischen. Sein rauer, mittelalterlicher Krimi spielt im Spannungsfeld zwischen Macht, Religion und Wissenschaft.

Flüchtling el Battuti macht sich ohne große Gewissensbisse zum Komplizen Friedrichs. Der setzt ihn unter Zeitdruck. Der Kaiser hat schon den Gesandten des Papstes einbestellt. Noch aber verblassen el Battutis Lichtbilder blitzschnell. Er soll sie dauerhaft fixieren, um Friedrichs Schwindel abzusichern. Gleichzeitig drängt tiefer Glaube andere Schlossbewohner zum Versuch, den ketzerischen Betrug am Papst zu hintertreiben.

"Stupor Mundi" – übersetzt das "Staunen der Welt" und Beiname Friedrichs II. – begeistert bis zur letzten Seite. Die Comicüberraschung des Sommers steuert auf ein großartiges, dramatisches Finale zu.

Néjib: Stupor Mundi – Das Staunen der Welt. Aus dem Französischen von Resel Rebiersch. Schreiber & Leser, Berlin 2017. 288 Seiten, 29,95 Euro.

Autor: Jürgen Schickinger