"Die Seele"

Neue Dauerausstellung im Marbacher Literaturmuseum

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Fr, 05. Juni 2015 um 09:28 Uhr

Literatur & Vorträge

Kann man die Literatur eines ganzen Jahrhunderts ausstellen? Und wenn ja, wie? Mit dieser Frage setzt sich das Literaturmuseum der Moderne in Marbach nun zum zweiten Mal auseinander.

Neun Jahre nach der zur Eröffnung 2006 eingerichteten Dauerausstellung ist diese durch eine ab dem 7. Juni der Öffentlichkeit zugänglichen neuen Schau ersetzt worden. Die Motive für das neue Arrangement eines sehr kleinen Teils der Bestände des Marbacher Archivs, das inzwischen 50 Millionen Blätter aus Nach- und Vorlässen von Schriftstellern, Philosophen und Geisteswissenschaftlern verwaltet, leuchten ein.

Das vordergründig Wichtigste ist ein Technisches: Der elektronische Museumsführer, für die nähere Identifizierung der "Flachware" – will sagen: Papierobjekte – in den Vitrinen war hoffnungslos veraltet. Nun ist, auf der Höhe der Smartphone- und Cloud-Zeit, eine App entwickelt worden, die man sich kostenlos aufs Handy laden kann; den Besuchern der Ausstellung stehen außerdem Ipads zur Verfügung.

"Die Seele" verbindet die Materialität der Archivalien mit Lebensspuren

Und es ist schlicht so, dass sich die reale Anschauung des Objekts und seine virtuelle Vergegenwärtigung nicht ausschließen, sondern, im Gegenteil, ergänzen: Bei zum Schutz der wertvollen Originale gedimmtem Licht lassen sich die Ausstellungsstücke mitunter nur schwer entziffern. Die Aura des Gegenstands und seine rationale Aneignung gehen auf diese Weise eine Symbiose ein – so wie der Titel der Schau die beiden Seiten der präsentierten Dinge erfassen will. "

Die Seele" verbinde, so Museumsdirektorin und Ausstellungskuratorin Heike Gfereis, die Materialität der Archivalien, das von Hand aufs Papier Geschriebene und Durchgestrichene, mit Anmerkungen oder Lebensspuren wie Brandflecken Versehene, das Gezeichnete, Gestrichelte und Gemalte, mit dem Imaginären, dem Phantasieraum des Betrachters, der sich an eigene Leseerlebnisse erinnert fühlt oder sich durch das flüchtige Lesen von Gedichtzeilen oder Briefstellen zu neuer Lektüre angeregt fühlt.

280 Objekte aus dem Marbacher Tresor werden gezeigt

"Die Seele": Diesen Titel kann man mutig nennen – in einer materialistischen, den Körper in den Mittelpunkt stellenden Zeit, die von der Seele als Schnittpunkt zwischen dem Dies- und dem Jenseits im Allgemeinen nicht mehr viel wissen will. Gemeint ist zunächst die "Seele der Archivs", die in seinen Schätzen liegt, und die Beseelung dieser Schätze durch das Auge des Betrachters. Ihm, einem von 60 000 Besuchern jährlich, kommt die neue Schau deutlich mehr entgegen als die alte, die nicht weniger als 1200 Objekte in einem riesigen Vitrinenschrein auf mehreren Etagen übereinandergeschichtet hatte. Dieser Marbacher Tresor ist nun auseinandergenommen und in einzelnen Arrangements locker über den großen "Lexus"-Raum verteilt worden.

Die Objekte wurden auf 280 drastisch reduziert; dementsprechend bleibt dem einzelnen Ding jetzt viel mehr Platz in den Vitrinen. Gelegentlich kann es sich darin sogar verlieren: wie das berühmte Foto von Franz Kafka am Altstädter Ring in Prag, dessen Winzigkeit in diametralem Gegensatz zu seiner ikonographischen Bedeutung steht. Oder die sehr verloren wirkende Hörkassette mit dem Text von F. C. Delius’ Erzählung "Mogadischu Fensterplatz".

Die Ausstellung ist streng chronologisch geordnet: Jedem Jahr zwischen 1899 und 2001 ist genau ein Gegenstand zugeordnet. Die Erwartung, anhand dieses Zeitstrahls einen Überblick über die deutschsprachige Literatur des Jahrhunderts gewinnen zu können, sollte man allerdings von vorn herein fallen lassen. Zwar kann die Schau mit beachtlichen Inkunabeln der Literaturgeschichte prunken: mit Franz Kafkas "Mäusebrief" etwa oder Auszügen aus seinem "Schloss"-Manuskript, der teuersten Marbacher Einzelerwerbung aller Zeiten.

Zum Flaneur mit den Augen werden

Alle wichtigen Autoren der literarischen Moderne – von Arthur Schnitzler bis zu Gottfried Benn, von Rainer Maria Rilke bis zu Heinrich Mann, von Hermann Hesse bis zu Alfred Döblin – sind ebenso vertreten wie die Repräsentanten der Nachkriegsliteratur. Hier haben das Suhrkamp-Archiv, die Vorlässe von Peter Handke und vor allem Hans Magnus Enzensberger die Marbacher Bestände in den vergangenen Jahren entschieden bereichert: Zwei Drittel der Gegenstände in "Die Seele" werden erstmals gezeigt. Im Ausblick auf ein "Virtuelles Museum des 21. Jahrhunderts" sind Autoren wie Lutz Seiler und Thomas Hettche digital präsent.

Doch das enzyklopädische Prinzip ist das Gegenmodell zu dieser Ausstellung. Man sollte sich treiben lassen zwischen den Vitrinen, zum Flaneur mit den Augen werden, der hier und dort hängenbleibt, weil er auf etwas stößt, was sein Interesse weckt.

Gottfried Benns Gedichte auf Speisekarten

Vielleicht sind es die auf ein bunt bemaltes Papierbeil notierten "Galgenlieder" von Christian Morgenstern. Vielleicht ist die George Grosz-Zeichnung von Bertolt Brecht. Vielleicht ist es der Brief von Adolf Hitler an Ernst Jünger, in dem der "größte Feldherr aller Zeiten" Jüngers Fronterfahrung mit markigen Worten rühmt. Vielleicht ist es der Semesterbericht von Gudrun Ensslin, auf dem sie die Geburt ihres Sohnes Felix ("sehr klein und zart") schildert. Vielleicht sind es die Notizbücher von Peter Handke, die er auf seiner ersten größeren Reise mit sich führte und mit Hilfe derer er eine tiefgreifende Sprachkrise überwand. Oder es sind die vier Stachelschweinborsten, die Robert Gernhardt fand und als Glücksbringer in Ehren hielt.

Oder es ist der Karteikasten von Friedrich Kittler – ein Ordnungssystem vor der von ihm als Pionier vorangetriebenen Digitalisierung des Wissens. Oder Wolfgang Hildesheimers "Plan einer totalen Sonnenfinsternis", der neben Nina Hagens euphorischem "Brief aus New York/ NY" liegt. Es könnten aber auch die Totenmasken von Friedrich Nietzsche, Hermann Hesse und Bertolt Brecht sein. Es könnte Martin Heideggers Brief an seinen Bruder Fritz sein, in dem er ihm seine frisch erworbene Mitgliedschaft in der NSDAP zur Nachahmung empfiehlt. Oder: Gottfried Benns Gedichte auf Speisekarten, Joseph Rots "Hiob"-Typoskript oder oder oder. Großartig, wie jeder hier für sich auf Entdeckertour gehen kann. Ja, es ist eine "unpädagogische" (Archiv-Direktor Ulrich Raulff) Ausstellung. Man darf sich selbst an die Hand nehmen. Zum Glück.
Info

Literaturmuseum der Moderne, Schillerhöhe 8, Marbach am Neckar. Ab 7. Juni. Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr geöffnet.