Prachtvolle Texte für einen (oder zwei) Euro

Andreas Kohm

Von Andreas Kohm

Di, 16. Februar 2016

Literatur & Vorträge

Gegen die Ökonomisierung nicht nur des Editionsgeschäfts: Der kleine Berliner Verlag blauwerke bringt "Groschenhefte des Weltgeistes" heraus.

Hegel hätte seine Freude an den "Groschenheften des Weltgeistes", die der kleine Berliner blauwerke-Verlag sich aufgemacht hat, in den Lauf der Dinge einzuspeisen. Und fast einen kleinen Rausch möchte man bekommen bei der Lektüre der prachtvollen Texte im Westentaschenformat, die sich einem entfalten in einer Form, die schöner, unspektakulärer, schlichter – und als letztes Argument unserer durchökonomisierten Zeit: billiger kaum sein könnte. Denn für einen beziehungsweise zwei Euro unterlaufen sie jede sogenannte ökonomische Logik mit den Mitteln einer geradezu verschwenderischen Verausgabung und verführen zu nichts mehr als zum Lesen und damit zum lustvollen Einsatz der eigenen Lebenszeit.

Ähnliches hatte es bereits in den euphorischen 1970ern in Italien gegeben, als der Verlag Stampa Alternativa gesellschaftskritische "Texte für alle" herausgab, die sich als Genussmittel verstanden und konsequenterweise an den Espressopreis gebunden waren. So zielt es nicht allein auf die Loslösung vom teueren Medium Buch, sondern vielmehr auch auf die Distanzierung von einem hypertrophen Buchmarkt, der in seiner Zuspitzung nur noch den medialen Hype um die Bestseller und das große Geschäft dahinter im Auge hat, wenn Kleinstverlage wie die blauwerke in einer Mischung aus anarchischem Furor und ironischer Resignation ihre editorische Arbeit gerade bis zu jenem Umschlagpunkt zu treiben suchen, wo die materiale Wertlosigkeit in höchste Wertschätzung des Gegenstandes und der eigenen, unbezahlten Arbeit umschlägt.

Letztlich Beispiele minimalistischer Veredelung gegen die Palettenberge der Druckwarendiscounter: In vorbildlicher Sorgfalt ediert, öffnen und erweitern sich die gehaltvollen Büchlein mit ihren Vor- und Nachworten, den Begleitessays, Fotos, Grafiken, wissenschaftlich fundierten Fußnoten und schließlich mit bibliografischen Hinweisen ins Enzyklopädische – dorthin, wo die Denk- und Recherchewege in Bibliotheken und Archiven sich verlieren könnten, um die aufgezeigte Kontextualisierung voran- und damit zugleich den symbolischen Mehrwert des Ausgangstextes in die Höhe zu treiben. Und dieser sei direkt an den "ästhetischen Lustgewinn" angesichts der Qualitäten des "isolierten" Textes gekoppelt, begeistert sich der Verleger Reiner Niehoff, der 2014 die blauwerke zusammen mit Valeska Bertoncini – sie sind beide Literaturwissenschaftler – gründete, um von nun an die Sachen, mit denen sie sonst bei anderen Verlagen hätten hausieren gehen müssen, selbst in die Hand zu nehmen. Ohne Werbeetat, aber mit Hoffnung auf die subversive Wirkung des zufälligen Weitersagens und einer neuen "Netz-Kultur".

Und begeisternde Texte gibt es noch viele zu entdecken: Wer kennt schon Hans Jürgen von der Wense, diesen megalomanischen Sammler und exzessiven Wanderer zwischen allen Wissensgebieten, mit seinem Essay "Über das Stehen" oder seiner Übersetzung einer "Schöpfungs-Mythe der Kato-Indianer"? Wer erinnert noch Georges Batailles provokative Schrift "Der große Zeh" von 1929? Und kaum jemand findet heute zu T.E. Lawrences ("von Arabien") "Sieben Säulen der Weisheit" und entdeckt dort seine Theorie einer "Wüsten-Guerilla", die hier nun erstmals auf Deutsch vorliegt.

So darf man nun, gespannt auf kommende Expeditionen und Entdeckungen, die geduldige und hoffentlich erfolgreiche Entwicklung eines Editionsprojektes verfolgen, wenn die nächsten wohlfeilen Weltgeist-"Splitter" des Abonnements im Briefkasten landen und das Ziel ihrer wahren Bestimmung treffen: das Herz des ins Blaue hinein staunenden Lesers.

edition blauwerke / splitter:
Groschenhefte des Weltgeistes
http://www.blauwerke-berlin.de