Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

08. Januar 2017 09:25 Uhr

Lörrach

Regisseur Gerd Heinz und Cellist Lucas Fels über ihr Rilke-Projekt

BZ-Interview mit dem Leiter des Instituts für Musiktheater in Freiburg Gerd Heinz und dem Cellisten Lucas Fels sprechen über ein gemeinsames Rilke-Projekt im Lörracher Burghof.

  1. Rezitator und Instrumentalist: Gerd Heinz (l.) und Lucas Fels im Freiburger Museum für Neue Kunst Foto: Rita Eggstein

Die beiden Herren kennen und schätzen sich – naturgemäß. Sonst würden sie nicht gemeinsam auftreten. Gerd Heinz, Regisseur, und Lucas Fels, Cellist, setzen sich in einer szenischen Lesung im Burghof Lörrach mit Rainer Maria Rilkes Zyklus "Duineser Elegien" auseinander, einem Meilenstein der lyrischen Moderne. Bettina Schulte sprach mit ihnen.

BZ: Was verbindet Sie beide mit Rilke?
Heinz: Wir beide haben vor zig Jahren schon einmal einen Abend mit Texten von Franz Kafka und Kompositionen von Wolfgang Rihm gestaltet. Seitdem hatten wir die Idee, dieses dichterische Gebirge von Rilke gegen Musik zu setzen – die Musik nicht als Erholung oder Zwischenraum gedacht, sondern als Erweiterung des poetischen Hallraums. Da spielt durchaus also auch die Dramaturgie eine Rolle, weswegen es leider nicht alle zehn Elegien sein können. Vielleicht kommt das irgendwann noch mal. Aber fünf Elegien kombiniert mit fünf Musikstücken, das ergibt zusammen eineinhalb Stunden. Das ist bei der Kompaktheit und Komplexität dieser Dichtung genug.

Werbung


BZ: Welche Elegien werden es sein?
Heinz: Die Elegien 1, 4, 5, 8 und 9.

BZ: Was kommt musikalisch dazu?
Fels: Dazu muss man zunächst grundsätzlich sagen: Rilke hat sich für Musik wenig oder gar nicht interessiert. Die Vertonung seiner Gedichte war ihm suspekt. Lasst die Finger davon, hat er dem Komponisten Ernst Krenek gegenüber geäußert, als dieser ihn mal in seinem letzten Domizil Muzot besucht hat. Immerhin hat er Krenek am Ende seines Lebens drei Gedichte geschickt. Da war aber auch das einzige Mal. Auf der anderen Seite haben sich Hunderte von Komponisten von Rilkes Texten angeregt gefühlt. Ich habe Rilke im Alter von 17, 18 sehr gemocht – im Gegensatz zu anderen Lyrikern seiner Zeit, Stefan George zum Beispiel Als ich während meines Freiburger Musikstudiums mal eine Suite von Max Reger gespielt habe, fiel mir die Ähnlichkeit in der künstlerischen Haltung auf.
Heinz: In den "Duineser Elegien" ist für mich der ganze Husserl, Heidegger, die frühe Existenzphilosophie drin. Rilke entwickelt hier eine Ontologie, die man auf das erste Hören hin nicht verstehen kann, aber auch nicht verstehen muss. Deshalb ist die Musik so wichtig. Es ist ja heute fast ein Zwang, alles verstehen zu müssen. Wir gehen einen anderen Weg.

BZ: Also: welche Musik?
Fels: Luigi Dallapiccola habe ich ausgewählt, nicht zuletzt auch, weil er 1904 ganz in der Nähe von Duino geboren wurde. Dann György Kurtág: Bei ihm findet sich eine Art, in der Musik mit Klängen aus der Vergangenheit umzugehen, die zu Rilkes Assoziationsreichtum passt. Am Schluss spiele ich ein Stück von Jonathan Harvey, einem englischen Komponisten, der das erste Auftragswerk für das Arditti Quartet komponiert hat. Er war ein sehr spiritueller Künstler. Das passt für mich auch sehr gut zu den Elegien. Harvey, der 2012 gestorben ist, traute sich, die existenzielle Situation des Menschen aufzugreifen und in seiner Musik widerzuspiegeln.

BZ: Und warum findet das Ereignis im Lörracher Burghof statt?
Heinz: Ich bin bereits zweimal dort mit großem Erfolg aufgetreten: einmal mit Charles Brauer und einmal mit einer Lesung zum Ersten Weltkrieg. Mich freut es sehr, dass der Burghof uns die Gelegenheit gibt, auch dieses Projekt zu realisieren. Und wir haben mit Lilot Hegi eine meiner Leib- und Magenbühnenbildnerinnen engagiert. Wir gehen durch den Raum, wir machen eine kleine szenische Choreografie, es gibt Projektionen, es gibt Licht – von da her kann man mit Fug und Recht von einer szenischen Lesung sprechen.

BZ: Die Bühne benutzen Sie gar nicht?
Heinz: Die Bühne dient nur den Projektionen. Wir bewegen uns im Zuschauerraum zwischen vier Inseln. Die Zuschauer sitzen in Blöcken drum herum.

BZ: Der Abend findet nur ein einziges Mal statt?
Heinz: Bisher ja. Man braucht einen entsprechenden Raum. Im Theater Freiburg wäre er zum Beispiel nicht möglich.

BZ: Der Klang des Cellos ist für Sie ideal? Es könnte kein Klavier und auch keine Klarinette sein?
Fels: Der Klang des Cellos ist der menschlichen Stimme am nächsten. Außerdem ist es das einzige Instrument, das ständig die Rollen wechseln kann. Es kann begleiten, Solist sein und im Team spielen. Der Cellist ist so etwas wie ein Beobachter.

BZ: Noch einmal zu den Elegien. Sie sind ja singulär in Rilkes Oeuvre.
Heinz: Hier hat der Dichter sein wahnsinniges Können in eine gedankliche und eine Empfindungstiefe gebracht, dass man gleich an T. S. Eliot und Ezra Pound denken muss. Und sie sind die Fortsetzung von Hölderlin.
Fels: Für meinen Vater als klassischen Bildungsbürger waren die "Duineser Elegien" das Größte. Noch auf dem Sterbebett wollte er daraus hören.


"Denn bleiben ist nirgends". Rilkes Duineser Elegien. Burghof Lörrach, 15. Januar, 18 Uhr.

Gerd Heinz, 76, war Intendant des Zürcher Theaters und Leiter des Instituts für Musiktheater an der Freiburger Musikhochschule.
Lucas Fels, 54, ist in Lörrach geboren und war lange Jahre Cellist beim Freiburger ensemble recherche. Seit 2006 ist er Cellist beim Londoner Arditti Quartet.

Autor: Bettina Schulte