Lese-Tipp

Roman "Was alles war" erzählt vom Comeback der Familie

Michael Braun

Von Michael Braun

Sa, 04. März 2017 um 00:01 Uhr

Literatur & Vorträge

Über die instabilen Aggregatzustände der Liebe, ihre von narzisstischen Störungen ausgehöhlten Fundamente hat die Schriftstellerin Annette Mingels schon einige eindrucksvolle literarische Expertisen angefertigt.

In ihren Romanen "Die Liebe der Matrosen" (2005) und "Tontauben" (2011) wackelte die Liebesordnung der Protagonisten bedenklich oder stürzte gleich ganz ein, wenn sie von den fortdauernden Seitensprüngen ihrer nach erotischer Bestätigung hungernden Helden sabotiert wurde. Glückliche Ehen hatten in den Büchern der 1971 geborenen und in Hamburg lebenden Autorin einen schweren Stand, scheinbar ungefährdete Familiensysteme pulverisierten sich selbst.

In ihrem neuen Roman "Was alles war" ist nun alles anders. Mingels’ Romanhelden, Akademiker um die vierzig, sind endgültig erwachsen geworden und bereit, vom Absolutismus der Selbstbestimmung und dem Primat der Autonomie abzurücken – zugunsten einer Erfahrung von gemeinsamem Glück. Das Verlangen nach Liebe wird nicht mehr durch erotische Egomanie konterkariert, sondern ist ein mit dem Partner ausgelotetes, durch die gemeinsame Verantwortung für Kinder stabilisiertes Experiment. Das durchaus krisenanfällig bleibt.

Im Gegensatz zu ihren vorangegangenen Büchern wählt Annette Mingels erstmals eine autobiografische Perspektive. Am Anfang des Romans widerfährt ihrer Heldin Susanna Berner jene Lebenserschütterung, die Mingels bereits vor einem Jahrzehnt als FAZ-Kolumnistin in einer Reportage beschrieben hat. Es geht um das Thema Adoption, um die Begegnung der Protagonistin, die wie die Autorin als Adoptivkind aufwuchs, mit ihrer leiblichen Mutter. Es ist eine Begegnung mit der Inkarnation der egoistischen Hippie-Generation, die den promiskuitiven Genuss zum Lebensprinzip erklärt hat. Die Mutterfigur Viola, die als Schauspielerin und Fotografin durch die Weltgeschichte vagabundiert, ist fast ein Klischeebild jenes Selbstverwirklichungswahns, den die libertär gesinnte 68er Generation zur Ultima Ratio antibürgerlichen Daseins erhoben hatte. Die frei schweifende Lebenskünstlerin Viola trifft nun auf ihre Tochter Susanna, die Meeresbiologin: Es ist eine Begegnung der wilden Liebesunordnung der 68er-Zeit mit einer neuen Liebesethik der Verantwortung.

Sie ist der Ausgangspunkt für eine Expedition Susannas zu ihren biografischen Wurzeln. Daraus entwickelt sich ein Lehrstück über die alten Motive von Werden und Vergehen, von Lebensutopie und ihrer Ernüchterung. Susanna erprobt den schwierigen Lebensalltag in einer Patchwork-Familie mit dem Mediävisten Henryk, der zwei Töchter hat. Und durchlebt ein existenzielles Drama, als der geliebte Adoptivvater stirbt, kurz nach der Geburt ihres Sohnes Leve. Schließlich gerät auch die Ehe mit Henryk ins Wanken, als sich die beruflichen Agenden der Ehepartner nicht mehr koordinieren lassen und Susanna sich auf die Suche nach ihrem leiblichen Vater in den USA machen will.

Annette Mingels hat enorm viel Stoff in diesen Familienroman gepackt: die Erforschung der eigenen Herkunft, das Thema Adoption, die täglichen Platzkämpfe im Ehealltag, das Glück der Mutterschaft, die existenzielle Erfahrung von Geburt und Tod, das Austarieren gegensätzlicher Karriere-Vorstellungen, die Selbstvergewisserung der Liebenden. Dabei favorisiert sie einen leichten, realistischen Erzählstil, wobei manchmal ein Ich-Erzähler agiert, dann wieder der Außenperspektive der Vorzug gegeben wird. Einige Szenen sind recht nah am Dialog-Setting einschlägiger Fernsehserien. Sehr berührend sind dagegen die so akribischen wie intensiven Aufzeichnungen zum langen Sterben des Vaters, ein endgültiger Abschied von der Kindheit, der zusammenfällt mit der Erfahrung neuen Lebens in Gestalt des Neugeborenen.

Der Egoismus, sagt an einer Stelle des Romans Susannas Halbbruder und Seelenverwandter Cosmo, ist die einzige Konstante der Evolution. Der Roman "Was alles war" erzählt dagegen in beeindruckender Genauigkeit von dem Versuch, den Liebesegoismus als Lebenskonzept hinter sich zu lassen und stattdessen einen Weg der Verbundenheit zu finden, der die Familie nicht als kleinste kriminelle Vereinigung, sondern als Ort der Utopie erfährt.

Annette Mingels: Was alles war. Roman. Knaus Verlag, München 2017. 288 Seiten, 19,99 Euro.