Tolstoi – aber nicht Leo

Jürgen Schickinger

Von Jürgen Schickinger

Sa, 03. November 2018

Literatur & Vorträge

Pascal Rabatés Comic "Der Schwindler".

Wenn die Welt in Feuer und Blut vergeht (…), wenn der Bruder den Bruder tötet, wirst du reich sein." Seit dieser Prophezeiung sehnt der Büroangestellte Semjon Iwanowitsch Newsorow das Chaos herbei. "Meine Zeit wird kommen", tönt er 1917 in St. Petersburg gegenüber Bekannten. Tage später bricht die Revolution aus. Newsorow kommt zu Reichtum, hilft allerdings mit einem Mord nach: "Es war Schicksal." Er zieht nach Moskau, um das Leben zu genießen. Sein Hoch wird nicht von Dauer sein: Die Revolution treibt ihn durch Gegenden, die in Krieg und Elend versinken – über die Ukraine ans Schwarze Meer und nach Konstantinopel.

Auf mehr als 500 Seiten zeichnet der Comickünstler Pascal Rabaté den Roman "Ibykus" (1923) von Alexej Tolstoi nach. Die atemberaubende Adaption "Der Schwindler" basiert auf einem Flüchtigkeitsfehler: Rabaté kaufte den Roman im Glauben, er stamme von Alexejs berühmten Namensvetter Leo. Zum Glück hat der 57-jährige Franzose den Fehlgriff dennoch gelesen und begeisternd umgesetzt. Seine schwarz-weiß-grauen Pinselzeichnungen orientieren sich an Kunststilen der damaligen Zeit: Neue Sachlichkeit und Expressionismus. Konturen fließen. Charakterzüge sind mild überzeichnet. Virtuos arbeitet Rabaté mit Licht, Schatten und ungewöhnlichen Blickwinkeln. Seine intensiven Bilder erzählen dicht und atmosphärisch, so dass dem "Schwindler" neben wortlosen Passagen wenig Text genügt. In Moskau legt sich Newsorow einen Adelstitel zu, der nur Gelächter auslöst. Eine Schabe bleibt auch als "Graf" eine Schabe. Mit der Malerin Allotschka durchlebt er rauschhafte Tage voller Sex, Streit und Kokain. Mit ihrem Ex-Freund Rtitschew betreibt er bis zu einer Razzia einen illegalen Spielsalon. Seine Flucht führt zuerst in die Ukraine, wo der finsterste Teil des Romans spielt. Armeeeinheiten und Mörderbanden fallen übereinander und die Landbevölkerung her. Leid und Hunger regieren. Kinder lecken das Blut frisch getöteter Pferde vom Boden auf. Leichen zu fleddern, gilt als "Ernten". Newsorow hält sich raus, so gut es geht. Bolschewist, Zarist, Anarchist? Egal, er kennt nur eine Seite, eine Partei: sich selbst. Gutsherr, Spitzel, Zuhälter. Newsorow fällt mehrfach tief, um wieder aufzustehen.

Der Antiheld ähnelt seinem Schöpfer. Alexej Tolstoi, im Jahr 1882 geboren, stellt sich zunächst gegen die Bolschewisten. Er arbeitet für die gegnerische Propaganda, emigriert später nach Paris und Berlin, kehrt 1923 jedoch in seine Heimat zurück. Dort biedert er sich dem System an, schreibt sich hoch bis zum Mitglied des Obersten Sowjet.

1945 stirbt Tolstoi in Moskau. Sein Roman "Ibykus" ist das Porträt eines Opportunisten und Schicksalsgünstlings, aber auch ein düsteres Zeitpanorama. Rabatés preisgekrönte Adaption "Der Schwindler" füllte ursprünglich drei Comicalben – vor fast 20 Jahren. Die deutsche Fassung, die einer einbändigen Gesamtausgabe von 2016 folgt, erscheint spät, aber auch passend: rund 100 Jahre nach den erzählten Ereignissen.

Pascal Rabaté: Der Schwindler. Nach dem
Roman "Ibykus" von Alexej Tolstoi. Aus dem
Französischen von Resel Rebiersch. Verlag
Schreiber und Leser, Hamburg 2018.
543 Seiten, 40 Euro.