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18. August 2017

Von glorreichen Zeiten in einer trostlosen Gegenwart

Sylvain Prudhommes Roman "Ein Lied für Dulce" ist eine Liebeserklärung an die Musik und das Leben in West-Afrika.

  1. Sylvain Prudhomme Foto: édition Gallimard

Manchmal kommt alles zusammen: Just an dem Tag, an dem die legendäre Kapelle Super Mama Djombe eines ihrer raren Konzerte spielen wollte, stirbt Dulce. Ein Schock. Jene erste Sängerin der Band verzauberte ihre Kollegen genauso wie das Publikum. Ein hoher Offizier heiratete sie von der Bühne weg. Noch dazu plant am gleichen Abend das Militär einen Putsch, Rädelsführer ist der eben zum Witwer gewordene General Gomes.

Guinea Bissau. Anfang der 2010er-Jahre. Der Unabhängigkeitskampf ist Geschichte: Die ehemalige portugiesische Kolonie im Westen Afrikas dümpelt so vor sich hin. Der französische Schriftsteller Sylvain Prudhomme erzählt in seinem großartigen, mehrfach ausgezeichneten Roman "Ein Lied für Dulce" von glorreichen Zeiten in einer eher trostlosen Gegenwart. Seine Hauptfigur Couto spürt das am eigenen Leib, die besten Jahre hat der Rhythmusgitarrist von Super Mama Djombe längst hinter sich: Gelegenheitsjobs, Konzerte hin und wieder und seine jüngere Freundin halten ihn über Wasser: Doch man kennt und schätzt den dünnen, leicht hinkenden Mann. Selbst die HipHopper der jüngsten Generation zollen ihm und seinen Kollegen Respekt.

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Couto aber war nicht nur der dutur di biola, der Doktor der Gitarre, sondern auch Dulces auserwählter Liebhaber in der Band, bevor sie ins Establishment wechselte. Auch das ist ein Thema des Romans: Verrat der Ideale für ein Leben auf der sicheren Seite. Doch Prudhomme liegt es fern zu moralisieren, im Gegenteil. Er bringt viel Verständnis für seine Figuren auf, weniger für die Korrumpierung der Mächtigen: Viele der einstigen Helden des Unabhängigkeitskrieges mutierten zu sogenannten "Fresssäcken". Auch Couto kämpfte gegen die Kolonialisten, doch als Musiker – so scheint es –, blieb er von den Verlockungen des Regimes verschont.

Die Band muss entscheiden, ob sie an diesem Abend tatsächlich spielen will. Für Couto Anlass, sein Leben Revue passieren zu lassen, nachzudenken über das Schicksal der Bandmitglieder, die es teilweise nach Europa verschlagen hat. Die Karriere machten oder immer noch Kumpels sind. Prudhomme setzt auf die Einheit von Zeit und Raum. Sein Held wandert durch die Stadt, trifft Freunde und Mitmusiker, lässt Jahrzehnte, Tragödien und Geschichten passieren: ein Bewusstseinsstrom, so intensiv und leicht wie ein Musikstück von Super Mama Djombe. "Ein Lied für Dulce" ist auch in der deutschen Übersetzung von Claudia Kalscheuer eine Liebeserklärung an die afrikanische Musik und das Leben in West-Afrika, trotz des Unbills.

Die Kapelle Super Mama Djombe existiert tatsächlich seit Ende der 70er Jahre und hatte weltweiten Erfolg. Die Band schrieb nicht nur Hymnen für die Revolution, sondern auch Musikgeschichte mit ihrer eigenwilligen Mischung aus Pop, afrikanischer und karibischer Musik. Mit Couto, dem Rhythmusgitarristen, Kämpfer und Liebhaber, schuf Proudhomme eine wundervolle literarische Figur: Er ist der Angelpunkt, um den alles kreist. Dulce, die Sängerin, hat ein gleichnamiges lebendes Vorbild. So eindringlich und aufschlussreich gelingt Schreiben über Musik selten. Ein musikalisches Denkmal, in Literatur gegossen.

Sylvain Prudhomme: Ein Lied für Dulce. Roman. Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer. Unionsverlag, Zürich 2017. 223 Seiten, 20 Euro.

Autor: Joachim Schneider