Von starken und mutigen Ägypterinnen

Annemarie Rösch

Von Annemarie Rösch

Fr, 26. Januar 2018

Literatur & Vorträge

Fotografin Amélie Losier zeigt beeindruckende Porträts / Die Frauen kommen auch zu Wort und erzählen aus ihrem oft schwierigen Leben.

Wer Ägypten und seine Frauen kennt, wird dieses Buch lieben. Und wer das Land am Nil noch nie erlebt hat, dürfte zumindest neugierig werden. Ganz schlicht "Sayeda", Frau, heißt der Bildband der Fotografin Amélie Losier. Er zeigt Ägypterinnen aller Klassen und Altersgruppen, Frauen, die trotz widriger sozialer und familiärer Umstände nicht aufgeben, andere, die für die Befreiung ihres Geschlechts streiten und kämpfen, sich gegen sexuelle Belästigung wehren. Manche von ihnen tragen Kopftuch, andere nicht – und allesamt sind sie starke Frauen.

Samah zum Beispiel, 35 Jahre alt. Die Köchin und Putzfrau lebt ein Leben, wie so viele Ägypterinnen in Kairo, Alexandria oder auf dem Land. Ihr Einkommen reicht nur für eine schlichte Behausung: Die Farbe blättert an den Wänden und Fensterrahmen. Und doch versucht sie, es für sich und ihre drei Kinder, die sie alleine erzieht, so gemütlich wie möglich zu machen. Saubere Deckchen und Überwürfe verbergen das schäbige Mobiliar. Wie ein Gemälde mutet das Foto an, das Samah in ihrem Heim zeigt, eine Frau, die mit klaren, sogar fröhlichen Augen in die Kamera blickt – trotz ihres schwierigen Lebens. Wie ihre Schwester erzählt, wurde sie an einen Mann verheiratet, den sie nicht kannte, der nicht gut zu ihr war und der im Gefängnis landete.

Anders als Samah trägt Nadia (42) kein Kopftuch: Sie ist eine koptische Christin; zehn Prozent aller Ägypter gehören dieser Minderheit an. Doch auch sie musste sich durchkämpfen, das hat Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen: Mit 15 wurde sie mit einem Mann verheiratet, einem "widerlichen Kerl", wie sie im Begleitinterview erzählt. Obwohl er sie misshandelte, durfte sie sich nicht scheiden lassen; Kopten kennen keine Scheidung. Dennoch gelang ihr die Befreiung: Sie zog zu ihrer Mutter. Der Mann ist inzwischen gestorben. "Gott sei Dank!", sagt sie. In ihren Augen meint man Stolz zu erkennen, dass sie sich nicht unterkriegen ließ, und Triumph, weil sie obsiegte.

Nicht alle Schicksale der porträtierten Frauen sind so schwierig, wie das von Samah und Nadia, manche wuchsen privilegierter auf oder konnten Männer heiraten, die ihnen gefielen. Mona, 42, sagt stolz, sie lebe in einer Liebesehe und arbeite, weil ihr das gefalle. Dabei gehört diese Frau nach Beruf und Kleidung keinesfalls zur ägyptischen Oberschicht. Aber der entschlossene Zug um ihren Mund zeigt: Sie ist eine Frau, die sich nicht unterbuttern lässt – egal, wie frauenfeindlich die Gesetze und Gepflogenheiten in Ägypten sein mögen.

Eine besonders spannende Frau ist Angie, 36. Sie trägt Kopftuch, was in westlichen Gesellschaften oft als Zeichen der Unterdrückung und der Schwäche gewertet wird. Doch Angie passt so gar nicht in dieses Klischee. An ihrem Nasenflügel blinkt ein Piercing. Sie ist Sprayerin, organisiert das Projekt "Women on Walls" (Frauen auf Wänden), das Frauen sichtbar machen soll – mit ihren Gesichtern. Auch Angies Sprache ist klar und offen: Zu einem der Frauen-Graffiti sagt sie: "... ihre Weiblichkeit und Kraft lagen vollständig in ihrem Kopf und Gesicht. Dagegen der Körper? Egal wie der aussah! Er hatte keine Brüste, keine Vagina, keinen Penis. In einer Männer dominierten Gesellschaft geht man davon aus, dass deine Macht von den Geschlechtsorganen bestimmt wird: Wenn du einen Penis hast, stehen dir die Türen der Gesellschaft offen." Starke Worte einer kämpferischen Frau. Es finden sich viele solch beeindruckende Porträts im Bildband.

So sehr dieses Buch die mangelnden Frauen- und Menschenrechte in Ägypten anprangert, es malt nie nur schwarz und weiß – gerade weil Fotografin Amélie Losier die Frauen ganz in ihren Fokus rückt, ihnen zuhört, sie selbst zu Wort kommen lässt. Es entsteht so das Bild einer Gesellschaft, die um ihre Zukunft ringt: Manche Frauen – und auch Männer – wollen sich der Moderne öffnen, kämpfen für mehr Demokratie und Freiheiten. Die Beharrungskräfte scheinen allerdings enorm. Es ist ungeheuerlich, welchen Lebensmut und welche Energie die abgebildeten Ägypterinnen aufbringen, obwohl sie doch unter sehr viel schwierigeren Umständen leben als die meisten Menschen im Westen. Diese Tatsache uns bewusst zu machen und uns zum Nachdenken darüber anzuregen, ist ein Verdienst dieses sehens- und lesenswerten Buches.

Amélie Losier Sayeda. Frauen in Ägypten. Verlag Nimbus. Kunst und Bücher AG, Wädenswil 2017. 280 Seiten, 36 Euro.